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Häusliche Gewalt ist keine Privatangelegenheit!

19.04.2022
von SMA

In den eigenen vier Wände sollten sich alle Mensch geborgen fühlen können. Für erschreckend viele Frauen aber ist gerade das Zuhause der gefährlichste Ort der Welt und der Mensch, der ihnen am nächsten steht, ist der Täter. Häusliche Gewalt ist die häufigste Ursache für Verletzungen bei Frauen, häufiger als Verkehrsunfälle, Überfälle und sonstige Übergriffe zusammengenommen, meldet die WHO.

Die Statistik des BKA ist alarmierend. So wurden im Jahr 2020 – das sind die letzten offiziellen Zahlen – fast 150 000 Betroffene häuslicher Gewalt registriert – davon waren mehr als 80 Prozent Frauen. Die gemeldeten Übergriffe variierten von einfacher Körperverletzung, Nötigung, schwerer Körperverletzung, Vergewaltigung bis zu Mord. 139 Frauen wurden von ihrem (Ex-)Partner ermordet, das ist mehr als jeden 3. Tag eine. Zwei Drittel aller Vergewaltigungen finden, entgegen der öffentlichen Wahrnehmung, zu Hause, im Freundeskreis oder am Arbeitsplatz statt.

Häusliche Gewalt Statistik 2020

Verglichen mit den Vorjahren ist feststellbar, dass die Gewalt an Frauen mit jedem Jahr zunimmt. Und das liegt nicht nur an den Corona-Maßnahmen, durch die über lange Zeiträume Frauen gewalttätigen Partnern noch mehr als sonst ausgeliefert waren. Im Lockdown war es denkbar schwer oder unmöglich, Hilfe zu suchen. Nach dem ersten Lockdown stiegen z.B. bei der Berliner Initiative gegen Gewalt an Frauen – BIG e.V. die Hilfsgesuche um über 30 Prozent.

Worüber die BKA-Statistik nichts aussagen kann, sind die Bedrohungen, Nötigungen, Vergewaltigungen, Freiheitsberaubungen und Körperverletzungen, die gar nicht erst zur Anzeige kommen: Viele Betroffene können sich nicht allein aus ihren gewaltvollen Beziehungen befreien, da sie finanziell oder emotional abhängig von ihrem (Ex-) Partner sind, noch brutalere Übergriffe fürchten oder Angst um ihre Kinder und ihr eigenes Leben haben.

Ein weiterer Grund kann die Angst sein, mit den Behörden Kontakt aufzunehmen. Manche Frauen kennen ihre Rechte nicht, oder schrecken davor zurück, sich Hilfe zu holen. Viele Frauen, die die Polizei riefen, zogen ihre Anzeigen zurück, weil ihr Partner Reue zeigte und das Gelübde ablegte, dass es nie wieder zu einem solchen Vorfall kommen werde – bis zum nächsten Mal. Dieser psychologische Mechanismus erschwert es vielen Frauen oft über Jahre, sich aus der Gewalt zu befreien.

Die vom BKA publizierten Zahlen sind also nur die winzige Spitze eines riesigen Eisbergs. Seelische Verletzungen durch manifeste oder angedrohte Gewalt sind ohnehin durch keine Statistik erfassbar.

Terre de Femmes hat die häusliche Gewalt schon seit Langem ins Visier genommen. Zu beklagen ist, dass das Problem trotz seiner großen Verbreitung in unserer Gesellschaft immer noch tabuisiert, bagatellisiert und als Privatsache abgestempelt wird.

Häusliche Gewalt ist ein Problem, dass sich durch alle sozialen Schichten in Deutschland zieht, Faktoren wie Status, Bildungsgrad oder Wohnort sind nicht ausschlaggebend. Das Geschlecht jedoch schon: Rund 79 Prozent der Tatverdächtigen sind männlich und rund 80 Prozent der Opfer sind weiblich.

Das zeigt: Es handelt sich um strukturelle, geschlechtsspezifische Gewalt.

Das heißt, es ist ein Problem, das die Gesellschaft durch ihre für Männer und Frauen ungleiche Sozialisation und Wertschätzung der zugewiesenen Rollen und Tätigkeiten produziert. Mit Sozialisation ist nicht nur die Erziehung in Familie und Schule gemeint, sondern auch jegliche Einflussnahme der Gesellschaft auf das Werden und Gedeihen eines Menschen. Dazu gehören Medien, Hatespeech im Internet, frauenverachtende Sprache im Deutschrap, sowie sexistische Werbung. Das alles prägt das Frauenbild in unserer Gesellschaft.

Deutschland muss sicherstellen, dass allen Frauen, die Gewalt erleiden, adäquate Hilfe und Unterstützung zur Verfügung steht, unabhängig von ihrem Wohnort, Gesundheitszustand, der Herkunft oder dem Aufenthaltstitel.

Und weil die häusliche Gewalt ein gesellschaftliches Problem ist, muss auch die Gesellschaft die Weichen stellen, dies zu ändern.

Zuallererst ist es wichtig, dass von häuslicher Gewalt betroffene Frauen einen Rechtsanspruch auf Hilfe haben: Deutschland muss sicherstellen, dass allen Frauen, die Gewalt erleiden, adäquate Hilfe und Unterstützung zur Verfügung steht, unabhängig von ihrem Wohnort, Gesundheitszustand, der Herkunft oder dem Aufenthaltstitel.

Ganz wichtig ist auch die zügige Umsetzung der Istanbul-Konvention ohne Vorbehalte. Diese ist ein völkerrechtlicher Vertrag, der die Staaten dazu verpflichtet, verbindliche Rechtsnormen gegen Gewalt an Frauen und häusliche Gewalt zu schaffen. Deutschland hat allerdings bei der Unterzeichnung beim Aufenthaltsrecht einen Vorbehalt eingelegt, nämlich, dass Migrantinnen vor Beendigung der »Ehebestandszeit« keinen vom Ehemann unabhängigen Aufenthaltstitel bekommen. Dies führt dazu, dass Frauen, selbst wenn sie von Gewalt betroffen sind, bei ihrem (gewalttätigen) Ehemann ausharren müssen, wenn sie in Deutschland bleiben wollen bzw. nicht in ihre Heimat zurückkönnen.

Vonnöten ist auch neben einer Aufklärung der Gesamtbevölkerung eine bundesweite Sensibilisierung von Behörden, Richterschaft und Polizei. z.B. durch verpflichtende Fortbildungen.

Jugendgerechte Präventionsarbeit muss Bestandteil des Curriculums in den Schulen werden; und auch alle Unternehmen und Verwaltungen müssen betriebliche Maßnahmen zum Schutz vor häuslicher Gewalt etablieren.

Allerdings reicht es nicht, die Verantwortung auf die abstrakte Gesamtgesellschaft abzuwälzen. Wir alle haben die Verantwortung, bei häuslicher Gewalt nicht wegzuschauen und bei Beobachtung oder Verdacht etwas zu unternehmen – natürlich, ohne sich selbst dabei in Gefahr zu bringen. Wie kann das gehen?

Unter der Nummer 08000 116 016 ist das bundesweite Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ rund um die Uhr und das ganze Jahr kostenfrei erreichbar. Betroffene und auch unterstützende Menschen können sich anonym, kompetent, sicher, barrierefrei und mehrsprachig beraten lassen.

Was aber kann getan werden, wenn häusliche Gewalt in unmittelbarer Nähe, in Sicht- oder Hörweite zum Beispiel bei den Nachbarn miterlebt wird? Da ist die Devise: Deeskalieren! So kann z.B. unter einem Vorwand (»Kann ich mal zwei Eier oder ein Stück Butter borgen?«) bei den Nachbarn geklingelt werden. Dadurch wird diese Situation unterbrochen und möglicherweise abgebrochen. Es ist es auch richtig und wichtig, die Polizei (110) zu rufen: lieber einmal zu oft als einmal zu wenig. Im Nachgang sollten Betroffene auf das Erlebte angesprochen und Unterstützung angeboten werden. Sie müssen merken, dass sie nicht alleine gelassen werden.

Text Prof. Dr. Godula Kosack, Vorstandsvorsitzende von Terre des Femmes, Menschenrechte für die Frau e.V.

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Über Terre des Femmes:

Terre des Femmes bietet Adressen für Hilfsangebote für Betroffene oder Gefährdete an. Für uns alle gilt: Hinhören, hinsehen – und handeln. Häusliche Gewalt ist keine Privatsache!

Weitere Informationen:
Wegweiser für Betroffene
Linkliste zu Hilfsangeboten für Betroffene
Workplace Policy
TDF-Forderungen zum Thema Häusliche Gewalt
Plakatkampagne #jedeVierte und Info-Webseite zum Thema
Kampagne „Anzeigen gegen Gewalt“ mit eBay Kleinanzeigen

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