frauenhaus «mit jedem eintritt ins frauenhaus kommt eine neue geschichte»
Women Interview Porträt

«Mit jedem Eintritt ins Frauenhaus kommt eine neue Geschichte»

08.12.2021
von Kevin Meier

Während einer Pandemie, insbesondere wenn auch noch der Winter dazu kommt, verbringen Menschen ihre Zeit vor allem zu Hause. Der verminderte Kontakt zur Aussenwelt und das «Aufeinandersitzen» ist für viele unangenehm und weitere Belastungen verschlimmern die Situation. Für einige kann daraus ein regelrechter Albtraum entstehen. «Fokus» hat mit einer Mitarbeitenden des Frauenhauses St. Gallen über ihren Beruf, häusliche Gewalt und nötige Veränderungen gesprochen.

Frau Müller*, welche Aufgaben übernehmen Sie im Frauenhaus?

Ich bin in der Beratung der Frauen tätig. Zu meinem Aufgabenbereich gehören die Gespräche mit gewaltbetroffenen Frauen, Krisenintervention, Begleitung zu unterschiedlichen Terminen wie zum Beispiel Anwalt, Arzt oder Gericht. Zudem biete ich Unterstützung bei der Wohnungssuche, falls die Klientin nicht in die eheliche Wohnung zurückkehren möchte und einen Neustart an einem neuen Ort machen will. Beim Austritt aus dem Frauenhaus ist es wichtig, dass die passende Vernetzung für die Klientin sichergestellt wurde, da der Übergang von der intensiven, vielseitigen Begleitung in die Selbstständigkeit nicht immer einfach ist.

Wie empfinden Sie die Arbeit im Frauenhaus generell?

Ich finde unsere Tätigkeit sehr sinnstiftend und die Begleitung der Klientinnen ist äusserst bereichernd. Beim Eintritt ins Frauenhaus haben die meisten Frauen wenig Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen. Sie zweifeln oft an ihren Ressourcen. Nach einer kurzen Zeit im Frauenhaus gelingt es uns in der Regel, dem Team und der betroffenen Frau gemeinsam, die Kräfte der Klientinnen zu erschliessen. Ich kann einen Beitrag dazu leisten, die von Gewalt betroffenen Frauen aus der Ohnmacht herauszuholen, sodass sie die Verantwortung für ihr Leben übernehmen können. Es ist schön zu sehen, wie sie Freude daran bekommen, ihren neuen Lebensabschnitt gewaltfrei zu gestalten.

Wie geschieht der Erstkontakt?

Der Erstkontakt kann sowohl durch die betroffene Frau als auch durch Bekannte oder Verwandte stattfinden. Genauso können die Spitäler, Arztpraxen sowie Opferhilfestellen und diverse Beratungsstellen oder die Polizei für die Betroffene den Erstkontakt herstellen. Wichtig ist, dass wir nach Möglichkeit mit der betroffenen Frau sprechen können, um das Angebot vom Frauenhaus vorzustellen und sicherzustellen, dass der Eintritt freiwillig stattfindet und Kooperation vorhanden ist.

Was sind die schönen Seiten an dieser Arbeit?

Mit jedem Eintritt ins Frauenhaus kommt eine neue Geschichte, eine noch unbekannte Biografie. Nebst der schwierigen Gewaltgeschichte sehen wir auch sehr spannende Seiten der Klientinnen. Mit jeder Frau kommen Ressourcen und vielseitige Persönlichkeiten. Zumindest zu Beginn des Aufenthaltes dürfen wir für die Betroffenen Hoffnungsträgerinnen sein.

Nähe und Distanz ist ein sehr wichtiges Thema.

Können Sie sich an ein besonders einschneidendes Erlebnis erinnern?

Es gibt sehr viele positive Vorkommnisse. Besonders beim Austritt aus dem Frauenhaus wollen die Kinder lieber bei uns wohnen und gar nicht mehr austreten. Das ist sehr erfreulich und spricht für das Frauenhaus. Eine Klientin erzählte, dass sie sich bei Austritt aus dem Frauenhaus ein Radio kaufte. Sie erklärte mir dann, dass sie sehr gerne Musik hörte, sie aber diese Leidenschaft während der langjährigen Ehezeit nicht ausleben durfte. Während dem Frauenhaus sei sie erneut auf den Geschmack gekommen und freue sich, wieder Musik zu hören.

Bei den Frauen ist die Zeit im Frauenhaus gemäss Klientinnen wie eine «Schule», in der sie einiges lernen. Nähe und Distanz ist ein sehr wichtiges Thema. Spätesten beim Abschied wollen die Klientinnen uns umarmen und weinen aus Dankbarkeit. Diese Momente sind unbeschreiblich und eindrücklich.

Wie gehen Sie mit dem Leid um, das Sie dort mitbekommen? Wie können Sie im Privatleben abschalten?

Nach langjähriger Erfahrung mit der Arbeit im Frauenhaus weiss ich, dass die Frauen auch viele Stärken haben. Ich bin oft überzeugt davon, dass es etwas Zeit und Unterstützung braucht, um das Leid zu lindern. Die Unterstützung können wir anbieten, Zeit müssen sich die Frauen nehmen. Schliesslich gehen die Frauen viel gestärkter aus dem Frauenhaus, machen vielfach einen Neustart mit einer neuen Perspektive, die sie während dem Aufenthalt bei uns bilden konnten.

Nach einer schwierigen oder belastenden Situation im Frauenhaus hilft mir ein Spaziergang oder Austausch mit jemandem vom Team. Auch die Akten täglich zu führen, ist hilfreich dabei, die Geschichten im Frauenhaus zu lassen.

Häusliche Gewalt und Gewalt an Frauen stellen nicht nur physisch ein Trauma dar. Welche weiteren Themen spielen da hinein?

Psychische Gewalt ist oft nicht greif- oder sichtbar, weshalb die Frauen sich nicht verstanden fühlen und auch häufig nicht ernst genommen werden. Wobei die Folgen der psychischen Gewalt mindestens so gravierend wie die der physischen Gewalt sein können. Sexualisierte Gewalt wird ebenso nur in seltenen Fällen angesprochen, da das Schamgefühl sehr gross ist.

Kommen auch bedrohliche Situationen vor?

Es ist schon vorgekommen, dass die gewaltausübende Person vor der Tür des Frauenhauses stand und seine Frau sehen oder mit ihr sprechen wollte. Es gibt gewaltausübende Personen, die uns anrufen und sagen, sie würden wissen, wo das Frauenhaus ist und drohen, vorbeizukommen. In beiden Fällen arbeiten wir mit der Polizei zusammen, wenn die Situation bedrohlich wird.

Das Vorkommen häuslicher Gewalt hat sich aufgrund der Coronapandemie erhöht. Wie hat sich das bei Ihrem Frauenhaus bemerkbar gemacht?

Tatsächlich kommen Frauen zu uns, weil einerseits die Paare länger Zeit zusammen verbringen mussten, unter anderem durch Homeoffice, und die Situation deshalb eskalierte. Andererseits gab es durch die Pandemie zusätzliche Belastungen, beispielsweise durch Arbeits- und Perspektivlosigkeit, was wiederum für die Gewaltbereitschaft der Menschen weitere Faktoren waren und immer noch sind.

Sowohl in der familiären Erziehung als auch in den Schulen müsste das Thema «häusliche Gewalt» zur Sprache kommen.

Oft müssen Frauen mit ihren Kindern Schutz suchen. Wie unterscheidet sich der Umgang mit Kindern bei der Traumabewältigung?

Die Kinder bekommen analog zu den Frauen alle Möglichkeiten, seien es ein Gespräch mit Sozialpädagoginnen, die für die Kinder zuständig sind, oder die Vernetzung mit Therapeut:innen, die bei der Traumabewältigung unterstützend sein können. Gleichzeitig führen wir einen internen Kinderhort, in dem Kinder wieder Kind sein dürfen.

Welches Missverständnis über häusliche Gewalt in der Öffentlichkeit würden Sie gerne aus der Welt schaffen?

Die Aussage, «es braucht immer zwei», um auszusagen, dass die Frauen bestimmt nicht unschuldig seien. Oder auch Sätze wie: «Es gibt auch Frauen, die schlagen, sie sind nicht nur Opfer.»

Häusliche Gewalt ist gesellschaftlich immer noch ein Tabuthema. Wie würden Sie sich eine Aufarbeitung vorstellen?

Ich denke, dass dies mit den traditionellen Rollenbildern und der Sozialisation zusammenhängt. Sowohl in der familiären Erziehung als auch in den Schulen müsste das Thema «häusliche Gewalt» zur Sprache kommen, damit die Einzelnen sich gestärkt fühlen und das Tabu gebrochen werden kann.

Wie können von häuslicher Gewalt Betroffene ihr Umfeld unauffällig auf ihre Situation aufmerksam machen?

Sich Hilfe holen bei Nachbar:innen, Freund:innen, Bekannten, Verwandten oder notfalls bei der Polizei. Eine weitere Möglichkeit ist, einen Termin bei der zuständigen Opferhilfe zu vereinbaren.

Solange Gleichberechtigung und Gleichstellung nicht erreicht sind, besteht ein grosses Machtgefälle zwischen Mann und Frau.

Was tun die Frauen, die aus dem Frauenhaus austreten?

Die Mehrzahl der Frauen orientieren sich nach einem Frauenhausaufenthalt neu. Das heisst, sie beziehen eine neue Wohnung und machen einen Neuanfang. Oft sind die traumatisierenden Erinnerungen an die häusliche Gewalt im gemeinsamen Zuhause prägend, sodass ein Neustart in einer neuen Bleibe sinnvoll ist. Manchmal gehen die Frauen in die gemeinsam bewohnte Wohnung zurück und der Partner zieht aus, wenn die Klientin sich das wünscht oder die Kinder das gewohnte Umfeld nicht verlassen wollen.

Der Optimalfall wäre, dass es gar keine Frauenhäuser mehr braucht. Der Weg dahin scheint noch lange. Was braucht es dazu?

Die Gesellschaft muss für die Gewalt sensibilisiert werden. Solange Gleichberechtigung und Gleichstellung nicht erreicht sind, besteht ein grosses Machtgefälle zwischen Mann und Frau und die Frauenhäuser werden benötigt. Noch immer haben wir in der Schweiz alle zwei Wochen ein Todesopfer durch häusliche Gewalt.

Wie kann man das Frauenhaus unterstützen?

Am besten mit Spenden, seien es Sachspenden oder finanzielle Unterstützung. Durch die Neuorientierung benötigen viele Frauen geldliche Unterstützung, um die Wohnung einzurichten oder für die Kinder ein Hobby oder eine Vereinsmitgliedschaft zu bezahlen. Manchmal braucht es auch weitere Dinge wie einen Fernseher, einen Laptop, einen Kinderwagen oder ein Fahrrad und vieles mehr.

 

*Name der Redaktion bekannt.

Smart
fact

Hilfestellen für betroffene Frauen

Betroffene Frauen können im Freundeskreis oder in der Nachbarschaft unauffällig auf ihre Situation hinweisen. Notfalls hilft ein Gang oder Anruf bei der Polizei. Zusätzliche Ressourcen sind auch telefonisch und online verfügbar. Beispielsweise können Betroffene sich jederzeit an die kantonale Opferhilfen wenden. Eine Übersicht ist auf der Seite der opferhilfe-schweiz zu finden.

Das Frauenhaus St. Gallen feierte 2020/21 ihr 40-jähriges Jubiläum. Hier finden Interessierte weitere Informationen zur Arbeit und der Bedeutung des Frauenhauses.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Vorheriger Artikel Michael Bublé: «Die Welt braucht Weihnachtszauber»
Nächster Artikel Mehr als Ideologie, Hype oder Selbstzweck: Nachhaltigkeit als Business-Case