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Schweiz Interview

Das Zusammenspiel aus Mensch und KI als entscheidender Faktor in der Wettbewerbsstrategie

30.10.2026
von Britta Vodicka

KI kann heute weit mehr als die meisten Unternehmen daraus machen. Wer das Potenzial von KI für seine Strategie nutzt und diese Lücke schliesst, bleibt wettbewerbsfähig: indem er oder sie Prozesse so gestaltet, dass Agenten und Menschen zusammenarbeiten, und die Mitarbeitenden auf neue Aufgaben vorbereitet. Michael Neracher, Country Manager Switzerland bei Cognizant, erklärt im Interview, was Unternehmen beachten müssen, damit ihre KI-Investitionen langfristig Wert generieren.

Michael Neracher, Country Manager Switzerland bei Cognizant

Wenn Sie auf die nächsten fünf bis zehn Jahre blicken: Was wird darüber entscheiden, ob ein Unternehmen wettbewerbsfähig bleibt?
In den letzten Jahren haben Unternehmen viel mit KI experimentiert, wenige haben aber bisher echten Wert daraus geschöpft. Wir beobachten eine Lücke zwischen dem Investment in KI und dem Wert, der daraus generiert wird. Ein echter, langanhaltender Wettbewerbsvorteil entsteht erst, wenn KI skaliert integriert wird und damit nicht nur vereinzelt Produktivität verstärkt, sondern ganze Prozesse neu denkt. Entscheidend wird dabei sein, dass ein Unternehmen sein Prozesswissen in KI umsetzen kann. Noch klafft eine grosse Lücke zwischen dem, was künstliche Intelligenz leisten kann, und dem, wie sie heute genutzt wird. Wer diese schliesst, bleibt wettbewerbsfähig.

Technologie automatisiert heute nicht mehr nur einzelne Arbeitsschritte. KI-Agenten können auch Entscheidungen vorbereiten oder selbst treffen. Was verändert sich dadurch grundlegend in Unternehmen?
Entscheidend wird, wie gut ein Unternehmen die Zusammenarbeit zwischen Mensch und KI gestaltet. Einfach KI-Agenten einzusetzen und diese voreilig Prozesse automatisieren zu lassen ist der falsche Ansatz. Man muss gezielt verstehen, wo KI tatsächlich Mehrwert schaffen kann, und wo menschliche Fähigkeiten unverzichtbar bleiben. Alles end-to-end zu automatisieren, ist nicht plausibel und zudem riskant – gerade in Branchen wie Banken, Versicherungen und Pharma schon aus regulatorischen und sicherheitsbedingten Gründen. Übernimmt dagegen der Agent automatisierbare Arbeit und prüft der Mensch sie, ist man effizienter und stellt zugleich sicher, dass kritische Entscheidungen bei einem Menschen bleiben.

Was müssen Unternehmen an ihren Prozessen, ihrer Organisation oder ihrer Führung verändern, damit neue Technologien tatsächlich Wirkung entfalten?
KI darf nicht als weiteres Technologieprojekt behandelt werden, wie es heute noch vielerorts geschieht. Unternehmen müssen Prozesse im Zusammenspiel von KI und Unternehmenskultur aufbauen, mit dem Ziel, messbare Resultate bei Ertrag oder Kosten zu erreichen. Heute kann zwar jeder KI bei seiner persönlichen Arbeit einsetzen, grosse Einsparungen bringt das aber nicht unbedingt. Im Gegenteil: Viele Unternehmen erleben aktuell höhere Ausgaben, weil sie die KI-Systeme bezahlen müssen und KI-Adoption oft isoliert geschieht. Erste gute Resultate sieht man im Bereich Business und IT Operations, in dem sich Prozesse gut standardisieren und verbinden lassen. Der echte Wettbewerbsvorteil liegt aber nicht allein in der Kostenoptimierung, sondern im Wachstum am Markt. Dort stehen viele Unternehmen noch am Anfang.

Wie kreiert KI bereits heute Vorteile?
Sehr erfolgreich eingesetzt wird zum Beispiel bereits Digital-Twin-Technologie, welche ein dynamisches, virtuelles Abbild eines neu entwickelten Produkts, Systems oder Prozesses ermöglicht. Ein Teil der physischen Tests kann durch digitale Tests am Zwilling ersetzt werden. Testbedingungen lassen sich so realitätsnah simulieren, dass die Resultate aussagekräftig sind und die Entwicklungszeit dramatisch sinkt. Das ist ein echter Wettbewerbsvorteil.

KI ist ein Gamechanger: Sie gleicht den technischen Wissensvorsprung – bis vor kurzem einer der wichtigsten Marktvorteile – zunehmend aus. So kann man zum Beispiel auch als Nicht-Techniker:in vermehrt damit beachtliche Ergebnisse erzielen, ohne tiefgreifendes Fachwissen besitzen zu müssen. Wichtig ist, die eigene Kernkompetenz – also das, was am Unternehmen einzigartig ist – zu kontextualisieren und in die KI einzubringen. Dabei unterstützt Cognizant, von der Implementierung bis zum Betrieb. Der Schlüssel im Wettbewerb ist das Verständnis, was KI kann und wie ich sie in meiner Firma einsetze. Daraus lassen sich Wettbewerbsstrategie und Operationen ableiten, ebenso die Skills, welche die Mitarbeitenden künftig brauchen. Bei Cognizant befassen wir uns intensiv damit, wie wir die Arbeitskräfte von A nach B bringen, und wie sich Rollen auf kurze und lange Zeit durch KI weiterentwickeln können und müssen.

Wie verändern sich Aufgaben und Berufsbilder, wenn KI zunehmend Analysen erstellt und Entscheidungen vorbereitet? Welche Fähigkeiten werden dadurch wichtiger? Wie verändert sich der Berufseinstieg?
Mit der Pensionierung der Babyboomer werden wir weniger Arbeitskräfte haben, hier kann KI der Knappheit entgegenwirken. Ich teile nicht die Sorge, dass KI uns längerfristig Jobs kostet. Viele Berufsbilder werden sich in den nächsten ein bis drei und dann drei bis fünf Jahren in der Tat aber verändern. Durch die Expertise, die KI bietet, verschiebt sie Berufsfelder, und das Kontex- tualisieren wird wichtiger. Vernetztes Denken und interdisziplinäre Skills rücken ins Zentrum. Die Ausbildung muss diese Kompetenzen vermitteln, die man bisher vor allem durch Arbeitserfahrung aufgebaut hat. Zusätzlich müssen Arbeitnehmer:innen lernen zu beurteilen, ob ein Output korrekt und hochqualitativ ist, und wie man KI effektiv orchestriert.  Die Geschichte zeigt, dass die Nachfrage nicht sinkt, wenn etwas zugänglicher wird: Beim Übergang vom Fliessband zu Robotern in der Autoproduktion fürchtete man Massenarbeitslosigkeit. Das Gegenteil trat ein, man konnte mehr produzieren, die Kosten sanken, es wurden mehr Autos verkauft. Nur der Job hat sich verändert: Die Leute stehen nicht mehr am Fliessband, sondern überprüfen die Arbeit der Roboter. Cognizant unterstützt Firmen dabei, ihre Systeme und Arbeitskräfte mit Fokus auf KI und die dazu benötigten Skills auszurichten, ihre Kreativität mit KI zu fördern und Ideen umzusetzen, bis hin zum Betrieb der Systeme, um die Lücke zwischen Potenzial und messbarem Resultat zu schliessen.

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