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Künstliche Intelligenz Gesundheit

Blick in die Zukunft: Wie Künstliche Intelligenz unsere Gesundheit verändert

24.07.2026
von SMA

KI hält Einzug im Gesundheitswesen, von der Auswertung von Röntgenbildern bis zur Simulation ganzer Behandlungspfade. Der KI-Experte Sven Hirsch über Chancen, Herausforderungen und die Frage, wo der Mensch bleibt.

Sven HirschKI-Experte

Sven Hirsch
KI-Experte

Ein Blick in ein Spitalzimmer der Zukunft: Bevor die Ärztin den Raum betritt, hat ein Computerprogramm bereits Tausende Datenpunkte des Patienten analysiert, Blutwerte mit Millionen ähnlicher Fälle verglichen und eine Therapieempfehlung errechnet. Was nach Science-Fiction klingt, ist teilweise bereits Realität: Künstliche Intelligenz verändert, wie Krankheiten erkannt, behandelt und im besten Fall verhindert werden. KI gilt als Schlüsseltechnologie der Zukunft. Eine Studie von PwC zeigt zudem, dass der Einsatz von KI die Gesundheitsausgaben allein in Europa in den kommenden zehn Jahren um einen dreistelligen Milliardenbetrag senken könnte.

Effizienz und Früherkennung als grosse Stärken

Ein zentrales Argument für den Einsatz von KI im Gesundheitswesen ist die Effizienz. Algorithmen können Röntgenbilder in Sekunden auswerten, Muster in grossen Datenmengen erkennen und administrative Abläufe automatisieren, die sonst wertvolle Zeit von Fachpersonal beanspruchen. Auch in der Diagnostik zeigt sich das Potenzial. Bei der Früherkennung von Hautkrebs, Brustkrebs oder Augenkrankheiten liefern KI-gestützte Bildanalysen gute Ergebnisse. «Das Wissen, das vorhanden, aber auf zahlreiche Menschen auf der ganzen Welt verteilt ist, kann KI gesammelt auswerten», sagt Sven Hirsch, Experte für künstliche Intelligenz in der Medizin sowie Leiter des «Center for Computational Health» und des «Digital Health Labs» an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ZHAW. «Das bedeutet, dass KI die Möglichkeit bietet, dieses Wissen zusammenzuführen und dadurch Zusammenhänge zu erkennen, die sonst vielleicht übersehen würden.» Die KI ist laut dem Experten die Technologie, die es möglich macht, mit der Komplexität und Diversität der Daten umzugehen und daraus nützliche Informationen abzuleiten. «Kein Mensch könnte das schaffen.»

Wo Skepsis angebracht bleibt

Doch genau dort trifft KI auch auf Skepsis: Ist die Technologie wirklich zuverlässiger als der Mensch? «Bei allen Chancen, die KI bringt, tun wir als Bevölkerung gut daran, eine hinterfragende Haltung zu bewahren», sagt Hirsch. «Es geht nicht darum, technologiefeindlich zu sein, aber ein kritischer Blick hilft, mit den Unschärfen der KI umzugehen.» Denn nicht immer ist klar, woher die KI ihre Informationen nimmt, und man kann nicht davon ausgehen, dass alles stimmt. «Man muss immer, und in der Medizin ganz besonders, den Quellen nachgehen», sagt Hirsch. «Für mich ist die KI darum eigentlich in erster Linie eine Verbindungstechnologie und nicht eine Schlusstechnologie.» Sie kann also Hinweise liefern, sollte aber nicht als Entscheidungsträgerin fungieren. Auch die Vielfalt der Daten, mit denen die KI gespeist wird, ist entscheidend. Damit etwa alle Frauen von der Brustkrebs-Früherkennung profitieren, muss die KI mit Daten aller Ethnien gefüttert sein. «Kann man das nicht sicherstellen, ergeben sich später Lücken, und eine verlässliche Analyse ist unmöglich.» Man müsse lernen, mit der Tatsache umzugehen, dass KI genauso ungenau sein kann wie der Mensch, wenn auch auf einem anderen Level. «Das Problem ist, dass wir das schwer nachvollziehen können, weil KI so exakt wirkt», sagt Hirsch.

Der Mensch verschwindet nicht

Darum ist der Experte auch davon überzeugt, dass niemand Angst haben muss, in der näheren Zukunft nur noch von einem Roboter behandelt zu werden: «Es wird immer eine Verknüpfung von Mensch und Maschine geben», erklärt er. «Im Idealfall lernt das medizinische Personal, die KI optimal zu nutzen, fungiert aber gleichzeitig weiterhin als eine Art Übersetzer.»

Ein mögliches Szenario sind künftige Ärztekooperationsmodelle. Ähnlich wie heute bei Telmed, jedoch mit einem Chatbot als erste Anlaufstelle. Dieser könnte gesichert auf Patientendaten zurückgreifen, gewisse Antworten selbst liefern und so manchen Praxisbesuch obsolet machen. Was für die einen eine willkommene Vereinfachung wäre, ist für andere eine Horrorvision: «Wir müssen herausfinden, was in welcher Form für uns als Gesellschaft funktioniert.»

Der digitale Zwilling im Ernstfall

Was bereits in einer gewissen Form funktioniert, ist der sogenannte digitale Zwilling. «Das ist ein digitales Medizingerät, das auf eine bestimmte Datenbasis zurückgreift, um Daten zu visualisieren, Eingriffe zu simulieren und Diagnosen vorzuschlagen», sagt der KI-Experte. Ein Beispiel ist der Schlaganfall: Sobald jemand in die Notaufnahme kommt, werden sofort die Personendaten extrahiert und im Hintergrund läuft bereits eine Simulation, wie man die Behandlung bestmöglich plant. Verschiedene Optionen werden durchgespielt, damit die Fachperson die beste Variante wählen kann. «Das heisst, die Behandlung wird von einem Arzt oder einer Ärztin gemacht, aber im Hintergrund läuft eine ganze digitale Maschinerie, die hilft, die Prozesse bis zur Behandlung zu beschleunigen.» Diese Minuten können über den Behandlungserfolg entscheiden.

Wearables als Frühwarnsystem

Daneben gibt es «Wearables»: elektronische Geräte, die am Körper getragen werden, Daten übermitteln und auswerten. Als Lifestyleprodukte dienen diese häufig als Fitnesstracker oder zum Schlaftracking. «Inhaltlich hat das wenig mit KI zu tun», ordnet Sven Hirsch ein. «Oft vermitteln solche Produkte Informationen, die man schon kennt, wie etwa, dass man sich ausreichend bewegen und regelmässig schlafen sollte.» Ihr Vorteil kann aber sein, dass sie regelmässig an einen gesunden Lifestyle erinnern. Wearables werden allerdings auch im klinischen Alltag zur Überwachung eingesetzt. Sie erfassen zum Beispiel kontinuierlich Vitalwerte wie Herzfrequenz, Sauerstoffsättigung oder Blutzucker und liefern damit ein lückenloseres Bild als punktuelle Messungen. Durch KI-gestützte Auswertung dieser Daten können sie als Frühwarnsystem dienen, etwa um ein drohendes Herzversagen oder gefährliche Blutzuckerschwankungen frühzeitig zu erkennen.

In welcher Form auch immer: KI verändert unser Gesundheitssystem. «Mir ist wichtig, dass klar wird: KI ist nicht einfach etwas, das da draussen existiert», sagt Sven Hirsch. «Wir sind mittendrin.» Jetzt gilt es, einen sinnvollen und sicheren Umgang mit der Technologie zu finden.

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