Barbara Studer ist Neurowissenschaftlerin, Gründerin von «Hirncoach» und Bestseller-Autorin. Mit wirksamen Programmen will sie Menschen das Gehirn verständlicher machen und ihnen mit wissenschaftlich fundierten Impulsen helfen, das Gehirn fit und aktiv zu halten. Denn davon profitiert nicht nur das Gedächtnis, sondern das gesamte Wohlbefinden – und zwar bis ins hohe Alter.
Frau Studer, Sie kennen das menschliche Gehirn in- und auswendig. Wie charakterisieren Sie es in wenigen Sätzen?
Das Gehirn ist ein hochdynamisches, adaptives Organ. Das bedeutet, dass es unglaublich anpassungsfähig ist. Darum stimmt für mich der gängige Vergleich mit dem Computer nicht. Ein Computer verarbeitet. Das Gehirn aber lebt: Es formt sich durch jede Erfahrung neu. Es ist kein Speichermedium, sondern ein soziales, zutiefst beziehungsfähiges Organ.
Also besser als jeder moderne Computer?
Ja, es funktioniert hochkomplex. Mich fasziniert, wie das Gehirn stets in Netzwerken arbeitet, dass immer verschiedene Bereiche aktiv sind, egal was wir gerade tun. Es ist dieses raffinierte Zusammenspiel, das unsere Fähigkeiten überhaupt erst ermöglicht.
Welche Rolle spielt die Veranlagung für die Funktionalität unseres Gehirns?
Natürlich spielt die Genetik eine Rolle, aber sie ist kleiner, als man lange angenommen hat. Zum Beispiel in Bezug auf die Intelligenz betrachtet entscheidet die Veranlagung weniger als die Hälfte, wie klug jemand ist. Einen grösseren Einfluss hat demnach, wie wir mit unserem Gehirn umgehen, wie wir es füttern und trainieren.
Ist das Gehirn trainierbar wie zum Beispiel ein Bizeps?
Ja, auf die einzelnen Fähigkeiten hinuntergebrochen kann man das so sagen. Aber das Gehirn ist nicht ein einzelner Muskel, sondern besteht aus sehr vielen Netzwerken. Diese wachsen und reorganisieren sich.
Wie bei vielen anderen Bereichen der Gesundheit gilt auch beim Gehirn: Prävention hat eine riesige Kraft und ist viel effektiver als Intervention.– Barbara Studer,
Neurowissenschaftlerin
Ist es dabei wie bei den Muskeln: Damit unser gesamter Körper fit bleibt, reichen Liegestütze nicht aus?
Exakt. Genauso profitiert das Gehirn am meisten, wenn wir es auf vielseitige Art und Weise fördern und fordern. Das Gehirn reagiert zum Beispiel auf repetitive Handlung und die angesprochene Struktur wird leistungsfähiger und effizienter. Das sieht man dem Gehirn an, wenn man es mithilfe von bildgebenden Verfahren betrachtet.
Was bedeutet aus Sicht der Neurowissenschaft «ein fittes Gehirn»?
Das beinhaltet einerseits, dass jemand effizient und kreativ denken kann, also eine gute Verarbeitungsgeschwindigkeit hat und lösungsorientiert arbeiten kann. Ein fittes Gehirn ist in der Lage, Zusammenhänge in der Tiefe zu verstehen und kann konzentriert und fokussiert an einer Tätigkeit dranbleiben. Ein weiterer Teil ist das Gedächtnis, das auch die Merkfähigkeit beinhaltet. Aber ein fittes Gehirn bedeutet andererseits auch emotionales Wohlbefinden. Dass jemand Emotionen wahrnehmen und regulieren kann, zufrieden ist, dass Erlebtes genossen werden kann und dass man im Moment präsent und achtsam sein kann.
Ein gesundes Gehirn beeinflusst also das gesamte Wohlbefinden positiv?
Ja, es geht nicht nur darum, schlau zu sein und nichts zu vergessen, wie man oft als erstes denkt. Das Gehirn spielt eine entscheidende Rolle dabei, wie es uns geht.
Welchen Einfluss hat das Gehirn auf die mentale Gesundheit?
Das ist ein wichtiger Faktor und hat mich dazu veranlasst, «Hirncoach» zu gründen. Es hat mich geärgert, dass der Fokus bei der Diskussion um ein gesundes Gehirn fast immer nur auf dem Gedächtnis lag. Dabei ist eine ganzheitliche Sichtweise nötig. Ein gestresstes Gehirn zum Beispiel kann viel weniger leisten, kann schlechter kreativ und innovativ denken. Das Gleiche gilt bei ständigen Selbstzweifeln, bei Groll und bei Wut. Verharren wir in einem solchen Zustand, können wir das Hirnpotenzial nicht voll nutzen. Zudem gilt das Umgekehrte: Denkarbeit und kreative Lösungsfindung tragen zu unserem Wohlbefinden bei. Denken mit einem fitten Gehirn macht glücklich!
Kann man folglich mentalen Erkrankungen mit Gehirntraining präventiv entgegenwirken?
Auf jeden Fall. Wie bei vielen anderen Bereichen der Gesundheit gilt auch beim Gehirn: Prävention hat eine riesige Kraft und ist viel effektiver als Intervention. Es ist schwieriger, ein krankes Gehirn zu heilen, als ein gesundes Gehirn zu stärken.
Blicken wir zuerst auf die schwächenden Faktoren: Was hat unser Gehirn nicht so gern?
Das sind einerseits die üblichen Verdächtigen: Zu wenig Bewegung, Herausforderung und Interaktion. Andererseits auch viel Screentime, also stundenlang zu scrollen, sich berieseln zu lassen und Informationen nur passiv aufzunehmen. Auch zu viele schlechte Nachrichten schwächen das Gehirn, hier sollte man sich selbst Grenzen setzen und bewusste Pausen einschalten.
Wie macht man eine gute Pause?
Eben nicht, wie das viele tun, als «Belohnung» 20 Minuten am Handy verbringen. Sondern zum Beispiel ganz bewusst nichts tun, achtsam einen Kaffee trinken oder eine Runde spazieren gehen. Und natürlich ist auch die ganz grosse Pause enorm wichtig, also ausreichend und regelmässiger Schlaf.
Mit welchen Gewohnheiten schwächt man sein Gehirn unbewusst?
Dinge wie zu wenig Natur, schlechte Ernährung, regelmässiger Alkoholkonsum, aber auch negative Bewertungsmuster einem selbst und anderen gegenüber. Dies erhöht Entzündungswerte und dieser ungewollte, chronische Stress belastet das Gehirn.
Was meinen Sie mit «ungewolltem Stress»?
Es gibt auch guten Stress, zum Beispiel Herausforderungen, die man mag, die einen antreiben. Diese Art ist unser Freund und kann uns weiterbringen. Aber Stress wird zum Feind, wenn er uns überfordert und aus der Balance bringt, wenn man nicht mehr zur Ruhe kommt. Er greift das Gehirn an, schwächt den Frontalkortex und das kreative Denken und greift ganze Strukturen an. Das gilt auch für Wut.
Wenn ich richtig wütend bin, schwächt das mein Gehirn?
Nicht dann, wenn man kurzfristig wütend ist und aktiv wird. Aber wenn man Groll hegt und nicht loslassen kann, betreibt man quasi Hirnschädigung. Das ist erstaunlich und kaum jemand denkt daran: Vergeben ist neuronaler Selbstschutz.
Was noch?
Grübeln statt auf das Beeinflussbare zu fokussieren. Und zu wenig Wertschätzung erhalten oder selber zu wenig Wertschätzung ausdrücken. Das ist ein Grundbedürfnis unseres sozialen Gehirns.
Wie merkt man denn überhaupt, dass das Gehirn nicht optimal funktioniert?
Das zeigt sich darin, dass man unkonzentriert, vergesslich und häufig schlecht gelaunt ist. Man hat keine Ideen mehr und das Denken strengt an. Auch wenn man generell schnell ermüdet und sich sehr leicht ablenken lässt, ist das ein Anzeichen dafür, dass im Gehirn nicht alles optimal läuft. Man nennt das auch «Popcorn-Brain»: wenn ständig Gedanken aufpoppen, die einen unterbrechen und stören.
Sie bieten Hirntraining an. Wie kann man sich das vorstellen?
Das sind wissenschaftlich fundierte, interaktive Programme für jede Lebensphase. Die App liefert einerseits Informationen, damit man versteht, wie das Gehirn funktioniert und was ihm guttut und was nicht. Zudem werden Denkweisen und Übungen angeleitet, die man leicht in den Alltag integrieren und so die mentale Fitness und Gesundheit steigern kann.
Was sind das für Übungen?
Das sind klassische Aufgaben für die Konzentration und das Gedächtnis, aber auch etwas aussergewöhnliche Dinge wie zum Beispiel Jonglieren oder gedankliche Selbstfürsorge. Man erhält auch Impulse zu Lebensstilfaktoren wie Bewegung, gutem Schlaf und Ernährung. Die App hat zum Ziel, dass man dazulernt, regelmässige Inspiration erhält, an die Übungen erinnert wird und motiviert bleibt.
Was kann gezieltes Gehirntraining bewirken?
Es führt zu messbaren Verbesserungen in Leistung und Wohlergehen. Weil das Gehirn so adaptiv ist, können in jeder Lebensphase Verbindungen gestärkt sowie neue geschaffen werden. Die Netzwerke werden trainiert, das vernetzte Denken gestärkt und die Emotionsregulation verbessert.
Welche Unterschiede gibt es bezüglich der Art des Trainings je nach Alter?
Das Gehirn hat in jeder Lebensphase unterschiedliche Bedürfnisse. So bieten wir auch eine Masterclass für Eltern an, damit sie ihre Kinder entsprechend begleiten können. Dort geht es um die mentale Gesundheit und den Umgang mit Medien sowie um Verständnis dafür, wie ein jugendliches Gehirn reift. Ein grosses Thema bei dieser Zielgruppe sind das Lernen und der Umgang mit Druck. Verfügt man über gute Lern- und Denkstrategien, kann man viel Stress vermeiden – und so das Gehirn wiederum unterstützen.
Und im höheren Alter?
Dort ist das Wichtigste, dranzubleiben. Wir wissen, dass viele Menschen nach der Pensionierung geistig abbauen, weil sie schlicht weniger Aufgaben und Interaktionen haben und das Gehirn weniger beanspruchen. Mit gezieltem Training kann man den Abbau des Gehirns hinauszögern. «Use it or loose it» fasst das gut zusammen, also «Benutze es oder verliere es». Aber das gilt übrigens auch für die Jüngeren, gerade in Bezug auf das Thema künstliche Intelligenz. Wer alles an die KI abgibt, schwächt viele wertvolle Gehirnfunktionen.
Was kann man seinem Gehirn im Alltag Gutes tun?
Achtsame Nutzung von Medien, sich immer wieder bewusst Pausen schaffen und vielmehr echte Interaktionen, Bewegung und Musik geniessen. Regelmässigen, ausreichenden Schlaf priorisieren und anstatt sich mit Süssem zu belohnen, lieber zu wertvollen Snacks wie Nüssen, Vollkornprodukten oder Beeren greifen. Diese Dinge liefern echte Hirnenergie. Und bei jeder Gelegenheit raus an die frische Luft und in die Natur. Der Blick ins Grüne reduziert schon nach wenigen Minuten das Level des Stresshormons Cortisol. Auch von guten Beziehungen und dem neugierigen Lernen von Neuem profitiert das Gehirn.
Und für das Gedächtnis?
Man kann Übungen machen und sich Gedächtnisstrategien aneignen, sich Namen und Begriffe merken, ein paar Zeilen eines Gedichts auswendig lernen oder eine neue Sprache lernen.
Sie sind auch Musikerin. Tut Musik dem Gehirn gut?
Und wie! Ein Instrument zu spielen, auch als Erwachsene, ist ein hervorragendes Gehirntraining. Man weiss dank Längsschnittstudien, dass ältere Menschen, die ein Instrument spielen oder in einem Chor singen, bessere kognitive Leistungsfähigkeit und ein kleineres Demenzrisiko haben. Tanzen ist ebenfalls grossartig: Die Bewegung tut gut, man übt Koordination und Balance und die Laune steigt ebenfalls. Das ist übrigens meine persönliche Devise: Jeden Tag tanzen!
Mehr Hirnwissen
Alle Informationen zum Hirntraining (entwickelt an der Uni Bern) mit kostenlosem Hirnfitness-Check und Impulsletter gibt es hier:
hirncoach.ch
Mehr Infos zu ihrem Bestseller-Buch «Hirnpower»:
hirnpower.ch
In ihrem kostenlosen Podcast «HirnTalk» teilen sie und spannende Gäste wertvolle Impulse.

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