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Energie Mobilität

Danke, Tanke

13.07.2022
von Rüdiger Schmidt-Sodingen

Über ein Jahrhundert lang prägten Tankstellen Innenstädte, Rastplätze und Landstriche. Und jetzt?

Mein erster Berufswunsch war tatsächlich Tankstellenwärter. Das lag vor allem an einer Aral-Tankstelle, die an der nahegelegenen Hauptstraße unter einem Hochhaus klemmte. Das hellblaue Viereck, das oben an einem weißen Mast leuchtete, sah ich schon von Weitem. Es hatte unter sich eine Tankinsel mit zwei Zapfsäulen und einen eher schmucklosen Shop mit einem riesigen Fenster.

Wenn Autos hier tankten, kam tatsächlich ein Angestellter herbeigesprungen, um die Zapfsäule zu bedienen, dann schnell die Scheiben zu putzen und in Windeseile den Ölstand zu messen und Wasser nachzufüllen. Es war wie ein Boxenstopp. Ich konnte mir gar nicht vorstellen, dass man das Auto ohne diesen Tankstellenwärter und seine Aktionen wieder auf die Straße setzen geschweige denn weiterfahren durfte.

Zwischen Benzingeruch und Freiheit

Als kleiner Junge sah ich im Fernsehen dann den 30er-Jahre-Klassiker »Die Drei von der Tankstelle«, wo Heinz Rühmann, Oskar Karlweis und Willy Fritsch während des Dienstes fröhlich sangen und pfiffen. Was sonst?! 1983 kamen dann ZZ-Top mit ihrem Video »Gimme All Your Lovin’«, das an einer Tankstelle im kalifornischen Palmdale einen jungen Angestellten, der gerade an einem Auto schraubt, mit einem selbstbewussten Damen-Trio konfrontiert. An derselben »Super Store 6«-Tanke machte ein Jahr später auch Linda Hamilton in der letzten Szene von »Terminator« Halt.

Keine Frage, Tankstellen waren in den vergangenen Jahrzehnten merkwürdige Sehnsuchtsorte. Hier wurden nicht nur die liebgewordenen Autos aufgetankt, damit es weiter ins Abenteuer und in die Freiheit gehen konnte. Blechschilder quietschten einsam im Wind, Räubertrios fuhren vor, Blicke kreuzten sich, Frauen und Männer mit ölverschmierten Gesichtern und Blaumännern lagen, saßen oder sprangen plötzlich auf. Und natürlich wurde an Tankstellen, zumindest im Hollywoodkino, auch gekämpft, geküsst, geschossen, verwüstet – und die Gleichberechtigung, man denke nur an Betsy Russell in »Tomboy«, schon 1985 vollzogen.

Tatsächlich waren das Geschäft und der Alltag der Tankstellen ungleich nüchterner und schmutziger. Oftmals mussten, wenn eine Tankstelle geschlossen wurde, umfangreiche Sanierungsarbeiten durchgeführt werden, weil Benzin doch in den Boden gesickert war oder sonstige Umweltschäden festgestellt wurden. Und natürlich stank es vor Ort fortwährend nach Benzin und Abgasen. Zartbesaitete Gemüter mit feinem Riechorgan schrien im Auto laut »Tür zu« und hielten sich für die Dauer des Tankens inklusive Bezahlens die Nase zu.

Die größte Veränderung trat nicht nur hierzulande ein, als sich die Reparaturwerkstätten und Waschstraßen praktisch von den Tankstellen abkoppelten und letztere ihr Heil im Verkauf von Lebensmitteln suchten. Die Tankwärter:innen mussten plötzlich belegte Brote schmieren und Bistrotische aufräumen, während die Kund:innen von selbst ihr Auto in die letzte Waschecke oder zum Reifendruckmessen schoben. 

Die einsame E-Ladestelle

Angesichts der vielen neuen E-Autos und der zu Ende gehenden Verbrenner-Ära stellt sich die Frage: Was wird eigentlich aus den Tankstellen? Viele sind in den letzten Jahren bereits geschlossen und durch andere Gebäude ersetzt worden. Vielleicht entwickelt sich die Tankstelle zu ihren Ursprüngen in den 1880er-Jahren zurück, wo sie in Regalform im Einzelhandel, genauer gesagt in Apotheken, angesiedelt war. 

Das Tanken von Strom und Wasserstoff wird zweifellos dezentraler stattfinden. Es wird einsamer sein, sauberer. E-Autos werden, so schätzen Expert:innen, mindestens zu 60 oder gar 70 Prozent im eigenen Haus oder in der eigenen Firma tanken. Der Rest klemmt sich vor Bahnhöfen, an unscheinbaren Plätzen und Park-and-Ride-Flächen und an kleinen Parkbuchten in Seitenstraßen ans Stromnetz. Bei Wasserstoff-Säulen wird es etwas anders sein. Sie benötigen tatsächlich mehr Platz und passen damit am besten in kleine oder mittelgroße Tankstellenstrukturen. 

Vielleicht liegt die Zukunft größerer Tankstellen-Anlagen auch in einer Kooperation mit, genau, Hollywood. Warum sollten öffentliche Ladestationen nicht mit Autokinos kombiniert werden? Während man zu einer festen Zeit sein Auto lädt, schaut man einen Film an. Je nach Länge des Ladevorgangs könnten dann Monumentalschinken oder Kurzfilme gezeigt werden. 

Ich glaube, die Tankstelle wird irgendwie überleben. Ein schönes Retro-Schild wird es nicht allein machen. Aber ein Geschäftsmodell, das Menschen kürzer oder länger aus ihrem Auto zwingt, um sich dann darüber zu freuen, dass diese Menschen sich ebenfalls voller Freude wieder in ihr Auto stürzen, um sich zu neuen Orten und Welten aufzumachen, zur großen Liebe, dem nächsten Termin oder einem mittelgroßen Abenteuer. Ein solches Geschäft kann doch nicht einfach untergehen. 

Text Rüdiger Schmidt-Sodingen

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