Interview von Akvile Arlauskaite

Dean Schneider: «Endlich tue ich etwas von Herzen, für mein Herz»

Vom Finanzchef zum Löwenflüsterer – Dean Schneider verrät im Interview mit «Fokus» Spannendes über seinen Karriereweg, seine Mission und wie man sich mit Raubkatzen unterhalten kann.

Dean Schneider, Sie haben es sich zur Mission gemacht, Menschen weltweit über das Tierreich aufzuklären und sie dafür zu faszinieren. Wie hat dies angefangen?

Der legendäre «Crocodile Hunter» Steve Irwin war derjenige, der mich dazu inspiriert hat. Als ich sechs Jahre alt war, hat er mit seinen Tiershows das wilde Leben in mein Wohnzimmer gebracht und entfachte damit ein Feuer in mir, das seither nie mehr erloschen ist.

Warum haben Sie sich zunächst trotzdem für eine Karriere in der Finanzbranche entschieden?

Bereits früh habe ich gemerkt, dass ich in der Schweiz nie einen richtigen Zugang zu Wildtieren haben werde. Ich dachte mir: «Wenn ich meine Leidenschaft hier nicht ausleben kann, dann muss ich wohl einen anderen Weg einschlagen.» So bin ich in der Finanzbranche gelandet und habe mein eigenes Unternehmen aufgebaut. Und, zugegeben: Ich war total geldgetrieben. Irgendwann habe ich jedoch gemerkt, dass ich mehr emotionale Befriedigung benötige, als finanzielle.

Gab es einen entscheidenden Moment, der Sie zu Ihrem Karrierewechsel bewegt hat?

Der Auslöser war ein Betriebsausflug nach Südafrika, wo ich wilden Tieren erstmals näherkam. Zwei Monate später bin ich erneut dorthin gereist und meine Leidenschaft entflammte umso mehr. So habe ich mich zwei Jahre später dazu entschieden, alles zu verkaufen und ein neues Leben in Südafrika zu beginnen. Dort, wo Wildtiere zu Hause sind.

Wie hat sich dieser Karrierewechsel auf Sie ausgewirkt?

Seit meinem Karrierewechsel kann ich bis um drei Uhr morgens arbeiten oder lernen, am nächsten Morgen um sechs Uhr aufstehen und verspüre keine Müdigkeit, weil ich gedanklich und körperlich so in meinem Element bin. Endlich tue ich etwas aus innerer Überzeugung – von Herzen, für mein Herz. Früher war es aus dem Verstand und für das Geld gewesen. Auch der Wechsel von meiner Arbeitsumgebung, von In- zu hauptsächlich Outdoor, war sehr erfrischend. Ich geniesse lieber die Natur, statt in einem geschlossenen Raum zu arbeiten. Auch fühle ich mich gesünder, seit ich so oft draussen bin.

In Südafrika haben Sie das Hakuna-Mipaka-Reservat gegründet, um Tieren, die Sie gerettet haben, ein schönes, lebenslanges Zuhause zu geben. Wie lief dies ab?

Das war nicht so einfach, wie manche denken würden! Als Europäer:in darf man dort nicht einfach ein Unternehmen mit Land besitzen und Wildtiere darauf halten. Zudem läuft in Südafrika alles über die Regierung und vieles über Bestechung. Deshalb musste ich zunächst mehrmals dahin reisen, um mir ein Bild über die Gesetze, die politische Situation und weiteres zu machen. Vor der Gründung von Hakuna Mipaka musste ich meinen Managementplan von der Regierung sowie Tierärzt:innen absegnen lassen. Vieles lief dabei über eine Anwaltsfirma.

Mit Löwen zusammenleben, mit Hyänen interagieren – haben Sie dabei eigentlich keine Angst? 

Überhaupt nicht. Es ist, wie wenn man Hunde besitzt – vor diesen hat man auch keine Angst. Das gegenseitige Verständnis ist dabei entscheidend. Wir verstehen Hunde, weil sie sich an uns und unsere Sprache angepasst haben. Bei meinen Löwen hingegen, musste ich mich anpassen. Ich habe ihre Sprache gelernt und kann ihr Verhalten in jeder Situation deuten. Mittlerweile sind wir wie Brüder und Schwestern.

Wie haben Sie die Sprache der Löwen gelernt?

Es war ein langer Prozess. Zu Dexter, meinem ersten und grössten Löwen, habe ich zunächst eine Mensch-Tier-Beziehung aufgebaut. Die Sprache der Löwen sowie mein Wissen über die Tiere konnte ich mir aber erst aneignen, als die restlichen fünf Löwen dazugekommen sind. Ab dann konnte ich ihren Umgang miteinander – die Tier-Tier-Beziehung – beobachten. Irgendwann fing ich an, diese zu imitieren und bin so in die Löwensprache reingerutscht. Ich kommuniziere und verhalte mich dabei nicht menschlich, sondern wie ihresgleichen.

Wie begrüsst man einen Löwen in seiner Sprache?

Man geht auf die Knie und drückt den eigenen Kopf gegen ihren. Löwen lehnen dabei ihr ganzes Körpergewicht ineinander. So mache ich es auch.

Gibt es auch unangenehme Situationen mit Ihren Raubkatzen?

Klar! Zum Beispiel, wenn Dexter seinen Status als König des Rudels wieder mal beweisen will. Auf solche Reibereien habe ich aber keine Lust, ich gehe dann einfach weg. Unangenehm kann es auch werden, wenn man auf einmal inmitten einer Löwenstreiterei landet. Eine Raubkatze kann man mit ihren 200 Kilo schliesslich nicht einfach so wegstossen. Manchmal wollen meine Löwen auch testen, wie viel ich mitmache. Von ihren rasiermesserscharfen Klauen habe ich sogar Narben! Aber das ist in ihrer Welt normal. In solchen Situationen muss ich mich körperlich verteidigen, zum Beispiel mittels Geräusche oder Wegschubsen. So zeige ich ihnen in ihrer Sprache, dass sie eine Grenze überschritten haben. Im nächsten Moment ist aber alles wieder in Ordnung.

Sind Sie noch nie in eine lebensbedrohliche Situation mit Ihren Wildtieren geraten? Ihr Idol ist schliesslich bei einer Interaktion mit einem Wildtier verstorben.

Steve Irwins Vorfall war eine Begegnung, bei der er gewisse Verhaltensweisen des Rochens wohl falsch gedeutet hat und deshalb umgekommen ist. Auch war er kein Teil der Rochenfamilie. Meine Löwen würden mich aber niemals grundlos mit der Intention, mich zu töten, angreifen, denn ich bin Teil ihres Rudels. Ich spreche ihre Sprache, esse, schlafe und streite mich mit ihnen. Haben sie ein Problem, so kommunizieren sie mir das klar und deutlich. Gründe dafür könnten zum Beispiel sein, ihre Autorität zu untergraben, ihnen etwas wegzunehmen oder sie herauszufordern – genauso wie auch bei einem anderen Löwen aus dem Rudel. Solche Konfrontationen meide ich jedoch. Daher ist es noch nie zu einer lebensbedrohlichen Situation gekommen.

Wie kamen Sie dazu, die Kapuzineräffchen Jayjay und Momo aufzunehmen?

Ursprünglich wurden sie als Haustiere gekauft, jedoch hat man sie zu früh von ihrer Mutter getrennt. Ohne Muttermilch konnten sie kein richtiges Immunsystem entwickeln. Weil sie deshalb ständig krank waren, wollten ihre Besitzer sie loswerden. So rettete ich zuerst Jayjay, ein halbes Jahr später Momo.

Dean Schneider mit Kapuzineräffchen

Ist es schwer, ein Äfflipapi zu sein?

Anfangs war es ein riesiger Kampf, bis sie zu gesundheitlich stabilen Affen geworden sind: Ich wechselte ihre Windeln, machte Milch bereit, fand Ursachen für allergische Reaktionen heraus, ging häufig zu Tierärzt:innen. Ich würde sogar behaupten, dass Affenbabys schwieriger aufzuziehen sind als Menschenbabys. Über die Anatomie und mögliche gesundheitliche Probleme von Menschen wissen wir schlichtweg mehr und können somit schneller erkennen, wenn etwas nicht stimmt.

Erzählen Sie von Ihrer Mission.

Anfangs rettete ich Wildtiere, die unter schlechten Bedingungen gehalten wurden, mit dem Ziel, ihnen anschliessend ein artgerechtes Leben auf der Hakuna-Mipaka-Oase zu bieten. Doch über die Zeit hat sich meine Mission verändert. Ich habe realisiert, dass Tierleid schon immer vom Menschen verursacht wurde. Und egal wie viele Tiere ich rette – der Mensch wird deshalb nicht aufhören, noch mehr Wildtiere zu züchten und ihnen Leid zu verursachen. Dieses Problem packe ich nun am Schopf an, indem ich versuche, den Menschen zu verändern. Ich will ihn inspirieren, faszinieren und aufklären – sowohl über die schönen Seiten als auch über die Missstände in der Tierwelt. Deshalb habe ich mich dazu entschieden, allen Tieren, die ich bereits habe, ein schönes, lohnenswertes Leben zu geben und dies auf Social Media zu dokumentieren, um Aufmerksamkeit zum Wohl der Tiere zu generieren.

Inwiefern führt Ihre Social-Media-Präsenz zu mehr Tierwohl?

Das Problem ist, dass wir die Verbindung zu Tieren komplett verloren haben. Wir müssen zunächst lernen, sie zu verstehen. Die meisten Menschen leben aber in einer Grossstadt, wo mächtige Firmen und Politiker:innen ihren Sitz haben. Von dort aus wird die ganze Welt regiert. Einem wilden Tier werden sie kaum jemals über den Weg laufen. Gleichzeitig fehlen vielen Tierschutzorganisationen die Aufmerksamkeit und das Geld. Hier komme ich mit meinen Social-Media-Beiträgen ins Spiel. In einem spiele ich mit einem Löwen. Im anderen informiere ich über Hyänen mit dem Wow-Effekt. So konnte ich Millionen von Menschen für Tiere faszinieren. Ich möchte meinen Follower:innen die Tierwelt näher bringen und sie ermutigen, etwas Gutes für diese zu tun, zum Beispiel durch eine Spende. Das ist das ultimative Ziel meiner Social-Media-Präsenz.

Welche Social-Media-Strategie verfolgen Sie dabei?

Ich biete meinen Follower:innen immer einen Mehrwert. Einerseits haben meine viralen Videos ein schockierendes Element. Dies kann ein Video sein, in dem ein Löwe auf mich springt oder ich neben meiner Hyäne schlafe – sowas sieht man nicht jeden Tag. So generiere ich Aufmerksamkeit und nutze sie andererseits, um Wissen mittels lehrreichen Videos zu verbreiten. Die Views sind mir bei diesen educational Videos egal. Es ist wichtiger, dass sie meine Mission klar und deutlich vermitteln, aber auch, dass die Balance zwischen diesen beiden Content-Typen stimmt.

Wie pflegen Sie die Beziehung zu Ihren Fans?

Dies passiert gewollt natürlich. Während ich alles selber mache – vom Beantworten der Kommentare bis hin zum Posten von Beiträgen und Stories – nimmt die Pflege der Beziehung zu meinen Fans den grössten Teil meiner Zeit in Anspruch. Es gibt aber auch Tage, an denen ich Zeit für mich oder meine Tiere brauche. In diesen Momenten gehört meine volle Aufmerksamkeit den Tieren und die Kameras bleiben aus.

Hat das Berühmtsein auch Schattenseiten?

Natürlich. Steht man im öffentlichen Auge, so wird man immer auch Gegner:innen haben. Ihnen wird man nie die richtige Antwort geben können, egal, was man sagt. Deshalb verschwende ich meine Zeit nicht mehr damit, auf negative Kommentare einzugehen. Zum Glück ist meine Mission dem grössten Teil meiner Followerschaft bekannt. Sie verstehen meine Message. Mein Ziel ist grundsätzlich, stets meinen Werten und meiner Mission treu zu bleiben. Daran wird auch kein Hate-Kommentar rütteln können.

Was ist das Schönste an Ihrer Karriere? 

Einerseits, jeden Tag etwas Neues dazuzulernen. Andererseits, zu sehen, dass meine Videos Positives im Leben anderer bewirken. Zum Beispiel wurden mal in einer Schule in Kenia ein paar meiner Videos gezeigt. Die Kinder waren fasziniert, einige von ihnen wollen wegen mir sogar Tierschützer:innen werden! Es ist schön zu sehen, dass das, was ich kreiere, so viel Licht und Liebe in ihr Leben bringt.

Für Dean‘s und andere Tierschutzprojekte spenden unter: www.deanschneider.com/ donation/donate-now

Interview Akvile Arlauskaite   Bilder zVg

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19.05.2021
von Akvile Arlauskaite
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