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Wie viel Schweiz braucht eine Industrie, die längst global ist?

30.10.2026
von SMA

Die provokante Antwort lautet: Im Extremfall keine.

Unternehmen der Chemie-, Pharma- und Life-Sciences-Industrie forschen, produzieren und verkaufen weltweit. Sie investieren dort, wo die Voraussetzungen stimmen, Talente verfügbar sind, Verfahren funktionieren und sich Innovation lohnt. Die Schweiz ist ein wichtiger Standort; aber nicht der einzig mögliche. Damit könnte ich diesen Beitrag auch wieder beenden. Zum Glück ist die Realität vielschichtiger.

Die entscheidende Gegenfrage
Drehen wir die Frage um: Wie viel Industrie braucht eine Schweiz, die ihren Wohlstand sichern und international wettbewerbsfähig bleiben will? Industrie schafft hochqualifizierte Arbeitsplätze, investiert in Forschung und Entwicklung, bildet Fachkräfte aus und trägt wesentlich zu Exporten und Steuereinnahmen bei. Die Schweiz hat deshalb ein erhebliches Interesse daran, auch künftig ein attraktiver Standort für industrielle Wertschöpfung zu sein.

Gerade die globale Aufstellung der Unternehmen macht die Qualität des Standorts nicht weniger, sondern mehr relevant. Investitionsentscheide fallen im internationalen Vergleich. Und Standortqualität entsteht nicht durch den einen grossen politischen Entscheid. Sie ist die Summe einzelner Rahmenbedingungen.

Die Industrie hat Alternativen. Die Schweiz ebenfalls. Aber beide haben einen Preis.

Die Summe der Einzelentscheide zählt
Genau dort wächst meine Sorge. Denn die Beispiele, die in die falsche Richtung gehen, sind zahlreich. Wenn Unternehmen aufgrund von Gewässerschutzgrenzwerten Abwasser verbrennen müssen, ist das nicht nur betriebswirtschaftlich, sondern auch ökologisch fragwürdig. Auch der Gegenvorschlag zur Konzernverantwortungsinitiative 2.0 zeigt, wie schnell gute Absichten zum Standortnachteil werden können. Verantwortung für Menschenrechte und Umwelt ist selbstverständlich. Ein Schweizer Sonderweg mit zusätzlichen Haftungs-, Sorgfalts- und Berichtspflichten schafft aber nicht mehr Wirkung, sehr wohl jedoch Aufwand, Unsicherheit und Kosten. Und letztlich ist auch Infrastrukturpolitik Standortpolitik. Wenn SBB Cargo Bedienpunkte im Einzelwagenladungsverkehr streicht, geraten langfristig geplante Produktions- und Logistikketten ins Wanken. Im ungünstigsten Fall können Güter nicht mehr wirtschaftlich transportiert und damit nicht mehr am bisherigen Standort produziert werden oder Transporte wandern von der Schiene auf die Strasse.

Für Pharma und Life Sciences stellt sich – getrieben durch das US-Einfordern des MFN-Prinzips bei Medikamentenpreisen – die Frage, welchen Preis den Schweizerinnen und Schweizern künftig der Zugang für innovative Medikamente wert ist und wie die Attraktivität des Forschungs- und Produktionsstandorts künftig sichergestellt werden kann. Die vom Bundesrat eingesetzte Arbeitsgruppe Life-Sciences-Standort sucht hier gemeinsam mit der Industrie nach Lösungen.

Dr. Stephan Mumenthaler, Direktor scienceindustries

Klartext ist keine Drohung
Keines dieser Themen entscheidet allein über die Zukunft des Industriestandorts. Das entstehende Gesamtbild entscheidet aber mit darüber, wo Unternehmen künftig investieren. Spricht die Industrie diese Zusammenhänge offen an, wird das gerne als Drohung ausgelegt. Das greift für mich deutlich zu kurz. Es geht nicht darum, der Politik Entscheidungen abzunehmen. Politische Entscheide müssen unterschiedliche Interessen und Zielkonflikte gegeneinander abwägen. Gerade deshalb braucht es Transparenz darüber, welche Folgen eine Regulierung, ein Grenzwert oder eine neue Vorgabe in komplexen wirtschaftlichen Systemen haben kann.

Unternehmen tragen die Verantwortung, diese Konsequenzen klar zu benennen. Die Politik trägt die Verantwortung, sie einzuordnen und danach nach bestem Wissen und Gewissen zu entscheiden. Entscheidungsfreiheit und Klartext sind keine Gegensätze.

Wie viel Schweiz braucht also eine globale Industrie? Vielleicht weniger, als uns lieb sein kann. Wie viel Industrie braucht die Schweiz? Vermutlich mehr, als wir manchmal wahrhaben wollen. Die Industrie hat Alternativen. Die Schweiz ebenfalls. Aber beide haben einen Preis. Umso wichtiger ist es, diesen Preis zu kennen, bevor Entscheidungen fallen.

Weitere Informationen unter:
scienceindustries.ch

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