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»Die Rolle des Stromkunden verändert sich grundlegend – und damit auch die Aufgabe der Netzbetreiber«

16.07.2026
von Rüdiger Schmidt-Sodingen

Die Digitalisierung und intelligente Netze sind die zentralen Erfolgsfaktoren der Energiewende. Stefan Reuther, Member of the Executive Board bei Copa-Data Headquarters, über neue Lösungen für ein neues Energiezeitalter.

Stefan Reuther
Member of the Executive Board bei Copa-Data Headquarters

Herr Reuther, wie sehr treibt die Digitalisierung die Energiewende – oder ist sogar deren Voraussetzung?

Ich bin überzeugt: Digitalisierung ist nicht nur ein Treiber der Energiewende – sie ist ihre Voraussetzung. Früher basierte unser Energiesystem auf wenigen zentralen, planbaren Kraftwerken. Heute entsteht ein hochdynamisches Netzwerk aus erneuerbaren Erzeugern, Speichern und flexiblen Verbrauchern. Die Energiewende ist deshalb vor allem ein Komplexitätsproblem. Um Versorgungssicherheit, Wirtschaftlichkeit und Netzstabilität gleichermaßen zu gewährleisten, braucht es ein aktuelles Lagebild des Gesamtsystems, Echtzeitinformationen und einen hohen Grad an Automatisierung. Nur so lässt sich ein zunehmend dezentrales Energiesystem effizient steuern.

Was muss bei der Steuerung von Verteilungsanlagen anders werden?

Die eigentliche Veränderung liegt aus meiner Sicht nicht in der Steuerung einzelner Anlagen, sondern im Gesamtsystem. Verteilnetze waren lange auf einen planbaren Stromfluss vom Kraftwerk zum Verbraucher ausgelegt. Heute speisen Millionen dezentraler Erzeuger, Speicher und flexible Verbraucher dynamisch ins Netz ein. Entscheidend ist deshalb nicht mehr die Reaktion auf einzelne Ereignisse, sondern die Fähigkeit, das Gesamtsystem vorausschauend zu koordinieren. Entscheidungen müssen zunehmend in Echtzeit und weitgehend automatisiert getroffen werden – lokal ebenso wie im regionalen Verbund. Nur so lassen sich Netzstabilität und ein wirtschaftlicher Netzbetrieb dauerhaft sicherstellen.

Was muss eine Softwareplattform in diesem Zusammenhang leisten können?

Ich halte drei Dinge für entscheidend. Erstens Offenheit: Kein Netzbetreiber startet auf der grünen Wiese. Bestehende Systeme unterschiedlichster Hersteller müssen sich integrieren lassen – auf Basis offener Standards und ohne neue Abhängigkeiten zu schaffen. Zweitens Skalierbarkeit: Die Anforderungen reichen von einzelnen Ortsnetzstationen bis hin zur Steuerung kompletter Verteilnetze. Eine moderne Softwarearchitektur muss mit diesen Anforderungen wachsen können. Und drittens Resilienz: Energieinfrastruktur gehört zu den kritischsten Bereichen unserer Gesellschaft. Verfügbarkeit und Sicherheit sind deshalb keine Produktmerkmale mehr, sondern Grundvoraussetzungen für einen zuverlässigen Netzbetrieb.

Wie müssen die Netze auf die unterschiedlichen Energiequellen Wind, Sonne oder Wasserkraft reagieren können? 

Die eigentliche Herausforderung besteht darin, aus sehr unterschiedlichen Energiequellen ein stabiles Gesamtsystem zu machen. Wind und Sonne liefern Energie wetterabhängig und damit volatil, Wasserkraft ist deutlich besser planbar, steht aber nicht überall zur Verfügung. Hinzu kommen Batteriespeicher und zunehmend auch flexible Verbraucher, die aktiv zur Netzstabilität beitragen können. Entscheidend wird sein, diese unterschiedlichen Stärken intelligent aufeinander abzustimmen. Dafür braucht es ein präzises Verständnis des Netzzustands, belastbare Prognosen und die Fähigkeit, schnell auf Veränderungen zu reagieren. Nur so lassen sich Versorgungssicherheit und eine hohe Nutzung erneuerbarer Energien miteinander verbinden.

Ich bin überzeugt: Digitalisierung ist nicht nur ein Treiber der Energiewende – sie ist ihre Voraussetzung.– Stefan Reuther,
Member of the Executive Board

Immer mehr Kunden werden selbst zu Stromerzeugern – Stichwort »Photovoltaik« und »Heimspeicher« – oder könnten demnächst Teile ihres Stromverbrauchs aus der Nachbarschaft beziehen. Was bedeutet das für das tägliche Energiemanagement bei Netzbetreibern?

Die Rolle des Stromkunden verändert sich grundlegend – und damit auch die Aufgabe der Netzbetreiber. Aus Verbrauchern werden zunehmend aktive Teilnehmer am Energiesystem, die Strom erzeugen, speichern und flexibel nutzen. Damit wächst nicht nur die Zahl der Akteure, sondern auch die Dynamik im Gesamtsystem. Netzbetreiber müssen künftig Millionen dezentraler Erzeuger und Verbraucher koordinieren, statt überwiegend zentrale Energieflüsse zu steuern. Dafür braucht es verlässliche Informationen, vorausschauende Planung und schnelle Entscheidungen. Die Fähigkeit, diese Dynamik zu beherrschen, wird zu einem entscheidenden Erfolgsfaktor der Energiewende.

Wie hilft Ihre Softwareplattform bei der Umsetzung komplexer Projekte im Energiesektor?

Aus meiner Sicht scheitern die meisten Projekte im Energiesektor heute nicht an der Technologie, sondern an der wachsenden Komplexität. Netzbetreiber modernisieren ihre Infrastruktur unter hohem Zeitdruck, integrieren unterschiedlichste Technologien und müssen gleichzeitig höchste Anforderungen an Verfügbarkeit und Versorgungssicherheit erfüllen. Genau hier setzt unsere Softwareplattform zenon an. Sie schafft eine einheitliche Grundlage für Engineering und Betrieb, integriert Systeme unterschiedlicher Hersteller auf Basis offener Standards und unterstützt standardisierte, wiederverwendbare Arbeitsweisen. Dadurch sinken Komplexität und Projektrisiken – und Modernisierung wird planbarer. So können Netzbetreiber ihre Infrastruktur Schritt für Schritt weiterentwickeln, ohne bestehende Investitionen infrage zu stellen.

Welche Rolle spielt die Erfassung und Analyse von Anlageninformationen für die mittel- und langfristige Versorgungssicherheit?

Die intelligente Nutzung von Anlagendaten ist definitiv ein Schlüsselfaktor für die Versorgungssicherheit. Wer fundierte Entscheidungen treffen will, braucht nicht nur aktuelle Informationen, sondern muss Entwicklungen über längere Zeiträume verstehen. Erst die Verbindung von historischen und aktuellen Daten macht Trends, Risiken und Handlungsbedarf sichtbar. So lassen sich Lastentwicklungen besser prognostizieren, Wartungsmaßnahmen gezielt planen und Investitionen dort priorisieren, wo sie den größten Nutzen stiften. Versorgungssicherheit hängt heute nicht mehr nur von der physischen Infrastruktur ab, sondern zunehmend von der Qualität der verfügbaren Informationen und der Fähigkeit, daraus die richtigen Entscheidungen abzuleiten.

Wer regulatorische Anforderungen frühzeitig berücksichtigt, schafft nicht nur Rechtssicherheit, sondern stärkt auch das Vertrauen in die Stabilität der Energieversorgung.– Stefan Reuther,
Member of the Executive Board

Wie sehr werden Kontroll- und Compliance-Vorgaben die Netzsteuerung noch herausfordern?

Es ist davon auszugehen, dass regulatorische Anforderungen künftig weiter an Bedeutung gewinnen. Mit der Digitalisierung und der zunehmenden Vernetzung der Energieinfrastruktur steigen auch die Anforderungen an Sicherheit, Nachvollziehbarkeit und Transparenz. Gleichzeitig gelten Energienetze als kritische Infrastruktur und stehen damit besonders im Fokus von Gesetzgebern und Aufsichtsbehörden. Compliance und Cybersicherheit sind deshalb längst keine Randthemen mehr, sondern ein integraler Bestandteil eines resilienten Netzbetriebs. Wer regulatorische Anforderungen frühzeitig berücksichtigt, schafft nicht nur Rechtssicherheit, sondern stärkt auch das Vertrauen in die Stabilität der Energieversorgung. 

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Über Copa-Data

Copa-Data ist ein unabhängiger Softwarehersteller für die Fertigungsindustrie, Energiewirtschaft und kritische Infrastrukturen. Mit der Softwareplattform zenon unterstützt das Unternehmen Industrie- und Energieunternehmen weltweit dabei, die wachsende Komplexität moderner Produktions-, Energie- und Infrastruktursysteme sicher, effizient und nachhaltig zu beherrschen. Als offene und skalierbare Softwareplattform verbindet zenon Engineering, Betrieb und industrielle Daten über den gesamten Lebenszyklus hinweg und schafft die Grundlage für resiliente, zukunftssichere und wirtschaftliche Prozesse. Dabei verbindet Copa-Data jahrzehntelange Automatisierungsexpertise mit einem klaren Fokus auf digitale Transformation, Offenheit und Nachhaltigkeit.

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