Die neue Direktorin der SERV spricht über ihren Start, die Rolle der Exportrisikoversicherung und die Herausforderungen im globalen Handel. Ein Gespräch über Chancen, Risiken und die Bedeutung von Partnerschaften für den Erfolg im Export.
Frau Schulze-Bergmann, Sie sind seit April Direktorin der SERV. Wie war Ihr Start?
Sehr gut – und ehrlich gesagt auch inspirierend. Ich bin auf ein Team getroffen, das mit viel Engagement und Überzeugung bei der Sache ist. Man spürt sofort: Hier arbeiten Menschen, die wissen, warum sie tun, was sie tun. Und genau das gefällt mir. Wir konzentrieren uns auf Themen, die für die Schweizer Exportwirtschaft wirklich relevant sind – das gibt unserer Arbeit eine besondere Sinnhaftigkeit.
Was hat Sie persönlich auf diese Aufgabe vorbereitet?
Exportfinanzierung zieht sich wie ein roter Faden durch meinen beruflichen Werdegang. Im Corporate Banking und in der Industrie war ich dort tätig, wo Exportgeschäfte entstehen. In der Industrie habe ich erlebt, wie Schweizer Technologien weltweit verkauft werden – und wie wenig präsent Finanzierungsfragen auf Kundenseite oft sind, obwohl sie für den Zuschlag häufig entscheidend sind.
Und um solche Geschäfte möglich zu machen, habe ich Brücken gebaut – zwischen Industrie, Banken, Politik und Exportkreditagenturen. Dabei wurde mir bewusst, wie eng regulatorische Anforderungen, Risikoparameter und strategische Interessen zusammenspielen. Daraus ist der Wunsch entstanden, auch die Rahmenbedingungen mitzugestalten, damit die SERV ihre Wirkung entfalten kann und Schweizer Exporteure im internationalen Wettbewerb bestehen können.
Was genau macht die SERV?
Vereinfacht gesagt: Wir versichern Exportgeschäfte von Schweizer Unternehmen gegen Zahlungsausfälle. Wenn ein Unternehmen im Ausland Maschinen, Anlagen oder Dienstleistungen verkauft, sichern wir die Forderung gegen politische und wirtschaftliche Risiken ab. Gleichzeitig sind wir auch ein wichtiges Instrument für die Finanzierung solcher Geschäfte – die wir auch versichern.
Unsere Arbeit trägt direkt dazu bei, dass Schweizer Unternehmen im globalen Wettbewerb bestehen können.– Cristina Schulze-Bergmann
Inwiefern geht die SERV über eine klassische Versicherung hinaus?
Wir ermöglichen Exporte, die ohne Absicherung gar nicht erst zustande kämen, da sie durch den privaten Versicherungsmarkt nicht abgedeckt sind. Dank unserer Absicherung können Banken Exportkredite günstiger und mit längeren Laufzeiten vergeben. Dabei profitiert die SERV vom AAA-Rating der Schweiz – dadurch wird ein Schweizer Angebot international wettbewerbsfähiger.
Das heisst konkret: Ein Schweizer Unternehmen kann seinem Kunden nicht nur ein gutes Produkt anbieten, sondern gleich auch eine passende Finanzierung mitliefern. Ein attraktives Gesamtpaket macht oft den Unterschied – und genau dort setzen wir an.
Wie wichtig ist die SERV für den Standort Schweiz?
Sehr wichtig, denn die Schweizer Wirtschaft ist überdurchschnittlich stark vom Export abhängig. Wenn wir ein Geschäft nicht unterstützen können, geht es im Zweifel an die internationale Konkurrenz verloren. Unsere Arbeit trägt direkt dazu bei, Schweizer Arbeitsplätze zu sichern oder gar zu schaffen und Schweizer Unternehmen dabei zu unterstützen, im globalen Wettbewerb zu bestehen.
Welche Trends beobachten Sie konkret?
Geografische Diversifikation ist ein entscheidender unternehmerischer Erfolgsfaktor. Damit wächst auch das Interesse an Märkten mit höherem Risiko – und somit auch der Bedarf an Absicherung. Treiber für die höhere Nachfrage nach Absicherung bleiben vor allem komplexere Exportgeschäfte, längere Zahlungsziele und der zunehmende Wettbewerb, insbesondere in technologieintensiven Branchen, in denen Schweizer KMU weltweit führend sind: vom Maschinenbau über Präzisionskomponenten bis hin zu Medizintechnik und Energietechnologien. Infrastruktur- und ausgewählte Technologieprojekte setzen zusätzliche Impulse.
Wo sehen Sie die grössten Herausforderungen für Exportunternehmen?
Derzeit sind es vor allem hohe makroökonomische und geopolitische Unsicherheiten, die das globale Umfeld prägen. Dazu zählen steigende Zinsen und der starke Franken ebenso wie internationale Konflikte und volatile Energie- und Rohstoffmärkte. Das führt nicht nur zu instabileren Lieferketten, sondern auch zu spürbaren Marktverschiebungen sowie einem zurückhaltenden Investitionsklima bei den Endkundinnen und -kunden. Für Unternehmen wird es deshalb immer wichtiger, wirtschaftliche und politische Risiken professionell zu managen.
Im Schweizer Kontext stellt der starke Franken eine zentrale Herausforderung dar. Das bedeutet konkret, dass Schweizer Produkte im Vergleich zur Konkurrenz immer teurer werden. Mit einer SERV-Versicherung kann dieses Preisungleichgewicht durch die attraktivere Finanzierung – Stichwort AAA-Rating – nivelliert werden.
Und die Chancen?
Die sind absolut da. Schweizer Exporteure sind technologisch stark positioniert. Entscheidend ist, daraus auch tatsächlich Abschlüsse zu machen. Genau hier liegt die Chance: Durch die Absicherung politischer und wirtschaftlicher Risiken werden Exportgeschäfte häufig erst finanzierbar und damit für Käufer überhaupt umsetzbar. Das stärkt die Wettbewerbsfähigkeit und erhöht die Wahrscheinlichkeit, den Zuschlag zu erhalten.
Freihandelsabkommen geben weiterhin wichtige Impulse, ihre Wirkung zeigt sich jedoch erst mit konkreten Projekten und tragfähigen Finanzierungen. Genau dabei unterstützt die SERV – pragmatisch, nah am Geschäft und lösungsorientiert.
Zur Person
Cristina Schulze-Bergmann ist seit dem 1. April 2026 Direktorin der SERV. Zuvor leitete sie von 2021 bis 2026 als Global Head Export & Trade Finance das internationale Export- und Handelsfinanzierungsgeschäft beim Industriekonzern Rieter in Winterthur und präsidierte die Kommission für Exportfinanzierung des Branchenverbands Swissmem. Ihre Karriere begann 2003 im internationalen Bankensektor, wo sie über viele Jahre Führungsfunktionen innehatte, zuletzt als Director Corporate Banking Coverage bei der Deutschen Bank AG in Zürich.
Neue Chancen für Schweizer Exporteure bei internationalen Grossprojekten
Anfang 2026 hat die Schweizerische Exportrisikoversicherung SERV die Gesamtverantwortung für das Mandat Grossinfrastrukturprojekte (GIP) des Bundes übernommen. Damit ist die SERV zentrale Anlauf- und Koordinationsstelle des «Team Switzerland Infrastructure» – und schafft für Schweizer Exportunternehmen gezielt Zugang zu bedeutenden internationalen Infrastrukturprojekten.
Umsetzung des GIP-Mandats aus einer Hand
Der Bundesrat lancierte das Mandat Grossinfrastrukturprojekte (GIP) 2021 mit einem klaren Ziel: Der Zugang der Schweizer Wirtschaft zu grossen ausländischen Infrastrukturvorhaben soll verbessert und die internationale Wettbewerbsfähigkeit nachhaltig gestärkt werden. Im Zentrum stehen eine engere Koordination zwischen Industrie, Verbänden und Bundesstellen sowie die gezielte Identifikation und Zusammenführung von Nachfrage und Angebot.
Die SERV hat per 1. Januar 2026 die Gesamtverantwortung für dieses Mandat übernommen. Im «Team Switzerland Infrastructure» werden gemeinsam mit Switzerland Global Enterprise (S-GE), den Branchenverbänden Swissmem, Swissrail und suisse.ing sowie weiteren Partnern aus der Bundesverwaltung die Kräfte gebündelt. Jedes erfolgreich realisierte Projekt stärkt nicht nur einzelne Unternehmen, sondern den Werkplatz Schweiz insgesamt.
Für die Schweizer Exportunternehmen bedeutet das: eine zentrale Kontaktstelle, klare Zuständigkeiten und ein effizienter Zugang zu relevanten Informationen, Kontakten und Projekten.
Schlüsselkontakte, Projektidentifikation und finanzielle Stärke
Die SERV vermittelt Schlüsselkontakte zu internationalen EPC-Unternehmen (Engineering, Procurement, Construction), identifiziert und evaluiert geeignete Projekte und begleitet Schweizer Unternehmen frühzeitig im Prozess.
Die Rolle als «Trade Facilitator» erlaubt es der SERV, wirtschaftliche Chancen mit konkreten Finanzierungslösungen zu verbinden. Hier profitiert die SERV vom AAA-Rating des Bundes. Es schafft Vertrauen bei internationalen Partnern und stärkt die Position Schweizer Anbieterinnen und Anbieter in anspruchsvollen Märkten.
Bereits vor der offiziellen Übernahme des Mandats hat die SERV gezielt Grossprojekte identifiziert. Gerade KMU profitieren davon, als qualifizierte Unterlieferantinnen und Unterlieferanten in komplexen Projekten berücksichtigt zu werden – in einem Umfeld, das zunehmend dynamisch und wettbewerbsintensiv ist.
Konkrete Resultate – messbarer Nutzen
Die Resultate sprechen für sich: Allein im Jahr 2025 konnte die SERV fünf Grossinfrastrukturprojekte mit einem Gesamtauftragswert von über einer halben Milliarde Schweizer Franken realisieren. Rund 50 Schweizer Unternehmen waren daran beteiligt. Darunter befanden sich unter anderem ein Gleisbauer, ein Hersteller von Fahrbahnübergängen und Brückenlagern sowie ein Wasserpumpenhersteller. Weitere internationale Grossprojekte sind bereits in der Pipeline. Das Potenzial ist erheblich und die Nachfrage nach Schweizer Qualität bleibt hoch.
Know-how, Kontakte und Finanzierungskompetenz
Die Übernahme der Gesamtverantwortung für das GIP-Mandat sei laut SERV ein Vertrauensbeweis des Bundes und vor allem eine Chance für die Schweizer Exportwirtschaft. Know-how, Kontakte und Finanzierungskompetenz würden an einer Stelle gebündelt werden und damit konkrete Wettbewerbsvorteile für SERV-Kundinnen und -Kunden schaffen. Das Ziel der SERV und ihrer Partnerinnen und Partner ist die frühzeitige Einbindung von Schweizer Unternehmen in internationale Grossprojekte und das nachhaltige Eröffnen von Geschäftsmöglichkeiten.
Die Schweizerische Exportrisikoversicherung
SERV entschädigt eine versicherte Exporteurin oder eine finanzierende Bank, wenn ein Käufer im Ausland aus politischen oder wirtschaftlichen Gründen nicht zahlen kann oder will. Auch trägt die SERV mit ihren Versicherungen dazu bei, dass Unternehmen für ihre Herstellungskosten Zugang zu Krediten und einer höheren Kreditlimite erhalten.
Die SERV ist eine öffentlich-rechtliche Anstalt des Bundes und arbeitet eigenwirtschaftlich, das heisst, sie nimmt ihr Geld über risikogerechte Versicherungsprämien ein und ist nicht steuerfinanziert.
Weitere Informationen unter www.serv-ch.com


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