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24 November 2020

Immer mehr Rechtswissen ist gefragt.

Die Rechtswissenschaft ist sehr vielseitig. Genauso vielseitig präsentieren sich Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten in dem Gebiet. Interessierte müssen nicht immer Absolventen eines Hochschulstudiums sein.

Durch die zunehmende Verrechtlichung der Gesellschaft braucht es mehr Menschen, die Rechtswissen verfügen. Und das ohne dass sie Anwalt sein müssen. Zum Beispiel bei der KESB, im Grundbuchamt, in einem Notariat, in der Compliance-Abteilung eines Unternehmens oder bei der Schulpflege ist durchaus juristisches Wissen vonnöten», betont Vito Roberto. Er ist Professor für Privat-, Handels- und Wirtschaftsrecht an der Universität St.Gallen.

Deshalb begrüsst der Professor die Ausbildungsmöglichkeiten, die an verschiedenen Fachhochschulen den Berufsmaturanden offenstehen. Die ZHAW in Winterthur biete zum Beispiel einen Bachelor (FH) in Wirtschaftsrecht. Die Ausbildung dauert drei beziehungsweise vier Jahre, sagt er. Das Studium soll für die Aufgaben «an der Schnittstelle von Wirtschaft und Recht» vorbereiten, verspricht die Webseite der ZHAW. Dabei lege die Fachhochschule den Fokus auf Rechtsfragen mit einem praktischen Bezug zur Geschäftswelt. Als weiterführendes Studium könnte der Master in Management and Law ins Auge gefasst werden.

Noch immer ist das Studium der Rechtswissenschaft der klassische Weg in einen juristischen Beruf.

Neben den langjährigen Studiengängen für Nichtjuristen gibt es zahlreiche kurze CAS-Angebote, wie zum Beispiel das CAS Wirtschaftsrecht der Berner Fachhochschule. In CAS-Lehrgängen wird Wissen etwa zu Baurecht, Arbeitsrecht, Sozialversicherungsrecht oder Sozialrecht vermittelt. «Diese Weiterbildungen dienen dazu, einen Überblick über ein Hauptrechtsgebiet zu bekommen. Zum Beispiel ist es sinnvoll, wenn ein Ingenieur Aspekte des Vertragsrechts und Bestimmungen des Baurechts kennt», erklärt Vito Roberto.

Bildung
Der klassische Weg führt über Universitäten

Doch noch immer ist das Studium der Rechtswissenschaft der klassische Weg in einen juristischen Beruf. Die Universitäten St.Gallen, Zürich, Genf, Lausanne, Neuenburg, Freiburg, Bern, Basel und Luzern bieten Interessierten Rechtswissenschaften als Studienfach an. «Leider haben wir es aber nicht geschafft, uns im Bachelor-Studium in der Schweiz auf ein gemeinsames Programm zu einigen. Das wäre natürlich für die Mobilität im Studium der Idealfall», bedauert Vito Roberto.

Wer sich für die Rechtswissenschaften interessiert, sollte, davon ist Vito Roberto überzeugt, Argumentationsfähigkeit mitbringen. «Und man muss in der Lage sein, ein Thema aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Wir wissen schliesslich nicht, wer in Zukunft unser Klient ist. Wenn man den Kläger vertritt, muss man eine andere Perspektive einnehmen, als wenn man Anwalt des Beklagten ist», erläutert der ehemalige Prorektor für den Bereich Studium und Lehre. Eher zur Philosophie möchte er diejenigen Interessierten schicken, die sich mit dem Thema Gerechtigkeit auseinandersetzen wollen. «Bei uns geht es um rechtsstaatliche Verfahren, die zu einem Urteil führen, die aber deshalb noch nicht gerecht sein müssen».

Bachelor-Studierende bekommen in den verschiedenen Universitäten eine solide Grundlage in privatem und öffentlichem Recht. An welcher Universität das Studium absolviert werden soll, hängt von verschiedenen Aspekten ab. So gebe es Fakultäten, die im ersten Studienjahr selektiver seien, dafür im Rest des Studiums weniger, oder eben umgekehrt. «Bei uns nennen wir das erste Jahr das Assessmentjahr. Diejenigen, die das bestehen, bleiben meist bis zum Abschluss», so Vito Roberto. In St.Gallen gehören ausserdem VLW und BWL zum Studium der Rechtswissenschaften – das sei nicht überall so.

Bevor die Anwaltsprüfung in Angriff genommen werden kann, müssen Juristen erst ein Praktikum absolvieren.

Die Qual der Wahl

Entscheidend kann auch sein, ob jemand lieber an einer grossen Uni mit mehr Freiheiten oder an einer kleinen, strukturierten studieren möchte. «Bezüglich Ausrichtung gibt es keine klaren Schwerpunkte in der Schweizer Universitätslandschaft. Statistiken sagen aber, dass Bern und St Gallen an der Spitze sind, wenn es darum geht, nach dem Studium einen gut bezahlten Arbeitsplatz zu haben», weiss der Professor. Das liege wohl daran, dass die St. Galler Absolventen oft in Zürcher Wirtschaftskanzleien unterkämen, und die Berner Absolventen in der öffentlichen Verwaltung anfangen.

Im Masterstudium absolvieren die Studierenden Pflicht- und Wahlveranstaltungen. Roberto rät aber davon ab, sich bei den Wahlfächern schon auf eine Richtung zu spezialisieren. «Nach dem Studium ist genug Zeit dafür. Gerade für die Anwaltsprüfung muss man ja sowieso alle Rechtsgebiete abdecken», sagt er. Fast die Hälfte der Masterabsolventen legen die Anwaltsprüfung ab. Bevor sie in Angriff genommen wird, müssen Juristen aber erst ein Praktikum absolvieren. Die Länge und die erforderlichen Arbeitgeber sind kantonal unterschiedlich geregelt.

«Man will ja mal mit der Ausbildung fertig sein. Deshalb empfehle ich, die Anwaltsprüfung zügig nach dem Masterabschluss anzugehen», so Roberto. Nach der Prüfung geschehe die Spezialisierung auf ein Fachgebiet durch die Wahl der Kanzlei. «Anwälte können ja nicht überall Experten sein. Sie wählen ein Gebiet, das ihnen nahe liegt. Dann gibt es natürlich auch fachliche Weiterbildungen wie Tagungen, CAS-Lehrgänge oder die Ausbildung zum Fachanwalt», erklärt der Professor. Fachanwaltsgebiete sind Bau- und Immobilienrecht, Erbrecht, Familienrecht, Haftpflicht- und Versicherungsrecht sowie Strafrecht.

Die Liste der juristischen Weiterbildungsmöglichkeiten ist lang. Dazu gehört auch die Möglichkeit einer Dissertation, um eine akademische Laufbahn einzuschlagen. Zusammenfassend kann man sagen, dass die Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten so vielseitig sind, wie das Feld der Rechtswissenschaften an und für sich. Und je komplexer die Gesellschaft wird, umso mehr Regelungen müssen wir treffen, und umso  mehr juristische Kompetenz in verschiedensten Gebieten ist gefragt.

Text Natalie Ehrenzweig

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