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22 Oktober 2020

Wie Maria Montessori die Pädagogik revolutionierte.

«Hilf mir, es selbst zu tun!» Dieses Zitat von Maria Montessori ist heute, genau wie die von ihr entwickelte Pädagogik, weltbekannt. Wer war diese Frau, deren Namen heute Allgemeinbildung ist? Ein Einblick zum Anlass ihres 150. Geburtstags am 31. August 2020.

1870. Chiaravelle, Provinz Ancona, Italien. In diesem kleinen Ort an der Adriaküste kommt am 31. August ein kleines Mädchen zur Welt. Maria. Maria Montessori.

Die Familie ist gut situiert. Der Vater ist beim Finanzministerium tätig und leitet parallel die staatliche Tabakmanufaktur. Die Mutter arbeitet – wie in dieser Zeit üblich – nicht. Für die Tochter sah er dasselbe Leben wie das ihrer Mutter vor, doch es sollte alles anders kommen. Bereits zu Schulzeiten erwachte in Maria Montessori ein starker Wissensdurst sowie ein ausgeprägtes Interesse für Naturwissenschaften. So besuchte sie gegen den Widerstand des konservativen Vaters eine technische Oberschule und beabsichtigte nach der Matura, ein Medizinstudium aufzunehmen. 

Studieren trotz Hindernissen

Bereits seit Mitte der 1870er-Jahren durften Frauen in Italien zwar generell studieren, dennoch wurde die kluge junge Frau für den gewünschten Studiengang abgelehnt. Der lapidare Grund: Das Medizinstudium sei Männern vorbehalten. So begann die damals 20-Jährige im Jahr 1890 ein Studium der Naturwissenschaften, welches sie auch erfolgreich abschloss. Nachdem Maria Montessori behördliche Hürden gemeistert hatte, wurde sie schliesslich doch zum Medizinstudium zugelassen. 

Allerdings sah sie sich auch hier aufgrund ihres Geschlechts grossen Herausforderungen ausgesetzt. So ist etwa überliefert, dass man sie von den regulären Sezierkursen ausschloss und sie zudem im Anatomiesaal alleine ohne ihre männlichen Kommilitonen arbeiten musste. 

1896 promovierte sie an der Universität Rom. Bis heute hält sich die Meinung, Maria Montessori sei die erste Ärztin Italiens gewesen. Bereits drei Frauen vor ihr hatten dies jedoch auch erreicht, auch wenn diese niemals den Bekanntheitsgrad erreichten, wie er später Maria Montessori zuteil wurde. Bereits ein Jahr nach ihrer Promotion eröffnete die zu diesem Zeitpunkt 27-Jährige eine Privatpraxis und arbeitete als Assistenzärztin an einem der Universität Rom unterstellten Krankenhaus. Schon während dieser Zeit begann sie sich stärker für Pädagogik zu interessieren. 

Am Wendepunkt

Kurz vor der Jahrhundertwende befand sich Maria Montessoris Leben ebenfalls an einem Wendepunkt: 1898 wurde sie Mutter eines Sohnes; der Vater war ihr Arztkollege Giuseppe Montesano. Doch aus einem Familienglück, wie es sie aus ihrer eigenen Kindheit kannte, wurde nichts. Ein uneheliches Kind stellte schliesslich in dieser Zeit einen Skandal dar. So wuchs Mario Montessori erst in einer Pflegefamilie und dann im Internat auf. Erst als er 14 Jahre alt war, holte die später weltbekannte Reformpädagogin ihren Sohn zu sich. Es sollte zudem noch mehr als ein Vierteljahrhundert vergehen, bis sie sich auch öffentlich zu ihm als seine Mutter bekannte. Ein Schritt, der später Angriffsfläche für massive Kritik an Maria Montessori bot.

Ein uneheliches Kind stellte schliesslich in dieser Zeit einen Skandal dar.

Die Anfänge der Montessoripädagogik

In den Jahren nach der Geburt forschte die promovierte Ärztin gezielt im pädagogischen Bereich. Stark geprägt wurde sie in dieser Zeit auch von ihrer Tätigkeit in der Kinderpsychiatrie der römischen Universitätsklinik, wo sie feststellte, dass geistig behinderte Kinder nur unzulänglich versorgt wurden. Ein Zustand, den es zu ändern galt. Im Zuge dessen entwickelte Maria Montessori erste spezielle Lernmaterialien, die später weltbekannt werden sollten.

1907, rund ein Jahrzehnt nach ihrer Promotion, gründete Maria Montessori in einem Römer Vorort die Kindertagesstätte «Casa di Bambini», wo arme und sozial benachteiligte Kinder betreut wurden. Hier wandte sie ebenfalls ihre Lernmaterialien an, womit sie entgegen aller Erwartungen Erfolge verzeichnen konnte, was die Pädagogin rasch auch ausserhalb Roms bekannt machte. 

1909, zwei Jahre später, legte die Pädagogin ihr Hauptwerk «Il metodo» vor – die Montessoripädagogik war geboren. Diese geht davon aus, dass Kinder Baumeister ihrer selbst sind. Kinder werden laut Montessori in ihrer Persönlichkeit geachtet und als wertvolle Menschen angesehen. Im Zuge dessen war die Pädagogin fest davon überzeugt, dass jedes Kind in seinem eigenen Rhythmus und auch aus eigener Motivation lernen soll, um Fortschritte zu erzielen. Auch den Vergleich der Kinder untereinander lehnt die Montessoripädagogik kategorisch ab. Schulnoten sucht man hier deshalb vergeblich.

Eine schicksalhafte Begegnung

1913, kurz vor Ausbruch des ersten Weltkriegs, begab sich Maria Montessori auf Reisen durch Europa, Amerika und Indien und hielt Vorträge über die ihre eigens konzipierte Pädagogik. Wie hohe Wellen die Montessoripädagogik schlug, zeigt auch ein Einblick in die Politik Italiens während der 1920er-Jahre. Als sich 1924 die Wege der inzwischen weltbekannten Pädagogin und des späteren Diktators Benito Mussolini kreuzen, stellte dies ein schicksalhaftes Ereignis dar. Mussolini, selber ursprünglich ausgebildeter Grundschullehrer, zeigte sich von der Montessoripädagogik begeistert und verpflichtete sie im Zuge dessen für alle Schulen Italiens. Montessori willigte ein, obschon sie eine entschiedene Gegnerin des faschistischen Regimes war. Die Zusammenarbeit stand somit bereits seit Beginn unter einem schlechten Stern – eine Tatsache, die sich nur noch verschlechterte, als sich das Regime je länger je mehr in die Pädagogik einzumischen versuchte. 1934 sprach Mussolini ein Machtwort und liess die Montessorischulen in ganz Italien wieder schliessen. 

Benito Mussolini, selber ursprünglich ausgebildeter Grundschullehrer, zeigte sich von der Montessoripädagogik begeistert.

Gemeinschaft versus Individualismus

Dass die Montessoripädagogik im Europa der 1930er-Jahre am seidenen Faden hing, zeigt auch ein Blick nach Deutschland. Als 1933 die Nazis an die Macht kamen, wurden noch im selben Jahr die ersten Kinderhäuser und Montessorischulen geschlossen. Der Kontrast hätte nicht grösser sein können: Auf der einen Seite ein Regime, in dem die Gemeinschaft an erster Stelle steht und auf der anderen eine Pädagogik, die auf Individualismus pochte. 

Bis heute, zu Beginn der 2020er-Jahre, werden stets aufs Neue kritische Stimmen laut. Oft genannte Kritikpunkte sind das Fehlen von Schulnoten für eine fundierte Beurteilung sowie der Verzicht auf Hausaufgaben, der dem Lernerfolg der Kinder eher schaden als helfen würde. Kinder, die zudem stets nur das lernen, was sie wollen, würden die schwierigeren Aufgaben vermeiden und sich nicht weiterentwickeln können. Ein letzter grosser Kritikpunkt bezog sich auf die Pädagogin persönlich – was wisse denn schon eine Frau, die ihr eigenes Kind weggegeben hat, über Pädagogik?

Bis heute, zu Beginn der 2020er-Jahre, werden stets aufs Neue kritische Stimmen laut.

Exil in Indien

1939 verlässt Maria Montessori mit ihrem Sohn Mario die Stadt Amsterdam, wo sie inzwischen ihren Wohnsitz hin verlegt hatte, und brach für eine weitere Vortrags- und Forschungsreise nach Indien auf. Hier verbrachte sie die Zeit während des Zweiten Weltkriegs und während in Europa die Montessoripädagogik zunehmend verblasste, kam sie hier, am anderen Ende der Welt, zu einem enormen Aufschwung. 1946 kehrte Montessori nach Europa zurück, wo sie sich dem Wiederaufbau der geschlossenen, verbotenen und zerstörten Montessori-Einrichtungen widmete. Trotz ihres inzwischen hohen Alters unternahm sie weiterhin europaweit Forschungsreisen und ebnete der Montessoripädagogik den Weg für einen erneuten Aufschwung.

Tod und Nachwirkung

Am 6. Mai 1952 verstirbt Maria Montessori 81-jährig in Nordwijk aan Zee. Aller Hürden und Niederschläge zum Trotz ist ihr Vermächtnis enorm: Weltweit gibt es rund 40 000 Montessori-Einrichtungen, welche die Pädagogik der Gründerin weiterleben lassen. «Hilf mir, es selbst zu tun!» – ein Leitspruch, der auch mehr als ein Jahrhundert seit seiner Etablierung nicht an Aktualität verloren hat.

Text Lars Gabriel Meier, Headerbild Wikimedia Commons

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