Annette Luther hat in biomedizinischen Wissenschaften promoviert und ist Präsidentin von scienceindustries, dem Schweizer Branchenverband der Chemie-, Pharma- und Life-Sciences-Industrie, sowie Head of External Affairs Switzerland bei Roche. Im Interview spricht sie darüber, was die Schweiz als Life-Sciences-Standort auszeichnet, wo sie Aufholbedarf hat und welche Rolle KI spielt.

Annette Luther, Präsidentin von scienceindustries
Frau Luther, Sie sind die Präsidentin von scienceindustries. Wo sehen Sie den Schweizer Life-Sciences-Standort heute im internationalen Vergleich?
Die Schweiz ist seit über 100 Jahren ein führender Standort für innovative Unternehmen im Life-Sciences-Bereich. Aber unser Spitzenplatz ist kein Besitzstand. Wenn wir die Innovationsrankings der letzten Jahre anschauen, ist die Schweiz zwar weiterhin vorne dabei, aber sie rutscht ab. Besonders bei Innovation und Technologieführerschaft haben wir unseren Vorsprung verloren. Wir haben hervorragende Voraussetzungen, aber andere Länder entscheiden schneller und investieren offensiver.
Wo steht er in fünf Jahren, wenn sich die Rahmenbedingungen nicht ändern?
Ein Innovationsstandort verliert seine Stärke nicht über Nacht, sondern Investitionsentscheid für Investitionsentscheid. Heute geht vielleicht eine klinische Studie ins Ausland, morgen eine Produktionslinie. Nach einigen Jahren fehlen nicht nur einzelne Investitionen, sondern auch Zulieferer, Fachkräfte und neue Unternehmen. Die Schweiz mag auch in fünf Jahren noch ein wichtiger Life-Sciences-Standort sein. Die Frage ist: Entsteht die nächste Generation von Innovation noch hier?
Was macht den Life-Sciences-Standort Schweiz aktuell noch einzigartig und welche Vorteile drohen zu erodieren?
Unsere grösste Stärke ist die enorme Dichte an Kompetenzen auf kleinem Raum: Spitzenforschung, Universitäten, Start-ups, globale Unternehmen, spezialisierte Zulieferer und moderne Produktion, die einander ergänzen und verstärken. Eine Idee kann in der Schweiz schneller als anderswo den Weg aus dem Labor in die Anwendung finden. Andere Standorte haben das verstanden und investieren gezielt in Innovation. Sie fördern schnellere Verfahren, verfügen über besser nutzbare Gesundheitsdaten, effizientere Netzwerke und verlässlichere Rahmenbedingungen. Das ist eine grosse Konkurrenz für den Standort Schweiz.
Welche Länder beobachten Sie derzeit am genauesten als Konkurrenz in Forschung, Entwicklung und Produktion?
Die USA und China streben beide nach der Vorherrschaft in den innovativen Life-Sciences, wobei die USA schon immer stark waren und China schnelle Fortschritte macht. Die USA punkten mit Innovation und Kapital. China investiert massiv und ist bei der Forschung und klinischen Studien sehr schnell geworden. Mit Dänemark zeigt aber auch ein kleines Land, wie man mit guten Rahmenbedingungen erfolgreich ist. Alle drei Länder verbindet ein hoher Grad an Digitalisierung und schnelle Entscheidungen – da muss die Schweiz aufholen.
Welche politischen und regulatorischen Weichenstellungen wären aus Ihrer Sicht am dringendsten, um die Innovationskraft der Schweiz zu sichern?
Innovation muss sich in der Schweiz wieder mehr lohnen. Dazu gehört unter anderem die faire Honorierung neuer Medikamente und Therapien. Wer jahrelang forscht, hohe Risiken trägt und das Leben von kranken Menschen verbessert, braucht die Aussicht auf eine angemessene Vergütung. Gleichzeitig müssen die regulatorischen Prozesse schneller werden. Ist die Schweiz bei Bewilligungen, Zulassungen und Vergütung zu langsam, leiden darunter am Schluss die Patientinnen und Patienten. Ebenfalls ist es nötig, dass Gesundheitsdaten besser nutzbar und geistiges Eigentum zuverlässig geschützt werden. Die Schweiz muss ein Land sein, in dem die Innovation, die hier entsteht, auch bei den Menschen hier ankommt.
Welches Potenzial sehen Sie konkret in KI und Gesundheitsdaten für die Schweizer Life-Sciences-Branche in der Forschung und in der Produktion?
Die KI wird die Life-Sciences-Branche revolutionieren. Man kann sich die Entwicklung eines Medikaments als Suche unter Millionen möglicher Wege vorstellen. KI kann helfen, viel früher zu erkennen, welche Wege erfolgversprechend sind und welche in einer Sackgasse enden. In der Produktion kann KI Prozesse überwachen, Fehler früher erkennen und Ressourcen sparen. Das kann Entwicklung schneller und Produktion effizienter machen. Aber KI ist nur so gut wie die Daten, mit denen sie arbeitet. Und hier hat die Schweiz ein Defizit.
Wo steht die Schweiz beim Thema Gesundheitsdaten im internationalen Vergleich und was bremst die Nutzung dieser Daten hierzulande?
Es ist paradox: Wir haben hervorragende Forschungskompetenzen und hochwertige Gesundheitsdaten. Aber der Zugang zu den Daten ist kompliziert, langsam und unklar geregelt. Im internationalen Vergleich hinken wir darum bei der Nutzbarkeit dieser Daten deutlich hinterher. Wir brauchen nun klare Standards und Regeln sowie sichere Prozesse für den Zugang, die jederzeit den Datenschutz gewährleisten. Nur so können wir Gesundheitsdaten für die Forschung und eine bessere Versorgung nutzen.
Automatisierung verändert auch die Produktion. Welche Chancen und Risiken sehen Sie für Schweizer Produktionsstandorte?
In der Schweiz sind die Löhne und Produktionskosten hoch. Automatisierung hilft unseren Branchen, trotzdem wettbewerbsfähig zu produzieren. So können wir anspruchsvolle Produkte mit hoher Qualität effizient herstellen. Der Einsatz von Robotern in der Produktion ist in vielen Industrien etabliert und diese Entwicklung wird sich, in Verbindung mit KI, fortsetzen. Gleichzeitig verändern die Automatisierung und Robotisierung Berufe. Da müssen Ausbildung und Weiterbildung Schritt halten.
Die Pandemie hat Schwachstellen in globalen Lieferketten offengelegt. Was hat sich seither in der Schweizer Life-Sciences-Industrie konkret verändert?
Heute fragen Unternehmen viel eher: Was passiert, wenn ein Lieferant ausfällt oder ein Transportweg unterbrochen wird? Neben den Kosten spielt die Widerstandsfähigkeit heute eine wichtigere Rolle als früher. Viele Unternehmen haben kritische Materialien neu bewertet, zusätzliche Bezugsquellen aufgebaut, Sicherheitsbestände angepasst, Lieferanten enger geprüft und Krisenszenarien professionalisiert.
Soll und kann die Schweiz gewisse Produktionsschritte wieder ins Land zurückholen oder reicht es, die Lieferketten breiter zu diversifizieren?
Bei einzelnen strategisch wichtigen Produkten oder Fähigkeiten kann ein Reshoring sinnvoll sein. Aber die Schweiz kann unmöglich alles selbst produzieren. Entscheidend ist, dass wir wichtige Forschungs- und Produktionskompetenzen im Land behalten. Parallel müssen wir, wenn möglich, mehrere verlässliche Bezugsquellen haben. Versorgungssicherheit bedeutet, auch in einer Krise handlungsfähig zu bleiben.
Wie resilient sind die Lieferketten der Branche heute und wo bestehen weiterhin Abhängigkeiten, die nicht optimal sind?
Die Schweizer Chemie- und Pharmaindustrie bezieht viele Rohstoffe, Vorprodukte und Wirkstoffe aus dem Ausland. Entscheidend ist deshalb, dass wir kritische Abhängigkeiten kennen und Alternativen haben. Ein Risiko entsteht zum Beispiel, wenn ein wichtiger Wirkstoff nur von wenigen Herstellern produziert wird oder ein zentraler Transportweg ausfällt. Wir können uns nicht gegen jedes Risiko absichern, aber bei den grössten müssen wir vorsorgen.
Sie haben die Aus- und Weiterbildung angesprochen. Wie akut ist der Fachkräftemangel in der Schweizer Life-Sciences-Branche aktuell?
Unsere Branchen spüren den Fachkräftemangel vor allem in technischen und wissenschaftlichen Berufen. Besonders gesucht sind Laborantinnen und Laboranten sowie Fachkräfte für die Produktion. Auch für die Automatisierung und Anwendung der KI brauchen wir Menschen, die Prozesse verstehen und Technologie richtig einsetzen können. Wir müssen deshalb mehr eigene Fachkräfte ausbilden, Quereinstiege erleichtern und gleichzeitig für internationale Talente offenbleiben.
Welche Kompetenzprofile werden in Zukunft gefragt sein, die heute in der Ausbildung noch zu kurz kommen?
Menschen, die Naturwissenschaft, Technologie und Daten verbinden können. Nicht jede Laborantin muss programmieren können. Aber sie sollte verstehen, was KI kann, wie man ihre Ergebnisse beurteilt und wo ihre Grenzen liegen. Daneben bleiben höchst menschliche Aspekte wichtig: Urteilskraft, Kreativität, Verantwortung und Zusammenarbeit.
Was tut scienceindustries konkret, um Fachkräfte für die Branche zu gewinnen und zu halten?
Mit unserer Stiftung SimplyScience wollen wir schon bei Kindern und Jugendlichen spielerisch das Interesse an Naturwissenschaften wecken. Mit «Talents in Science» zeigen wir ihnen konkret, welche Berufe unsere Branche bietet. Und wir entwickeln die Lehrberufe zusammen mit den Unternehmen weiter. Wir wollen Jugendliche – und vor allem auch junge Frauen – für die Naturwissenschaften begeistern, damit sie die Erfolgsgeschichte der Schweiz im Bereich Life-Sciences weiterschreiben können.
Wenn Sie einen Wunsch an die Schweizer Politik frei hätten, um den Life-Sciences-Standort zu stärken – welcher wäre das?
Derzeit erarbeitet eine von Bundesrätin Elisabeth Baume-Schneider und Bundesrat Guy Parmelin eingesetzte Arbeitsgruppe eine Life-Sciences-Standort-Strategie für die Schweiz. Sie soll die zentralen Handlungsfelder abdecken. Mein grösster Wunsch aber ist einfach: eine innovationsfreundliche Politik! Die Schweiz als kleines Hochpreisland kann nicht mit Masse und tiefen Preisen punkten. Unsere Stärke war es schon immer, bessere Produkte zu machen als andere und diese in die ganze Welt zu bringen. Dieses Modell gilt es zu beschützen: Innovation muss sich weiterhin lohnen.
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