Die Energiewende verändert nicht nur Kraftwerke und Netze, sondern auch die Art, wie Energieunternehmen Entscheidungen treffen. Die Management- und Technologieberatung BearingPoint begleitet Unternehmen dabei, Technologie, Prozesse und Organisation zusammenzuführen. Für Gerald Tretter, Partner bei BearingPwoint in Österreich, entscheidet sich die nächste Phase der Transformation deshalb nicht allein an neuer Infrastruktur: Daten müssen nutzbar, Systeme steuerbar und Entscheidungen auch in einer zunehmend digitalen Energiewelt nachvollziehbar bleiben.
Gerald Tretter Partner BearingPoint
Handlungsfähigkeit entsteht nicht durch mehr Daten, sondern durch kontextualisierte Informationen.
Herr Tretter, die Energiewende gilt vor allem als gewaltige Infrastrukturaufgabe. Sie sprechen zunehmend von einer Steuerungsaufgabe. Warum?
Der physische Ausbau bleibt unverzichtbar. Versorgungssicherheit bleibt dabei das übergeordnete Ziel. Die Mittel, mit denen wir sie in einem zunehmend dezentralen und digitalen Energiesystem gewährleisten, verändern sich. Wenn Haushalte und Industrie stärker elektrifiziert werden, brauchen wir entsprechende Netzkapazitäten. Gleichzeitig lässt sich dieser Ausbau nicht beliebig beschleunigen. Große Leitungsprojekte benötigen Genehmigungen und Zeit. Deshalb müssen wir die vorhandene Infrastruktur intelligenter nutzen. Hinzu kommt, dass sich das Energiesystem fundamental verändert hat. Früher floss Strom im Wesentlichen vom Großkraftwerk zum Verbraucher. Heute haben wir sehr viele Teilnehmer, die konsumieren und selbst produzieren. Erneuerbare Energien, Speicher und flexible Verbraucher erhöhen die Zahl der Möglichkeiten erheblich. Damit wächst aber auch die Komplexität. Energieunternehmen müssen das System stärker steuern und auf Basis aktueller Informationen handeln können.
Viele Energieunternehmen haben erheblich in Digitalisierung investiert. An Daten mangelt es also nicht. Warum entsteht daraus noch keine Handlungsfähigkeit?
Weil ein Datenpunkt zunächst nur ein Datenpunkt ist. Smart Meter oder Transformatoren können große Mengen an Informationen liefern. Entscheidend ist aber, welchen Kontext wir diesen Daten geben. Was sagt ein Wert über die aktuelle Netzauslastung aus? Was bedeutet er zusammen mit Wetterdaten oder Informationen über Erzeugung und Verbrauch? Erst wenn solche Zusammenhänge klar sichtbar werden, entsteht eine Grundlage für Handlungen.
Genau dort setzen wir bei BearingPoint an. Wir betrachten Prozesse und vorhandene Daten gemeinsam und fragen, zu welchem Zeitpunkt eine Information tatsächlich relevant wird. Daraus entwickeln wir mit unseren Kunden Systeme, die diese Informationen nutzbar machen. Daten schaffen dann einen Wert, wenn sie dazu beitragen, eine bessere Entscheidung zu treffen oder einen Schaden abzuwenden. Handlungsfähigkeit entsteht nicht durch mehr Daten, sondern durch kontextualisierte Informationen.
Technologie allein reicht demnach nicht?
Nein. Österreich hat beispielsweise eine sehr hohe Smart-Meter-Abdeckung. Aber auch hier stellt sich die Frage, welche Daten tatsächlich genutzt werden können und ob die Menschen verstehen, weshalb diese Informationen für das Energiesystem wichtig sind. Die Energiewende betrifft nicht nur Energieversorger. Haushalte, Unternehmen und viele neue Akteure werden Teil dieses Systems.
Wir haben beim Europäischen Forum Alpbach mit mehr als 40 Teilnehmern darüber diskutiert, wie Steuerbarkeit im Energieökosystem künftig funktionieren kann. Dabei wurde deutlich, dass manchen potenziellen Teilnehmern noch gar nicht bewusst ist, welche Rolle sie darin übernehmen können. Für mich ist die Energiewende eines der größten Transformationsvorhaben unserer Zeit. Und aus anderen Transformationen wissen wir: Ohne Kommunikation und Akzeptanz wird es schwierig.
Mit Speichern und steuerbaren Verbrauchern entstehen zusätzliche Möglichkeiten. Was braucht es, damit diese Flexibilität tatsächlich dem Gesamtsystem hilft?
Sie muss zunächst sichtbar sein. Ich muss wissen, dass eine Flexibilität existiert, wann sie verfügbar ist und wie ich sie einsetzen kann. Ein Speicher kann physisch vorhanden sein und trotzdem wenig zum Gesamtsystem beitragen, wenn diese Informationen fehlen. Danach muss ich unterschiedliche Optionen bewerten und daraus eine Handlung ableiten können. Die Herausforderung besteht also nicht nur darin, zusätzliche technische Möglichkeiten ins Netz zu bringen. Wir müssen sie so in Prozesse und digitale Systeme integrieren, dass Energieunternehmen tatsächlich damit arbeiten können.
Damit wächst allerdings die Abhängigkeit von digitalen Systemen. Was bedeutet unter diesen Bedingungen digitale Souveränität?
Für mich bedeutet Souveränität vor allem Entscheidungsfreiheit. Die Diskussion wird häufig auf die Frage reduziert: Betreibe ich eine Lösung im eigenen Rechenzentrum oder gehe ich in die Cloud? Abhängigkeiten entstehen in beiden Fällen. Entscheidend ist, ob ein Unternehmen weiterhin wählen kann. Kann ich eine Architektur verändern? Kann ich zwischen Anbietern wechseln? Habe ich Alternativen, beispielsweise europäische Lösungen? Wenn ich mich technisch so stark an einen Anbieter binde, dass ein Wechsel praktisch unmöglich wird, verliere ich einen Teil meiner Souveränität.
Für mich gibt es aber noch eine zweite Ebene, die häufig zu kurz kommt: die Souveränität innerhalb der Prozesse. Unternehmen müssen nachvollziehen können, wie ein digitales System zu einer Empfehlung gelangt. Sie müssen eingreifen können und die Autorität über kritische Entscheidungen behalten. Souveränität entscheidet sich deshalb nicht allein daran, wo ein Server steht. Sie zeigt sich auch darin, ob ein Unternehmen seine Prozesse noch versteht und beherrscht.
An dieser Stelle kommt künstliche Intelligenz ins Spiel. Sie verwenden den Begriff „Operational Intelligence“. Was verstehen Sie darunter?
Operational Intelligence ist für mich keine KI und auch kein bestimmtes technisches System. Ich verstehe darunter die Fähigkeit einer Organisation, auf Basis von Transparenz und vorhandenen Handlungsoptionen nachvollziehbar zu entscheiden und daraus wirksames Handeln entstehen zu lassen. KI kann dabei natürlich unterstützen. Angesichts der Informationsmengen wird das künftig sogar wichtiger werden. Digitale Systeme können Daten aufbereiten, Zusammenhänge erkennen und Handlungsmöglichkeiten vorschlagen. Aber die Entscheidungsgewalt verschiebt sich dadurch nicht automatisch auf die Maschine.
Wo ziehen Sie die Grenze?
Bei kritischer Infrastruktur muss nachvollziehbar bleiben, warum etwas geschieht. Ich kann mir derzeit nicht vorstellen, dass wir in einem Leitsystem einen vollständig KI-gesteuerten Prozess aufsetzen, der selbstständig Schaltentscheidungen im Stromnetz trifft. Wenn ich nicht mehr nachvollziehen kann, weshalb eine Entscheidung getroffen wurde, und gleichzeitig meine Möglichkeit verliere einzugreifen, gebe ich Souveränität ab.
KI kann Informationen verdichten und Optionen aufzeigen. Die Entscheidungsautorität bleibt aber beim Menschen. Wir sprechen beim Stromnetz über eines der kritischsten Systeme unserer Gesellschaft. Wenn die Stromversorgung ausfällt, funktionieren viele andere Bereiche ebenfalls nicht mehr. Ein solches System können wir nicht einer Blackbox überlassen. Wie sich unser Vertrauen in Technologien in einigen Jahren entwickelt, werden wir sehen. Heute muss die Nachvollziehbarkeit gewährleistet bleiben.
Mehr Digitalisierung soll gleichzeitig die Resilienz erhöhen. Wann gelingt das tatsächlich?
Zunächst müssen wir klären, was wir unter Resilienz verstehen. Da ist zum einen das Energiesystem selbst. Dort spielen beispielsweise Flexibilitäten und Ausweichmöglichkeiten eine Rolle. Dann gibt es die organisatorische Ebene: Sind Mitarbeiter vorbereitet? Können Prozesse und IT-Architekturen mit Ausnahmesituationen umgehen? Entscheidend ist schließlich die Handlungsfähigkeit während eines konkreten Ereignisses.
Für mich liegt darin ein wichtiger Unterschied zur klassischen Robustheit. Stromnetze wurden über Jahrzehnte so ausgelegt, dass bestimmte Störungen möglichst gar nicht auftreten. Das bleibt wichtig. Mit der wachsenden Zahl an Teilnehmern und Wechselwirkungen wird es aber immer schwieriger, jede denkbare Ausnahme durch zusätzliche Infrastruktur auszuschließen. Resilienz bedeutet deshalb auch, auf unerwartete Situationen schnell reagieren zu können, damit daraus möglichst keine Versorgungsstörung entsteht. Die Zukunft wird nicht dadurch entschieden, wie gut wir Standardprozesse beherrschen, sondern wie gut wir mit Ausnahmen umgehen.
Für Energieunternehmen, deren oberstes Ziel seit Jahrzehnten Stabilität ist, bedeutet das auch einen organisatorischen Wandel. Wie erleben Sie das in der Beratung?
Das ist ein wesentlicher Teil unserer Arbeit. Gleichzeitig erleben Energieunternehmen einen erheblichen Umsetzungsdruck: Sie müssen ihre Infrastruktur modernisieren und digitalisieren, hohe gesetzliche und regulatorische Anforderungen erfüllen und stoßen dabei teilweise an Know-how- und Kapazitätsgrenzen. Ob ein neues System eingeführt, ein Prozess verändert oder eine digitale Möglichkeit geschaffen wird: Die Organisation und die Menschen müssen deshalb nicht nur mitgenommen werden. Sie brauchen Vertrauen in neue Systeme und sollen verstehen, wie sich ihre Arbeit verändert und wie neue Lösungen im laufenden Betrieb tatsächlich umgesetzt werden können.
Technologie allein erzeugt noch keine Transformation. Ein Unternehmen muss beurteilen können, welche Möglichkeiten für seine Prozesse relevant sind und wie sie sich sinnvoll integrieren lassen. Wir verstehen unsere Rolle bei BearingPoint deshalb auch als Verbindung zwischen Technologie und Geschäft. Am Ende muss aus einer technischen Möglichkeit ein konkreter Nutzen im täglichen Betrieb entstehen.
Was müssen österreichische Energieunternehmen jetzt besonders im Blick behalten, wenn die Komplexität weiter zunimmt?
Wir müssen stärker in Ökosystemen denken. Es reicht nicht, wenn ein einzelnes Unternehmen für sich resilient aufgestellt ist, das Gesamtsystem aber nicht. Ich habe dafür den Begriff der kollaborativen Resilienz verwendet. Energieversorger, Netzbetreiber und weitere Teilnehmer müssen enger zusammenarbeiten. Dafür braucht es Vertrauen und gemeinsame Standards. Auch Plattformen werden eine wichtige Rolle spielen, wenn Markt, Netz und verfügbare Flexibilitäten stärker miteinander verbunden werden.
Diese Zusammenarbeit endet jedoch nicht an der Staatsgrenze. Österreich verfügt über andere Stärken und Möglichkeiten als seine Nachbarländer – im europäischen Stromsystem können sich diese Unterschiede ergänzen. Wenn wir Ausgleichsmöglichkeiten gemeinsam nutzen, entsteht Resilienz nicht allein innerhalb eines Unternehmens oder eines Landes. Sie entsteht im Zusammenspiel. Genau diese Veränderung werden wir in den kommenden Jahren deutlich spüren.


Schreibe einen Kommentar