Interview von Rüdiger Schmidt-Sodingen

Auf dem Weg zu einer nachhaltigen, digitalisierten und krisenfesten Energieversorgung

Der Essener Energiekonzern E.ON investiert umfassend in nachhaltige Energieinfrastruktur und will bis 2040 CO2-neutral werden. Was dies angesichts der aktuellen Herausforderungen für Kundinnen und Kunden und die Energienetze der Zukunft bedeutet, erklärt CEO Leonhard Birnbaum. Der studierte Chemieingenieur trat 2013 in den Vorstand der E.ON SE ein und verantwortet als Vorstandsvorsitzender nun unter anderem die Bereiche Strategie & Innovation, Personal und Kommunikation & Politik.

Herr Leonhard Birnbaum, der von Russland begonnene Ukrainekrieg hat die Energieversorgung auf den Kopf gestellt. Was bedeutet das in diesen Tagen für E.ON und Ihre Kundinnen und Kunden?

Um es zuerst einmal klar und deutlich zu sagen: Wir erleben den schwersten Bruch des Völkerrechts und die schlimmste humanitäre Katastrophe in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg. Deswegen steht E.ON voll hinter den Sanktionen der Europäischen Union. Auch wenn diese mit schwersten Verwerfungen und Herausforderungen für die Energieversorgung einhergehen. Aber das bedeutet für uns als Unternehmen mit mehr als 50 Millionen Kunden in Europa, dass es viel schwerer wird, eine sichere und bezahlbare Versorgung zu sichern.

Gazprom liefert aktuell deutlich weniger Gas als üblicherweise. Wir laufen in eine sogenannte Gasmangel-Lage. Wäre es möglich, auf russisches Gas zu verzichten?

Klare Antwort: Die EU und Deutschland können ohne eine deutliche Reduktion der Nachfrage die russischen Gasimporte nicht von heute auf morgen ersetzen. Die nächsten Monate werden uns allen daher viel abverlangen. Gerade deshalb ist es aber wichtig, dass wir zukünftig die Energieabhängigkeit von Russland beenden und uns von fossilen Energieträgern insgesamt verabschieden.

Die gute Nachricht ist: Es gibt langfristig sowohl für Deutschland als auch für Europa vielversprechende Antworten – den beschleunigten Umbau in Richtung Erneuerbare, den gezielten Aufbau von Wasserstoffinfrastruktur und -lieferketten, intelligente Lösungen für Energieeffizienz, und, als zentrales verbindendes Element, eine immer digitaler werdende Netzinfrastruktur, die die Plattform einer dekarbonisierten Energiezukunft bildet. Und all das bestätigt uns bei E.ON in unserer Strategie, die wir voll auf diesen Umbau der Energieversorgung ausgerichtet haben.

Sie halten also an der Energiewende fest – obwohl ein grüner Minister Kohlekraftwerke aus der Reserve holen lässt? 

Der eingeschlagene Weg der Energiewende ist der richtige, der uns unabhängig von russischen Importen fossiler Energien macht. Aber kurzfristig hilft das nicht – deswegen muss die Bundesregierung jetzt eine sichere Versorgung priorisieren, inklusive solcher Maßnahmen wie der Reaktivierung von Kohlekraftwerken, die sie sicher gerne vermieden hätte.

Leonhard Birnbaum Portait

Leonhard Birnbaum
CEO E.ON SE

Bei der Energiewende werden wir übrigens nur erfolgreich sein, wenn wir neben dem Ausbau von erneuerbaren Energien vor allem die Modernisierung und Digitalisierung unserer Stromnetze massiv beschleunigen. Denn wir können es uns in Zukunft jetzt erst recht nicht mehr leisten, wertvollen Grünstrom abregeln zu müssen.

Die Bundesregierung ruft die Menschen in der aktuellen Krise dazu auf, kurzfristig Energie zu sparen. Was kann denn der langfristige Beitrag der Verbraucher sein?

Jeder kann einen Beitrag zur erfolgreichen Energiewende und zur Unabhängigkeit von fossilen Energieträgern leisten – und je stärker die Menschen partizipieren, desto mehr können die individuellen langfristigen Kosten sinken.

Unsere Analyse zeigt, dass ein kluger Mix aus heute möglichen Einsparungen sowie der längerfristige Umstieg auf moderne Energielösungen wie Wärmepumpen und PV in Privathäusern ein enormes Potenzial hat – wenngleich es sich zweifellos um einen Kraftakt handelt. Von den Maßnahmen würde auch das Klima profitieren, denn mit den genannten Schritten könnten jährlich mehr als 18 Millionen Tonnen CO2 eingespart werden.

Der Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie, Siegfried Russwurm, sorgt sich um die deutsche Wirtschaft: Der nächste Winter werde kritisch. Er fordert, künftige Abhängigkeiten bei der Energieversorgung zu vermeiden. Teilen Sie die Sorgen der deutschen Industrie? 

Ja. Schon vor dem Krieg waren die Energiekosten für die Wirtschaft zu hoch. Insbesondere für die Stahl- und Aluminiumindustrie, aber auch für Chemie- und Papierunternehmen war der Anteil der Strom- an den Gesamtkosten bereits kritisch.

Nachhaltige Energieversorgung ist sicherer, unabhängig und langfristig kostengünstiger.Leonhard Birnbaum

Ähnliche Herausforderungen haben viele Unternehmen des Mittelstands. Das Risiko ist eine schleichende Deindustrialisierung Deutschlands. Wirtschaftswachstum, Arbeitsplätze und Wohlstand sind dadurch in Gefahr. Und am Ende profitiert nicht einmal der Klimaschutz davon, wenn die Unternehmen statt in Deutschland künftig im Ausland mit billiger, aber schmutziger Energie produzieren.  

Was fordern Sie?

Steuern und Abgaben machen in Deutschland immer noch einen großen Teil der Energiekosten aus. Ich sagte das bereits: Das bringt die Gefahr einer Verlagerung der Produktion in andere Länder mit sich, die Folge ist eine Deindustrialisierung.

Richtig ist deshalb eine Entlastung der Kunden durch eine Senkung von Steuern und Abgaben, zum Beispiel der Stromsteuer auf den EU-Mindestsatz und der Mehrwertsteuer auf den reduzierten Satz. Das ist schon seit Langem eine Forderung von uns als Unternehmen und mir persönlich. Ich freue mich, dass die Regierung nun einen Schritt in diese Richtung plant.

Machen die nötigen Investitionen in den Klimaschutz die Lage der deutschen Industrie noch bedrohlicher?

Bedrohlich ist zurzeit vor allem, dass die Folgen des Ukrainekrieges asymmetrisch in der Welt anfallen. Europa leidet massiv, andere Wirtschaftsräume bleiben im Wesentlichen verschont. Und wenn wir es richtig machen, könnte unsere Wirtschaft im Gegenteil von mehr Klimaschutz profitieren. Nachhaltige Energieversorgung ist sicherer, unabhängig und langfristig kostengünstiger.

Leonhard Birnbaum ist seit dem 1. April 2021 der Vorstandsvorsitzende des DAX-Konzerns E.ON. Bild: zVg

Bei E.ON haben wir uns klare Ziele gesetzt, und die schließen ausdrücklich auch unsere Kunden mit ein. Ein wesentlicher Baustein unserer Nachhaltigkeitsstrategie ist die bis 2040 angestrebte Klimaneutralität. In diesem Zeitraum werden wir die direkt beeinflussbaren Emissionen von E.ON um 100 Prozent reduzieren. Und bis 2050 werden wir auch unsere Scope-3-Emissionen – bei und mit unseren Kunden – um 100 Prozent gegenüber dem Basisjahr 2019 senken. Aktuell sparen wir bereits durch innovative Energielösungen mit unseren Kunden mehr als 100 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr ein.

Welche Rolle kann Wasserstoff dabei spielen?

Wir brauchen eine Diversifikation der Energiebezüge. Dabei wird zunächst LNG eine Rolle spielen. Denn Erdgas – in welchem Zustand auch immer – bleibt eine wichtige Brücke zur Dekarbonisierung.

Aber: Wasserstoff ist für einen wesentlichen Teil der Industrie die Alternative zum Erdgas. Zudem kann Wasserstoff den Schwerlastverkehr oder auch den Schiffsverkehr emissionsfrei machen, er kann dem Heizgas beigemischt werden oder es sogar ersetzen. 

Wo soll der herkommen? 

Aus meiner Sicht kommt es darauf an, den industriellen Hochlauf zu organisieren und dabei pragmatisch zu sein. Egal ob blauer, grüner oder türkiser Wasserstoff – es geht in diesen schwierigen Zeiten erstmal darum, überhaupt genug Energie ins System zu bekommen.

Eine großartige Vision wäre ein funktionierender europäischer Binnenmarkt für Wasserstoff, der die Versorgung möglichst vieler Kunden sicher, bezahlbar und nachhaltig gewährleistet. Dies erfordert einen EU-Rahmen mit einheitlichen Normen und Regeln.

Wo sieht Ihr Unternehmen dabei seine Rolle?

Bei E.ON arbeiten wir in weit mehr als 50 unterschiedlichen Projekten schon jetzt daran, grünen Wasserstoff für Tausende von mittelständischen Unternehmen und Kommunen verfügbar zu machen. Wir haben mit unseren Partnern bereits wegweisende Lösungen auf den Weg gebracht, etwa für die Salzgitter AG in der Stahlerzeugung mit dem Projekt Windwasserstoff.

Und im Projekt H2Ruhr arbeiten wir an Wasserstofflösungen für eine der größten Industrieregionen Europas, wobei hier mit europäischen Partnern unterschiedliche Lieferoptionen mit grünem Strom aus Italien und Spanien entwickelt werden. Projekte wie diese zeigen: Grüner Wasserstoff kann helfen, Schlüsselindustrien nachhaltig zu machen und für den internationalen Wettbewerb zu stärken. 

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13.07.2022
von Rüdiger Schmidt-Sodingen
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