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Hollywood Porträt

Will Smith: «Alles Gute liegt jenseits der Angst»

03.03.2022
von Marlène von Arx

Seit seinem 50. Geburtstag hat sich Will Smith zum Ziel gesetzt, seine jugendliche Unbeschwertheit von einst Stück für Stück zurückzuerobern: In der Dokumentarserie «Welcome to Earth» und im Spielfilm «King Richard», in dem er den Vater der Tennis-Stars Serena und Venus Williams verkörpert, erforscht er deshalb die Wunder, die ihm das Leben jetzt zu offerieren hat.

Das Bild ging ihm dreissig Jahre lang nicht aus dem Kopf: Will Smith hatte einst in einem National Geographic Magazin eine riesige Herde Gnus abgebildet gesehen, die durch die Serengeti zog. Der Text dazu erzählte vom Schutz, welcher die Fortbewegung in der Masse bot, und der dramatischen Flussüberquerung, die einige Tiere das Leben kosten würde. Der HipHop-Star und Schauspieler speicherte die Bilder dieser Migration im Hinterkopf auf seiner Bucket-List ab. Inzwischen 53 Jahre alt, hat Smith die Reise zu diesem Natur-Spektakel in Afrika endlich unternommen. Im Schlepptau: Kameras und Spezialist:innen für die National-Geographic-Serie «Welcome to Earth», produziert von Filmemacher Darren Aronofsky («Black Swan») und zu sehen beim Streaming-Anbieter Disney+. «Ich habe mich ein halbes Leben auf diesen Moment gefreut», sagt der Hobby-Explorer in der «Mind of the Swarm»-Episode benommen. «Aber nichts hat mich auf all den Staub, den Lärm und die Dimension des Ganzen vorbereitet. Tausende von individuellen Organismen überleben, weil sie zusammenspannen!»

In «Welcome to Earth» besteigt Will Smith des Weiteren einen Vulkan, taucht in die tiefsten Tiefen des Meeres ab und lässt sich in Höhlen die Wunder der Natur erklären. Denn der Hollywood-Star ist trotz seines Résumés als Action-Held alles andere als ein erprobter Abenteurer: «Ich bin noch nie in einem See geschwommen, habe noch nie einen Berg bestiegen oder in einem Zelt übernachtet», gesteht er zu Beginn seiner sechs Expeditionen. «Ich glaube langsam, ich verpasse etwas.» Angetrieben von sogenanntem Fomo («fear of missing out», Deutsch: Angst, etwas zu verpassen) tat er sich deshalb mit einer heterogenen Gruppe von Entdeckern zusammen, um die Geheimnisse der Erde zu erforschen – darunter der blinde Kletterer Erik Weihenmayer, der einbeinige Entdecker Albert Lin und einer der wenigen schwarzen Arktis-Spezialisten, Dwayne Fields.

Die Lust auf Abenteuer und an die eigenen Grenzen zu gehen, musste in Will Smith zuerst heranreifen: 1968 in Philadelphia als Sohn eines strikten ehemaligen Air-Force-Piloten und einer Schulvorsteherin geboren, habe er sich als Kind vor vielem gefürchtet und sei auch oft gehänselt worden: «Aber meine Grossmutter pflegte zu sagen: ‹Alles Gute liegt jenseits der Angst.› Deshalb lebe ich mein Leben heute so, wie ich es lebe.»

Sich aus der Comfort-Zone bewegen

Ängste gab es für Will Smith immer mal wieder zu überwinden und Risiken einzugehen: Nur so konnte er sich vom Rapper über den Sitcom-Komiker in «Fresh Prince of Bel Air» zu einem der grössten Filmstars der Welt («Bad Boys», «Men in Black», «Independence Day») entwickeln. Irgendwann verlor die Jagd nach dem Top-Spot in der Kinohitparade jedoch seinen Reiz. Seine letzten Filme setzten sich mit anspruchsvolleren Themen auseinander – wie der Spielfilm «Concussion» über Gehirnverletzungen bei Profi-Footballern oder die Dokumentation «Amend: The Fight for America» über den 14. Zusatzartikel der US-Verfassung, der die Gleichbehandlung vor dem Gesetz beinhaltet.

Man darf nicht zögern, am Ball zu bleiben. Will Smith

Was blieb: das Bedürfnis, sich aus seiner Komfortzone zu bewegen. Seinen 50. Geburtstag feierte Will Smith mit einem Bungee-Sprung aus einem Helikopter freifallend über dem Grand Canyon. «Man muss sich verpflichten im Leben», war sein Fazit nach dem Sprung. «Das Leben ist hart. Man kann sich verletzen, das Herz kann einem gebrochen werden, man kann einen Job verlieren – aber man darf nicht zögern, am Ball zu bleiben. Wenn man den Schritt nach vorne nicht macht, gibt’s auch nichts, worüber man sich freuen kann.» Vom Drang ausgehend, sich stets herauszufordern, entstand mit «Will Smith’s Bucket List» ein Vorbote zu «Welcome to Earth» für Facebook Watch. In der Serie verwirklichte Smith persönliche Träume wie zum Beispiel in einem Bollywood-Film mitzutanzen, mit Haien zu schwimmen und Rennauto zu fahren.

Als Venus und Serena Williams’ Dad auf Oscar-Kurs

Das Austesten seiner Grenzen hindert Will Smith aber nicht daran, dem Kino weiter verpflichtet zu bleiben: Derzeit ist er als Vater der Tennisspielerinnen Venus und Serena Williams in «King Richard» (Seit 19. Februar in den Deutschschweizer Kinos) zu sehen. Richard Williams brachte seine Töchter wider aller Erwartungen und mit unkonventionellen Trainingsmethoden an die Weltspitze. «Ich kann mich an Interviews mit Richard am Fernsehen erinnern und dass er oft als Bösewicht abgestempelt wurde», so Will Smith nach einem Premieren-Screening in Los Angeles. «Aber ich sah auch die Reaktion von Venus. Ihr Blick drückte aus, dass sie neben sich einen Löwen hatte, der sie beschützte. Und das gab ihr letztlich auch Selbstvertrauen. Ich dachte damals schon: Ich möchte, dass meine Kinder mich auch einmal so sehen.» Das dürfte Smith, der mit der Schauspielerin Jada Pinkett-Smith dieses Jahr seinen 25. Hochzeitstag feiert, gelungen sein – hat er doch seine drei Sprösslinge bei ihren verschiedenen Schnupper-Projekten im Showbusiness stets tatkräftig unterstützt.

Ich kann mich an Interviews mit Richard am Fernsehen erinnern und dass er oft als Bösewicht abgestempelt wurde. Will Smith

Richard Williams hatte seinerseits besondere Tricks, seine Töchter zu motivieren: «Im Gegensatz zu anderen Trainer-Eltern hat er die Mädchen nicht gepuscht, sondern betteln lassen, Tennis spielen zu dürfen. Nicht spielen zu können, war eine Strafe», hat Venus Williams Smith anvertraut. «Zuerst kamen Glaube, Familie, Schule und zu einem guten Menschen heranzuwachsen – und erst dann Tennis. » Zum Glück musste Will Smith nicht in harten Trainings lernen, den Ball überzeugend übers Netz zu bringen, denn Richard Williams war kein Spieler und machte gemäss den konventionellen Tennis-Weisheiten ohnehin alles falsch. Den Werdegang für Venus und Serena an die Spitze hatte er beispielsweise schon niedergeschrieben, bevor die beiden überhaupt geboren waren. Richards Frau Oracene zweifelte nicht an den grossen Plänen ihres Mannes: «Für sie kam die Prophezeiung nicht von ihm, sondern von ganz oben», so Smith. «King Richard» entstand mit dem Einverständnis der Familie Williams. Trotzdem hält Smith fest, die Titelfigur nicht beschönigen zu wollen: «Es war schwierig, sich mit Richard auseinanderzusetzen und er hat sicher Fehler gemacht. Aber er hat auch gute Qualitäten.» Inzwischen 80 Jahre alt, lebt Richard Williams gänzlich vom Tennis-Zirkus zurückgezogen. Doch zu Hause soll er angeblich Serenas vierjährige Tochter Olympia beim Radfahren «coachen».

Nachlass nachhaltig zementieren

Will Smith zeigt sich für die Rolle, für die er inzwischen einen Golden Globe gewonnen und für einen Oscar nominiert wurde, gebückt und ergraut. Bekannt für seinen jugendlichen Charme, ist sich Smith bewusst, dass das Rad der Zeit auch für ihn nicht stehenbleibt. Diese Erkenntnis wurde ihm insbesondere bei der Arbeit am Sci-Fi-Thriller «Gemini Man» (2019) vor Auge geführt. Darin spielt er einen alternden Killer, der sich gegen einen jüngeren Klon seiner selbst behaupten muss. Mit neuesten technischen Mitteln wurde Smith für den Film von Ang Lee nicht digital verjüngt, sondern am Computer neu kreiiert: «Mein Herz machte einen Sprung, als ich meinen Avatar zum ersten Mal sah», erinnerte sich Smith auf der Promo-Tour zum Film. «Die Technologie eröffnet so viele Möglichkeiten. Der junge Will Smith könnte beispielsweise jetzt einen Film mit einem jungen Marlon Brando drehen»

Will Smith

©HFPA

Es sind die Gedanken an den tatsächlichen jungen Will Smith, die den Hollywood-Star immer wieder neu motivieren: «Ich hatte damals keine Ahnung von den Spielregeln, aber Naivität hat auch Vorteile», ist er überzeugt. «Man macht sich weniger Sorgen, was schiefgehen könnte. Ich wünschte mir manchmal ein bisschen von der Freiheit und Unbeschwertheit von damals zurück. In den letzten Jahren habe ich versucht, dort wieder anzuknüpfen.» Die Energie dazu fehlt ihm auch mit 53 Jahren nicht. Aber auf eines muss er heute mehr achten denn je: seine Liebe zum Süssen. «Ich könnte Cupcakes zum Frühstück, Kuchen zum Lunch und Glacé zum Abendessen verdrücken», schwärmt er. «Früher konnte ich essen, was ich wollte und mich vor einem Film in zwei, drei Monate fittrainieren. Jetzt geht das nicht mehr. Ich musste meinen Lifestyle anpassen.»

Desserts hin oder her – Will Smith hat mit seinem Charisma, seinem Humor und seiner unaufhaltsamen Energie seinen Platz in Hollywood längst zementiert. Das Abhaken weiterer Einträge auf der Bucket-List kann also weitergehen: Für «King Richard» wird er am 27. März vermutlich endlich seinen ersten Oscar gewinnen. Seine Hit-Sitcom «Fresh Prince of Bel-Air» aus den 90er-Jahren hat er als Produzent gerade erfolgreich in die Drama-Serie «Bel-Air» umfunktioniert. Und als nächstes Abenteuer in der Natur hat er sich etwas ganz Besonderes ausgedacht: Der Amateur-Explorer, der vor Kurzem auch seine Autobiographie «Will» auf den Markt gebracht hat, wird in der neuen Dok-Serie «From Pole to Pole» den Nord- und Südpol erkunden.

 

Weitere Porträts und Interviews aus Hollywood gibt es beispielsweise von Jamie Lee Curtis, Daniel Radcliffe, Gal Gadot und Anne Hathaway.

Headerbild ©Disney+

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