»Das Limit bin ich.« So lautet das Motto des deutschen Extremsportlers Jonas Deichmann. Mit seiner Challenge 120, in der er an 120 aufeinanderfolgenden Tagen einen Ironman-Lauf absolviert hat, hat er einen neuen Weltrekord in seiner mittlerweile langen Liste aufgestellt. Im Interview erzählt er, was ihn antreibt, seine eigenen Grenzen neu zu definieren.
Herr Deichmann, 456 Kilometer geschwommen, 21 600 Kilometer geradelt und 5040 Kilometer gelaufen. Vier Monate lang, jeden Tag das gleiche, harte Programm. Wie haben Sie das durchgehalten?
Man muss den Körper natürlich vorbereiten. Ich habe für das Projekt etwa fünfzig Stunden pro Woche trainiert, um eine gute Basis zu schaffen. Aber am Ende ist es vor allem Kopfsache. Man muss es wollen und bedingungsloser Optimist sein. Es sind zwar große Zahlen, aber ich breche sie runter und komme in vielen kleinen Etappen dem Ziel entgegen.
Sie hatten Rückenprobleme, die Achillessehne war nicht ganz fit und Sie mussten auch mit einer Erkältung kämpfen. Gab es Momente, in denen Sie kurz davor waren, das Projekt abzubrechen?
Ich hatte nie Zweifel daran, dass ich das schaffen werde. Klar gab es schwierige Situationen und Rückschläge, doch für mich war immer klar, dass es weiter geht. Ich habe aber meinem Arzt die Verantwortung und die Befugnis gegeben, das Projekt abzubrechen, wenn ich bleibende Schäden riskiere. Er hat mir davor gesagt, dass er auf Basis seiner langen medizinischen Erfahrung das Projekt nicht für möglich gehalten hat. Aber er hat an mich geglaubt und wollte unbedingt dabei sein.
Sie sagen ja über sich selbst, dass Sie ein ganz normaler Mensch sind. Spielt beim Ausdauersport die genetische Komponente aber nicht auch eine Rolle?
Definitiv. Aber meine Message ist, dass alle mehr können, als sie denken und ihre Grenzen verschieben können. Mit genügend Vorbereitung könnten alle einen Marathon laufen. Ich bin zwar glücklicherweise nicht verletzungsanfällig und habe eine gute Ausdauer, aber trotzdem hat es mehr damit zu tun, dass ich das schon mein ganzes Leben lang mache und sich mein Körper angepasst hat.
Wie bringen Sie Ihre körperliche Fitness mit Ihrer mentalen Balance in Einklang?
Das Wichtigste für die mentale Stärke ist es, es sich selbst nicht gemütlich zu machen, sondern sich den Herausforderungen zu stellen. Sie können aber jedweder Art sein, solange man aus der eigenen Komfortzone kommt. Optimismus und ein positives Umfeld sind dabei auch unglaublich wichtig.
Man spricht bei der »Performance Culture« von einem schmalen Grat zwischen Selbstverwirklichung und Überforderung. Gab es Situationen, in denen Sie sich in echter Gefahr fühlten?
Es gab natürlich einige gefährliche Situationen, aber bis jetzt habe ich sie erfolgreich gemeistert. Der Punkt ist nicht, dass man sich maßlos überfordert, sondern leicht über den Punkt begibt, den man für möglich hält. Ich habe zwar sehr herausfordernde Momente gehabt, aber bin nie in Panik geraten.
Schlaf ist das Wichtigste für die Gesundheit und die Recovery.
Betreiben Sie neben Ihrem Handwerk auch anderen Sport in Ihrer Freizeit, wie zum Beispiel Fußball?
Ehrlich gesagt ist mir das zu gefährlich und ungesund. Ich werde oft gefragt, ob ich körperliche Beschwerden habe wegen meiner Arbeit, aber ich habe überhaupt keine. Ich kenne einige Profifußballer und -skifahrer und sie haben fast alle ständige Schmerzen. Durch den Körperkontakt oder die abrupten Stopps und Sprünge entstehen massive Belastungen auf die Gelenke, was ich in meinem Sport nicht habe.
Auch die Sportwelt spürt den Effekt der Digitalisierung. Welche Wearables dürfen bei Ihnen nie fehlen?
Ich habe immer meine Coros-Uhr dabei, mit der ich teilweise einige Leistungsdaten erfasse. Was für mich vor allen Dingen wichtig ist, ist mein Schlaf, den ich auch tracke. Schlaf ist das Wichtigste für die Gesundheit und die Recovery. Die Daten, die ich sammle, sind wie ein Frühwarnsystem. Nach einem Infekt zum Beispiel brauchen die Schlafdaten eine Weile, bis sie sich wieder normalisieren.
Bei Ihren Extremleistungen spielt die Ernährung natürlich auch eine Rolle. Wie sieht die Ernährung eines Menschen aus, der vier Monate lang täglich einen Ironman läuft?
Ich habe etwa 10 000 Kalorien pro Tag gegessen. Das ist extrem viel. Ich habe in der Vorbereitung auch das Essen trainiert, also den Magen darauf vorbereitet. Während des Projekts habe ich alle 20 Minuten kleine Portionen gegessen. Da war viel flüssige Nahrung, Energiegele, Riegel und Bananen dabei. Ich habe auch ein mobiles Pasta-Pack für mein Fahrrad gebaut, damit ich während des Fahrens essen konnte.
Welchen Platz haben Supplements in Ihrem Ernährungsplan?
Das ist ein wichtiges Thema. Ich nehme keine All-in-one-Lösungen, denn Supplements sind sehr individuell. Jeder Körper hat seinen eigenen Bedarf. Wenn zum Beispiel eine Person mehr Fleisch konsumiert als jemand anders, dann braucht sie komplett andere Supplements. Gerade bei Sportler:innen sind Omega-3, Eisen, Protein und Vitamine sehr wichtig. Wers genau wissen will, sollte ein Blutbild machen lassen, um zu sehen, ob ein Mangel besteht.
In Ihrer langen Karriere waren Sie schon in allen Ecken der Erde. An welchen Ort haben Sie besonders gute Erinnerungen?
Mexiko war mein absolutes Highlight. Es ist ein unglaublich schönes Land und die Leute sind total verrückt. Ich bin zuerst einsam und alleine durch die Wüste gerannt. Dann ist mir eine Straßenhündin namens La Coqueta gefolgt. Daraus wurde eine nationale Sensation und ich wurde als deutscher Forrest Gump bekannt. Danach sind Tausende Mexikaner:innen mit mir mitgerannt. Das war komplett ungeplant, es ist einfach so passiert.
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