Da ist er, der kleine Strich, der das Leben vollständig verändern wird. Mit dem positiven Schwangerschaftstest beginnt für jede Frau und jedes Paar ein Abenteuer – mit all seinen Risiken, Unwägbarkeiten und Überraschungen.
Es ist ungefähr eine Woche nach ihrer Matura, als Lisa von ihrer Schwangerschaft erfährt. Doch viel Zeit, sich Sorgen über ihre Ausbildung zu machen, bleibt ihr nicht. Denn sehr bald beginnt sich ihr der Magen umzudrehen. Gefühlt ausschliesslich Wasser kann sie bei sich behalten – und das Laugengebäck, für das ihr Freund Christian in aller Herrgottsfrühe und manchmal mehrmals täglich den Weg zur Bäckerei zurücklegt. Wenn sie die Tüte auf dem Tisch liegen sieht und Christian ihre Hand in seine nimmt, hat Lisa kurzzeitig das Gefühl, irgendwann wieder essen zu können.
Was gegen Übelkeit hilft? In den Arm nehmen!
Was Lisa im ersten Trimester ihrer Schwangerschaft erlebt hat, ist kein Einzelfall. Laut Expertenbrief der Schweizerischen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe leiden bis zu 80 Prozent der Frauen in der Frühschwangerschaft an Übelkeit. Warum das so ist, ist unklar. Der Expertenbrief bezieht sich auf verschiedene Ansätze wie hormonale Faktoren, Blähungen oder Reflux, genetische Veranlagung oder eine evolutionäre Anpassung, um möglicherweise giftige Lebensmittel zu vermeiden. Aber auch die psychische Belastung, die der neue Blick auf die Zukunft mit sich bringen kann, führt gelegentlich zu Übelkeit. In einer Art Schleife erleben viele Frauen das Erbrechen selbst als emotional belastend.
Es braucht ein ganzes Dorf, um eine Schwangerschaft zu durchleben
Unterstützung kann in der herausfordernden Zeit der Schwangerschaft eine Menge zum Positiven verändern. Das gilt für liebevolle Zuwendung ebenso wie für konkrete Hilfen. Hier können Hebammen eine Schlüsselrolle spielen. Gerade in urbanen Regionen ist eine Hebamme nicht allzu leicht zu finden, weshalb der Schweizerische Hebammenverband empfiehlt, sich möglichst frühzeitig auf die Suche zu begeben. Sitzt die Wunschhebamme aber erst einmal auf dem heimischen Sofa, kann sie eine grosse Entlastung für Körper und Psyche sein. Dennoch kann eine Unterstützung durch das eigene Umfeld der werdenden Eltern den entscheidenden Unterschied machen.
Vom höchsten Glück und der tiefsten Angst
Anders als Lisa erlebt Julia die ersten Monate ihrer Schwangerschaft als eine Zeit, in der alles möglich scheint. Es ist Sommer und sie hüpft förmlich durch ihr zweites Mastersemester, trägt ihren sich langsam abzeichnenden Bauch stolz vor sich her und blickt einem Herbst entgegen, der ihr weitaus goldener zu werden verspricht als alle bisherigen. Im fünften Schwangerschaftsmonat heiratet sie Sebastian, den Vater ihres ungeborenen Kindes.
Doch im Oktober – inzwischen hat Julia die 24. Schwangerschaftswoche erreicht – verläuft eine Routineuntersuchung bei Gynäkologin Dr. Röhl anders als sonst. Als die Ärztin die Schwangere vaginal abtastet, stutzt sie. Sie nimmt die Ultraschallsonde, stülpt ihr ein Kondom über und führt sie Julia ein. Mit der Maus markiert sie Messpunkte auf dem Ultraschallbild.
Kurz darauf liegt Julia in Dr. Röhls Büro und wartet auf den Krankentransport. Ihr Gebärmutterhals ist so massiv verkürzt, dass die Gefahr einer Frühgeburt einfach zu gross wäre, wenn die Ärztin sie zu Fuss ins Spital schicken würde. Julias Baby hätte zu diesem Zeitpunkt eine Überlebenschance von rund 50 Prozent.
Es folgen Wochen in einem Spitalbett. Längere Zeit sitzen oder stehen, geschweige denn gehen, ist Julia strengstens untersagt, wenn sie ein lebendiges Kind zur Welt bringen will. In den Arm läuft ihr der Wehenhemmer Partusisten, der ihren Blutdruck dauerhaft hochhält, sie schwitzen und kaum schlafen lässt. Und über allem schwebt die Angst um das Leben ihres Sohnes.
Hebammen versichern es, die Realität gibt ihnen Recht
Nach vier Wochen in der Klinik hat Julia einen ausgewachsenen Ekel vor Desinfektionsmitteln entwickelt und ihr Rücken schmerzt extrem. Gegen die Einsamkeit helfen Bücher, wenn auch nur ein bisschen. Und dann sitzt da eines Tages Sebastians Mutter Andrea neben ihrem Bett – und präsentiert ihr eine Idee. Wie wäre es, wenn Julia zu ihr und ihrem Mann käme? Auch die werdende Urgrossmutter wohnt im Haus, nebenan die freundliche Nachbarin mit ihrer Tochter. Und für Sebastian sei ohnehin immer Platz. Liegen könne Julia auch dort.
Hätte man all die Ärzt:innen gefragt, die in jenen Wochen an Julia herumuntersuchten, sie hätten von einem Wunder gesprochen. Denn die ganze Zeit über war klar: Den Status quo gilt es auf jeden Fall zu erhalten, rückgängig zu machen ist eine Verkürzung des Gebärmutterhalses unter keinen Umständen. Tatsächlich verkürzte sich der Gebärmutterhals während Julias Spitalaufenthalt zunehmend, bis zur Öffnung des Muttermundes.
Aber als Julia zwei Wochen nach ihrem Umzug auf Andreas Sofa wieder in der Röhlschen Praxis liegt, stutzt die Gynäkologin zum zweiten Mal in dieser Schwangerschaft: Julias Zervix hat sich seit ihrer eigenverantwortlichen Entlassung aus dem Krankenhaus weiter geschlossen.
In Julias und Lisas Beispielen zeigt sich, was Manuela Wingeier und Prof. Dr. Ulrike Ehlert vom Psychologischen Institut der Universität Zürich in ihrem Dossier «Psychobiologische Prozesse während der Schwangerschaft» beschreiben: «Verschiedene psychosoziale Ressourcen auf der Seite der Mutter können das Stresserleben beeinflussen und fehlangepasste physiologische Reaktionen verhindern.» Immer wieder zeigen Erfahrungsberichte von Hebammen und Müttern, dass dieser Zusammenhang auch umgekehrt besteht. Erhält eine Schwangere Zuspruch und Unterstützung aus ihrem Umfeld, verläuft die Schwangerschaft positiver als ohne diese Faktoren – wenn auch nicht immer naturwissenschaftlich belegbar, so doch zumindest im eigenen Erleben der werdenden Mutter.
Hinweis: Die Namen in diesem Artikel wurden geändert. Die realen Namen sind der Redaktion bekannt.
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