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Gesundheit

Neue Ärzt:innen braucht das Land – aber woher sollen sie kommen?

13.06.2026
von Pia Soldan

Es ist nicht unbedingt eine Revolution, die vor den Türen des Schweizer Gesundheitssystems wartet. Erste leise Schritte sind aber allmählich auszumachen.

«Hausärztemangel verschärft sich – Grundversorgung in der Schweiz akut gefährdet», titelten die mfe Haus- und Kinderärzte Schweiz im Oktober anlässlich der Workforce-Studie 2025. So zeigt eine eingebettete Grafik in tiefen Rottönen, dass Hausärzt:innen in der gesamten Schweiz einen Mangel in ihrer Region sehen, der sich gegenüber der Situation im Jahr 2010 massiv verschärft habe. Doch das Problem erstreckt sich auf das gesamte Gesundheitssystem.

Älter werdende Mediziner:innen, wenig Nachwuchs

Rund jede vierte Ärztin und jeder vierte Arzt ist 60 Jahre alt oder älter. Aber auch diejenigen unter dieser Schwelle gehen perspektivisch in Pension. Im Durchschnitt sind die Schweizer Hausärzt:innen 52 Jahre alt, 13 Prozent der praktizierenden Hausärzt:innen könnten bereits in Pension sein. Rechnerisch bedeutet dies, dass in den kommenden vier Jahren gut ein Fünftel der Hausarztpraxen neu besetzt oder durch andere Praxen ersetzt werden müssen. Bis 2035 prognostiziert die Workforce-Studie sogar einen Bedarf von 40 Prozent, insgesamt benötige die Schweiz dann neue Hausärzt:innen für mehrere Hundert Vollzeitstellen.

An dieser Stelle reisst die Studie ein Thema im Umfeld des Ärztemangels in der Schweiz an, das zuletzt für Diskussionen gesorgt hat. Denn der Anteil der Mediziner:innen, die in Teilzeit arbeiten, steigt. Etwa die Hälfte der Ärzt:innen arbeitet weniger als 60 Prozent, weitere zwölf Prozent bleiben unter 100 Prozent. Im Juni wurde daher die Forderung ehemaliger Professoren der Universität Zürich laut, Ärzt:innen, die nicht in ihrem Beruf oder nicht in Vollzeit arbeiten, sollten die Kosten für ihr Studium teilweise zurückzahlen.

Finanziert wird ein Medizinstudium in der Schweiz durch Bund und Kanton, insgesamt etwa 750 000 CHF fallen pro Studentin und pro Student an. Ein Teil dieser Summe könne nach Ansicht der beiden Professoren als Druckmittel genutzt werden, um Berufsausstiege und Teilzeitarbeit zu vermeiden. Auf diese Weise werde das politische Bestreben, die Medizinstudienplätze auszubauen, teilweise obsolet.

In genau diese Kerbe schlagen nun aber die aktuellen Tendenzen. So will der Kanton Zürich die aktuelle Zahl von 430 Studienplätzen ab dem Jahr 2030 auf 700 aufstocken. Ausserdem soll die Eignungsprüfung, der Numerus Clausus, angepasst werden. Aktuell setzt dieser vor allem auf medizinisches Wissen, während diverse Soft Skills unberücksichtigt bleiben. Unter anderem darauf führt man zurück, dass bereits jede:r siebte bis achte fünf Jahre nach dem Abschluss 2018 nicht mehr dem Medizinberuf nachging.

Ärzt:innen aus dem Ausland: Die Lösung aller Probleme?

Um den Mangel auszugleichen, lässt die Schweiz ausländische Mediziner:innen zu. Deren Zahl lässt sich definitiv nicht mehr unter «ferner liefen» verbuchen, denn über 40 Prozent der in der Schweiz praktizierenden Ärzt:innen verfügen über einen ausländischen Abschluss.

Hier steht das Land jedoch in Konkurrenz zu den Nachbarländern, die ebenfalls bestrebt sind, Anreize für eine Berufstätigkeit in der Medizin zu schaffen. In Deutschland geht die staatliche Anreizstruktur vor allem in Richtung von Hausärzt:innen, die sich in ländlichen Regionen niederlassen. Umgekehrt bildet Deutschland aber laut Johannes Steinhart 5000 Mediziner:innen pro Jahr weniger aus als die Bundesrepublik selbst benötigt.

Der Präsident der österreichischen Ärztekammer spricht in Bezug auf die Gesamtheit der dem österreichischen Gesundheitswesen zur Verfügung stehenden Ärzt:innen von einem «Kübel mit einem erheblichen Loch drin». In dieses Gefäss weitere ausgebildete Fachkräfte zu schütten, sei nutzlos bis kontraproduktiv, da eine entsprechende Ausbildung für den Staat mit immensen Kosten verbunden ist. «Das Ausland würde sich sehr bedanken, wenn wir mit unserem Steuergeld noch mehr Ärztinnen und Ärzte ausbilden und sie dann nach Europa exportieren», liess er sich im November 2024 in einer Pressemitteilung der Österreichischen Ärztekammer zitieren. Vor dem Hintergrund, dass auch junge Mediziner:innen immer mehr Wert auf Work-Life-Balance legten, forderte er eine Flexibilisierung der Kassenverträge und der Arbeitsbedingungen im Spital.

Auch Österreich steht also bei dem Ruf nach Ärzt:innen in Konkurrenz zur Schweiz. In Bezug auf Italien spricht ZDF-Journalistin Barbara Lueg von «alarmierenden Statistiken» und im Deutschen Ärzteblatt bezeichnet Niklas Mönch Frankreich gar als «medizinische Wüste». Auf Ärzt:innen aus den Nachbarländern zu setzen erscheint folglich nicht als alleinige tragfähige Lösung für das Problem des Ärztemangels in der Schweiz. Einen solchen Königsweg scheint es aber bislang nicht zu geben.

Ein Massnahmenmix als Weg in die richtige Richtung

In ein ähnliches Horn wie Steinhart für Österreich bläst Nelly Blindenbacher als Vorstandsmitglied des Verbands der Assistenz- und Oberärzt:innen (VSAO) Zürich mit Blick auf die Schweiz. Der Tages-Anzeiger zitiert sie mit den Worten: «Die Schweiz verliert viele gute Ärztinnen und Ärzte wegen der mangelnden Flexibilität und der geltenden Arbeitsbedingungen.» Hier existiere also ein Hebel, den es zu bewegen gelte.

Gleichzeitig unterstützt der Verband den Ausbau der Studienplätze, in der Hoffnung, dass von insgesamt mehr in der Schweiz ausgebildeten Mediziner:innen am Ende auch mehr dem hiesigen Gesundheitssystem zur Verfügung stehen. Die zusätzlichen bald verfügbaren Studienplätze könnten also durchaus ein Schritt in die richtige Richtung sein.

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