Interview von Marina Haq

Im Gespräch mit Christina Ragettli – eine Frau allein auf der Via Alpina

Christina Ragettli hat ihren Traum verwirklicht. Die mutige junge Schweizerin kündigte ihren Job und unternahm eine risikoreiche Fernwanderung. Während vier Monaten überquerte sie sechs Länder auf der anspruchsvollen roten Via Alpina. Die Erfahrungen ihrer Fernwanderung von Trieste nach Monaco hat sie in ihrem neu erschienenen Buch «Von Wegen» verfasst, welches auf Platz zwei der Schweizer Bestsellerliste landete.  

Christina Ragettli, wir kennen Sie, als die Frau, die eine viermonatige Fernwanderung von Triest bis nach Monaco absolviert hat. Zudem sind Sie Autorin, PR-Managerin, Teilzeit-Ski-Lehrerin und die Schwester des Freeski-Weltmeisters Andri Ragettli. Können Sie uns mehr über sich erzählen? 

Die Frage sagt schon viel über mich, was meinen Job betrifft (lacht). In der Freizeit bin ich immer in den Bergen unterwegs. Sei es zum Weitwandern, Klettern, Bergsteigen oder Skifahren. Tendenziell arbeite ich oder verbringe Zeit in den Bergen. 

Sie sind in Graubünden aufgewachsen. Denken Sie, dass das einen Einfluss auf Ihre Passion hatte? 

Ja, auf jeden Fall. Seit ich zwei Jahre alt bin, fahre ich Ski und war immer in den Bergen unterwegs. Diese Leidenschaft wurde mir eigentlich seit dem ersten Tag weitergegeben. Ich könnte mir niemals vorstellen in einer Stadt zu wohnen. Wenn, dann nur vorübergehend. Immer in den Bergen zu wohnen, ist das Ziel (lacht).

Können Sie uns mehr über Ihren erfolgreichen Blog «Wild Mountain Heart» erzählen? 

Den Blog habe ich vor der Fernwanderung erstellt. Mein Freundes- und Familienkreis konnten sich auf diese Weise darüber informieren, wo ich mich gerade befinde und wie es mir geht. Durch den Blog musste ich nicht allen einzeln eine Nachricht zukommen lassen.

Es war praktischer, einen Blogpost hochzuladen, sobald ich einmal kurz Empfang hatte.

Das wäre schwierig gewesen, da ich öfters in den Bergen keinen Empfang hatte – manchmal sogar über eine Woche lang. Deshalb konnte ich nicht einfach anrufen oder eine Nachricht schicken. Es war praktischer, einen Blogpost hochzuladen, sobald ich einmal kurz Empfang hatte. Seit der Wanderung habe ich fast nichts mehr publiziert – übermorgen gehe ich wieder auf eine Wanderung und werde ein paar Blogposts hochladen. 

In Ihrem neu erschienen Buch berichten Sie über ihr viermonatiges Abenteuer in der Via Alpina. Können Sie uns mehr davon erzählen? 

Das Buch informiert vor allem um die rote Route Via Alpina, einer der anspruchsvollsten Fernwanderungen in Europa. Ich erzähle nicht nur über die Route, sondern auch über die Vorbereitung, meine Erfahrungen in den Bergen sowie die emotionale Seite bei einem solchen Projekt. 

Mein Buchtitel heisst «Von Wegen», weil mir einige Menschen diese Wanderung nicht zugetraut haben. Aber ich habe mich sehr gut vorbereitet. Im Buch erfährt man auch, dass es keine spontane Entscheidung war, die Fernwanderung zu unternehmen. Das Buch sollte Menschen inspirieren ihren Traum zu erfüllen, egal was für einen Traum sie haben. Am Schluss sollte man denken: «Wenn Christina das kann und sich so eingehend damit auseinandergesetzt hat und das nachher auch geschafft hat, dann kann ich meinen Traum auch umsetzen.»  

Sie haben sich zwei Jahre auf diese Fernwanderung vorbereitet. Weshalb brauchte die Planung so lange?

Ich habe mich allgemein zwei Jahre lang für eine Fernwanderung vorbereitet, nicht spezifisch für die Via Alpina. Für diese Route habe ich mich ein bis zwei Monate jeweils am Abend die Etappen geplant. Diese Vorbereitung war aber nicht nonstop. Es fing vor Jahren mit dem Lesen vieler Büchern an. Ich musste mich dann entscheiden, welche Wanderung ich machen möchte und wie bestimmte Sachen auf diese Fernwanderungen funktionieren wie zum Beispiel: Brauche ich auf dieser Strecke einen Wasserfilter, brauche ich Steigeisen, wo darf man Zelten und wo ist es verboten? Wie viel Gas brauche ich, um eine ganze Woche lang Essen kochen zu können? Das sind Sachen, die man mit der Zeit lernt und mit diesen Fragen habe ich mich zwei Jahre lang intensiv beschäftigt. 

Ihr Buch «Von Wegen» wurde im April 2022 publiziert und landete direkt auf Platz zwei der Schweizer Bestsellerliste. Wie fühlen Sie sich bezüglich dieser positiven Rezeption? 

Es war cool, weil ich zuerst dachte, dass nur Wanderfreaks, die diese Wanderung auch unbedingt machen wollen, das Buch lesen. Als es jedoch herauskam, gab es ein grosses Interesse. Viele Menschen haben das Buch gekauft, auch jene, die weniger mit Wandern zu tun haben, aber anscheinend auch Freude haben, mit meinem Buch mitwandern zu können. 

Die Via Alpina ist die Wanderroute Nr. 1 von sieben nationalen Routen. Bild: zVg

Täglich erhalte ich auch Nachrichten, in denen sich Menschen bei mir bedanken oder mir sagen, dass mein Buch ihnen als Inspiration und Motivation zu eigenen Projekten dient.  

Wie kam es dazu, dass Sie eine Fernwanderung in der Via Alpina absolvieren wollten? 

Ich habe mit Zweitagestouren und dem Wildzelten angefangen. Danach wollte ich das für eine längere Zeit machen. Es gefiel mir sehr und ich bin auch gerne allein. Ich stiess jedoch eher zufällig auf die Route der roten Via Alpina. Diese Weitwanderung war perfekt und hat mir gemäss der Beschreibung sofort gefallen.

Aber die Via Alpina hat auch extrem viele Höhenmeter; es geht die ganze Zeit bergauf und bergab. Aus diesem Grund ist diese Route auch als einer der Königsrouten der Fernwanderungen bekannt. Nach der Recherche dachte ich, dass diese Route zu anstrengend für mich wäre, obwohl ich sportlich bin (lacht). Gerade einer der schwierigsten Routen als Erstes zu machen ist vielleicht keine gute Idee. Es ging daher noch eine Weile, bis ich den Mut für diese Fernwanderung sammelte. 

Sie haben die Wanderung während der Pandemie gemacht. War dies nicht ein zusätzliches Hindernis? 

Ja. Das war sicher ein zusätzliches Hindernis. Aufgrund der Pandemie gab es teilweise keine offenen Berghütten. Ich hatte sowieso ein Zelt dabei, aber die Berghütten waren gut bei Gewittern oder wenn ich nicht mehr viel Essen im Rucksack hatte.

Ein anderes grosses Problem war, dass ich eigentlich von Monaco nach Trieste wandern wollte. Aufgrund der Pandemie konnte ich erst einen Monat später anfangen und auch nicht in Monaco starten, weil die Grenzen geschlossen waren. Dann bin ich in der Schweiz gestartet und bis nach Trieste gelaufen. Von dort reiste ich mit dem Zug ich zurück in die Schweiz zum Ausgangsort in Wallis um danach noch nach Monaco wandern zu können. Eigentlich war die Route nicht in einem Stück, sondern in zwei geteilt. 

Weshalb haben Sie diese Wanderung trotz der Pandemie unternommen? 

Weil ich für diese Wanderung extra meinen Job gekündigt und schon alles geplant hatte. Ich hatte auch eine kleine Krise als die Pandemie anfing und dachte, dass ich diese Wanderung vielleicht nicht machen kann. Am Anfang wusste man auch nicht, wie die Pandemie verlaufen wird.

Als die Situation ein bisschen besser aussah, nahm ich mir vor, die Wanderung zu versuchen: Und zwar mit meinem flexiblen Plan zwei Ziele anzulaufen – von der Schweiz nach Triest und dann von der Schweiz nach Monaco. Schlussendlich ging das auf, weil die Grenzen nach fünf Wochen durch die Schweiz wandern geöffnet wurden. Somit konnte ich direkt in einem Stück weiterlaufen. 

Gab es jemals einen Moment, bei dem Sie umkehren und die Reise abbrechen wollten? 

Es gab mehrere Krisen. Das war vor allem der Fall, wenn das Wetter schlecht war. Es ist ziemlich oft so, dass das Wetter die Stimmung bestimmt. Grosse Krisen mit dem Gedanken, die Wanderung abzubrechen, hatte ich jedoch zum Glück nie. 

Was hat Sie dazu motiviert, nicht aufzugeben?

Es war ein grosser Traum von mir und es ging nicht darum, diese Leistung zu erreichen, sondern einfach darum, draussen zu sein. Falls es eine Krise gab, ging ich in einem Hostel oder auf einem Campingplatz, um eine Pause zu machen, bevor ich weiterwanderte.

Ich benutzte mein Handy nur, wenn ich den Motivationskick brauchte.

Bei schlechtem Wetter motivierte es mich, ein Hörbuch und Musik zu hören oder zu Hause anzurufen. Ich musste auch auf den Akku schauen. Ich benutzte mein Handy nur, wenn ich den Motivationskick brauchte. 

Was war Ihre grösste Herausforderung auf dieser Fernwanderung? 

Ganz klar der mentale Aspekt – nicht aufzugeben und weiterzuwandern. Ich habe herausgefunden, dass bei einer Wanderung die mentale Anstrengung höher ist als die körperliche. Vor der Wanderung dachte ich, dass ich vielleicht abbrechen müsste, weil ich körperlich nicht der Herausforderung gewachsen bin. Ich habe aber realisiert, dass mein Körper sehr fit ist, aber es mental sehr anstrengend sein kann.

Was ist Ihre beste Erinnerung während diesem viermonatigen Abenteuer? 

Es ist lustig. Ich bin bewusst in die Berge gegangen, um mich von Menschen und der Zivilisation zu entfernen. Und jetzt ist einer meiner besten Erinnerungen all diese schönen Begegnungen, die ich mit lieben Menschen in den Bergen hatte. 

Welche Tipps haben Sie für Menschen, die gerne eine Fernwanderung absolvieren möchten? 

Vorher viel Wandern, Erfahrungen sammeln und sich gut vorbereiten, dazu gehört auch die entsprechende Ausrüstung mit einem passenden Rucksack. Das ist sehr wichtig, weil man ansonsten Rückenschmerzen und Fussschmerzen kriegt. Dann macht die Fernwanderung überhaupt keinen Spass. Mein Rucksack ist zum Beispiel mit Schlafsack, Zelt, Essen für eine ganze Woche und Wasser für einen Tag nur 13 Kilogramm schwer. Ich trug mein ganzes Zuhause auf dem Rücken. 

Haben Sie weitere Fernwanderungen in Sicht – wenn ja, wo und wann – diesen Sommer? 

Ich habe kein grosses Projekt geplant. Jedoch gehe ich diesen Sommer vier Wochen wandern und vollende den Teil der Via Alpina, den ich damals gekürzt habe. Ich bin im Sommer 2020 durch 6 anstatt 8 Alpenländer gelaufen, weil mir aufgrund des Lockdowns der erste Monat als Wanderzeit gefehlt hat und ich daher eine direktere Route wählte, um Zeit zu sparen. Trotz der Routenanpassung durch die Kürzung bin ich sehr stolz, weil ich wirklich jeden Meter zu Fuss gelaufen bin – ich habe nie Bus, Zug, Velo oder Bahn benutzt.

Interview Marina S. Haq
Bilder zVg / Christina Ragettli

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

16.07.2022
von Marina Haq
Vorheriger Artikel «Die Leute feiern am Konzert nicht nur uns – sondern vor allem auch sich selbst»
Nächster Artikel 6 Schritte zu einer gesunden Unternehmenskultur