Interview von Kevin Meier

Birgit Sambeth Glasner: «Die Pandemielage hat der Justiz den Spiegel vorgehalten»

Die Genferin Birgit Sambeth Glasner blickt auf eine abwechslungsreiche Karriere zurück: Unternehmensjuristin, Rechtsanwältin, stellvertretende Richterin und Mediatorin. Seit Mitte dieses Jahres ist sie die neue Präsidentin des Schweizerischen Anwaltsverbandes SAV-FSA. Mit «Fokus» hat sie über den Verband, den Anwaltsberuf und das Rechtssystem gesprochen.

Die Genferin Birgit Sambeth Glasner blickt auf eine abwechslungsreiche Karriere zurück: Unternehmensjuristin, Rechtsanwältin, stellvertretende Richterin und Mediatorin. Seit Mitte dieses Jahres ist sie die neue Präsidentin des Schweizerischen Anwaltsverbandes SAV-FSA. Mit «Fokus» hat sie über den Verband, den Anwaltsberuf und das Rechtssystem gesprochen.

Frau Birgit Sambeth Glasner, Gratulation zur Wahl als Präsidentin des SAV! Wie haben Sie den Beginn Ihrer neuen Rolle erlebt?

Die ersten Monate waren äusserst interessant. Ich habe die positive Aufnahme durch meine Kolleg:innen, die kantonalen und ausländischen Anwaltsvereine sowie weitere Akteure des Justizsystems und die Öffentlichkeit, die mich unterstützt hat, sehr geschätzt.

Was sind die übergeordneten Ziele des SAV?

Der SAV-FSA ist der wichtigste Ansprechpartner des Staates und der Gesellschaft in Fragen des Verfahrensrechts. Die Einhaltung des verfassungsmässig statuierten Grundrechts und der Verfahrensgrundsätze ist die Grundlage eines funktionierenden Rechtsstaates. Der SAV sieht sich somit im Gesetzgebungsverfahren als Expertenstelle im Dienst der Behörden und will als solche wahrgenommen werden.  

Der SAV ist aber auch Garant für die Qualität der rechtlichen Dienstleistungen seiner Mitglieder. Der Verband stellt die notwendigen Instrumente bereit, die ihnen erlauben sollen, die Wertigkeit des anwaltlichen Schaffens hochzuhalten. 

Welche Visionen hegen Sie für den SAV in Ihrer neuen Rolle?

Einerseits nehmen wir die wichtige und historische Aufgabe als Sprachrohr und Verteidigung der Rechtssuchenden ernst, deren traditionellen Funktionen darin bestehen, unsere Mandantschaft zu beraten, zu vertreten, zu unterstützen und zu verteidigen. Andererseits trägt der Ad Vocatus, «der Fürsprecher», auch dazu bei, Streitigkeiten vorzubeugen, beizulegen und einen Frieden zu schaffen, der das Leben in der Gesellschaft und den Austausch begünstigt.

In der Tat sind Konflikte in der heutigen Welt zunehmend international und beinhalten eine Vielzahl unterschiedlicher Kulturen und Sprachen, ganz zu schweigen von geografischen und gesundheitlichen Aspekten. Antworten auf diese komplexen Spannungen zu finden, erfordert Wissen, Know-how und vor allem Fachkompetenz – savoir, savoir-faire et savoir-être!

Ausserdem bin ich überzeugt, dass der Rechtsberuf auf Diversifizierung, Erfahrung und Kompetenzen beruhen muss. Die junge Generation sollte nicht nur Zugang zum Anwaltsberuf haben, sondern auch eine aktive Rolle in der Anwaltschaft spielen.  

Die Rechtsstaatlichkeit einiger Länder scheint zunehmend unter Druck zu geraten. Wie engagiert sich der SAV für deren Erhalt?

Das Bewahren des vom Souverän festgelegten Rechtsstaates ist und bleibt eine zentrale Aufgabe unseres Berufsstandes. Der SAV kann seinen Teil dazu beitragen, indem er innerhalb dieses Rechtsstaates wachsam bleibt sowie dessen Grundfeste verteidigt und gewahrt sehen will. Er kann aber nicht als Mahner über dem Souverän stehen, sondern nur als Berater und Experte in dem künftigen Gesetzes- und Verfassungsvorlagen vorgelagerten Austausch mit den zuständigen Behörden. 

Auf zwischenstaatlicher Ebene bringt er sich gemeinsam mit Berufsverbänden anderer Länder über die internationalen Berufsorganisationen ein, beispielsweise die Europäische Berufsorganisation der Anwaltschaft CCBE, die International Bar Association IBA und die Union International des Avocats UIA. Die Kraft solcher geballten Verlautbarungen ist weit wirkungsvoller.  

Sie sind erst die zweite Frau in dieser Rolle. Hat der Rechtsbereich ein Diversitätsproblem?

Obwohl der SAV über 120 Jahre alt ist, bin ich erst die zweite Frau, die ihn präsidiert – 20 Jahre nach Eva Saluz –, während unser Verband mehr als 11 500 Mitglieder zählt, von denen nur 3700 Frauen sind. Ausserdem sind in der Schweiz weniger als 25 Prozent der Frauen, die ein Anwaltspatent erworben haben, Partnerinnen in einer Kanzlei!

Der diesjährige Anwaltstag war dem Thema der Gleichstellung von Mann und Frau in unserem Beruf gewidmet. Der zu diesem Anlass verliehene Emilie Kempin-Spyri-Preis hat sowohl die erzielten als auch die noch ausstehenden Fortschritte bei der Erreichung einer grösseren Diversität, Inklusion und Repräsentativität von Geschlechtern und Kulturen in unseren Reihen aufgezeigt.

So sollte die alternierende Wahl einer Frau und eines Mannes die Norm und nicht die Ausnahme sein, wo doch die Schweiz 50 Jahre Frauenstimmrecht und 25 Jahre Gleichberechtigung feiert. Die Gleichstellung wird erst dann erreicht sein, wenn sie kein Gesprächsthema mehr ist.

Das Rechtssystem kann zuweilen maschinell und kalt wirken. Sie beschreiben Ihren Beruf hingegen als «zutiefst humanistisch». Können Sie diese Sichtweise etwas ausführen?

Unser Beruf ist tatsächlich zutiefst humanistisch. Denn es geht vor allem darum, Menschen in ihren privaten Beziehungen, ihren Bezügen zur Gesellschaft und ihr soziales, wirtschaftliches und berufliches Umfeld zu unterstützen.

Die Anwaltschaft geniesst nicht in allen Ecken der Gesellschaft einen guten Ruf. Zu Unrecht?

Ja, absolut. Ich denke, dass der Beruf, wie er in der Realität existiert, missverstanden wird und sehr stark durch bestimmte Archetypen und die Reflexion der Medien wahrgenommen wird. 

Jedoch ist unser Berufsverständnis zutiefst humanistisch und ich glaube an die Vorbildfunktion, die wir einerseits als Garantinnen und Garanten der Rechtsstaatlichkeit und andererseits als engagierte und kreative Akteur:innen des gesellschaftlichen Lebens und seiner Entwicklung spielen.

Es liegt zwar in unserer Verantwortung, das breite Spektrum unserer Aktivitäten besser zu kommunizieren, doch ist es auch Aufgabe der Medien, diese objektiv wiederzugeben.

Weshalb ist der Rechtsbereich ein attraktives Tätigkeitsgebiet?

Meiner Meinung nach, weil er humanistische Bestrebungen, den Glauben an Gerechtigkeit, die Beteiligung an der Gesellschaft sowie verschiedene Aspekte der Reflexion und Strategie miteinander verbindet.

Weshalb haben Sie sich dazu entschieden, Juristin zu werden?

1976, als ich 14 Jahre alt war, wurde mein Vater in seiner Eigenschaft als technischer Direktor von Givaudan, gerichtlich in die Katastrophe von Seveso verwickelt. Die Familiensituation war sehr schwierig und meine Mutter verstarb wenige Jahre später. Schon damals ging es mir um Gerechtigkeit und Fairness. Weil ich von seiner Unschuld überzeugt war, versuchte ich, die Vorgänge zu verstehen. So begleitete ich meinen Vater bei dem Verfahren und interessierte mich sehr dafür, insbesondere auch für die Aspekte, die mit den Interessenkonflikten in unserem Beruf zusammenhängen.

Sie sind vor allem für Ihre Arbeit in der Mediation bekannt. Weshalb ist das ein für Sie anziehendes Gebiet?

Die Mediation ist attraktiv, weil sie auf grundsätzlich positive Ziele abzielt, nämlich die Verhütung, Bewältigung und Lösung von Konflikten. Soft und Hard Skills werden dabei kombiniert; sowohl menschliche Qualitäten als auch berufliche Fähigkeiten und strategische Visionen sind unabdingbar. Die Erfahrung zeigt, dass eine gute und professionelle Mediation in mehr als 80 Prozent der Fälle erfolgreich ist!

Inwiefern helfen Ihnen die Erkenntnisse aus Strafprozessen in der Konfliktschlichtung?

Meine Erfahrungen als Anwältin in Straf- und Zivilprozessen, aber auch als stellvertretende Richterin während zwölf Jahren, erlauben es mir, die Parteien aktiv dabei zu unterstützen, einen Realitätscheck durchzuführen und neben ihren Rechtspositionen auch ihre tatsächlichen Interessen und Bedürfnisse zu prüfen. Es ermöglicht ihnen, die Chancen und Risiken eines Prozesses im Auge zu behalten und abzuschätzen, wie hoch ihre finanzielle, zeitliche und emotionale Beteiligung sein könnte.

Mit Justitia 4.0 steht das Schweizer Rechtssystem vor tiefgreifenden Veränderungen. Welche Potenziale stecken in der Digitalisierung für die unterschiedlichen Parteien?

Als Teil der aktuellen gesellschaftlichen und beruflichen Entwicklung, die auch ein besseres Gleichgewicht zwischen Berufs- und Privatleben ermöglicht, ist die Digitalisierung nicht nur eine Gelegenheit für unseren Beruf, sondern sie erleichtert auch den Zugang zum Recht für alle. 

Wenn die Kommunikation in Gesellschaft und Staat zunehmend elektronisch abläuft, kann sich auch die Justiz dieser Entwicklung nicht entziehen. Mit dem Grossprojekt Justitia 4.0, welches vorab den digitalen Aktenaustausch und die Akteneinsicht in Gerichtsverfahren vorsieht, wurde ein grosser Schritt in diese Richtung eingeläutet. Die Pandemielage hat der Justiz den Spiegel vorgehalten und mehr als deutlich gemacht, dass eine funktionierende Justiz in künftigen Konfliktsituationen ohne Digitalisierung der Verfahrensabläufe und des Rechtsverkehrs nur schwer garantiert werden kann.

Die Transformation von analog zu digital macht es innerhalb der Anwaltschaft aber auch der Justiz möglich, Arbeitsweisen und Organisationskulturen an die Anforderungen der Zukunft anzupassen. Zudem macht die digitale Transformation Anwaltskanzleien als Arbeitgebende attraktiver. Vor dem Hintergrund dieser Entwicklungen sind heute Anwält:innen generell gefordert, ihre Arbeit zu digitalisieren und die Digitalisierung der Kanzlei in Angriff zu nehmen.

Sehen Sie Stolpersteine, die es zu vermeiden gilt?

Gefahren lauern überall. Ich darf auf ein professionelles Team innerhalb des Verbandes zählen. Zu vermeiden gilt es sicher, trotz vielseitigen Engagements und Begeisterung für die Tätigkeit, die Aussenwelt und den Blick für das Wesentliche nicht aus den Augen zu verlieren. Das ist nur über eine periodische, selbstkritische und distanzierte Betrachtungsweise möglich. Ganz im Allgemeinen sollte man nicht so arrogant sein, zu denken, man kenne alle Antworten. Man muss Dinge hinterfragen und stets unterschiedliche Sichtweisen miteinbeziehen.

Bild Marc Gremillon

 

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04.11.2021
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