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Deutschland

Von der Dunkelflaute zum Wettbewerbsvorteil

19.08.2026
von SMA

Steigende Energiepreise und geopolitische Krisen belasten die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie. Planungssicherheit ist gerade in energieintensiven Industrien immer weniger gewährleistet und die Forderungen der Generation Z nach mehr Generationengerechtigkeit und einer stärkeren Berücksichtigung ihrer Zukunftsaussichten werden lauter. Ist die Energiewende der Sargnagel des Industriestandorts Deutschland oder vielleicht gerade die Chance auf mehr Wettbewerbsfähigkeit, Innovation und neue Märkte?

Prof. Dr.-Ing. Jürgen Karl
Lehrstuhlinhaber Energieverfahrens­technik am Department Chemie- und Bioingenieurwesen (CBI), Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

Soziale, druckende und öffentlich-rechtliche Medien bestätigen es täglich. Steigende Energiepreise belasten existenziell den Wirtschaftsstandort Deutschland. Die Politik reagiert mit Tankrabatten, Strompreisbremsen und einer Flut von Gesetzesnovellen und neuen regulatorischen Ideen. 

Uneinheitlich sind die Meinungen zu den Ursachen für die Misere: Die einen vermuten die Energiewende und teure Windräder als Grund für steigende Strompreise, andere den Kernenergieausstieg und nur wenige Autoren bringen die Ursache auf den doch recht einfachen Punkt: unsere Abhängigkeit vom fossilen Erdgas. Erdgas ist noch immer der wichtigste Energieträger im Wärmesektor, für die »Heavy Industries« und in der chemischen Industrie. Und fossiles Erdgas bestimmt unseren Strompreis. 

Tatsächlich sind nicht Wind und PV für steigende Strompreise verantwortlich, sondern steigende Gaspreise. Unser System der »Merit Order« berücksichtigt in den viertelstündlich stattfindenden Auktionen zur Festlegung des Strompreises nur die Grenzkosten der Stromerzeugung. Das sind im Wesentlichen die »verbrauchsgebundenen Kosten« und die sind für Gaskraftwerke naturgemäß viel höher als bei Kernkraftwerken, Kohlekraftwerken und vor allem auch viel höher als für Wind oder Sonne. Das letzte notwendige Kraftwerk der »Merit Order« wird preissetzend und bestimmt den Strompreis für alle. Preissetzend sind derzeit in aller Regel Gaskraftwerke und steigende Gaspreise führen zu steigenden Strompreisen. 

Unverständlich erscheint vor diesem Hintergrund die aktuelle Idee der Bundesregierung mit dem neuen »Strom-Versorgungssicherheits- und Kapazitätengesetz«, dem StromVKG so ausschließlich auf neue Gaskraftwerke und fossiles Erdgas zur Gewährleistung unserer »Versorgungssicherheit« zu setzen. Hatten doch gerade die geopolitischen Krisen der letzten Jahrzehnte und Monate gezeigt, wie unsicher gerade die Versorgung mit fossilem Erdgas ist. Unsere Abhängigkeit von Putin, Trump und anderen unfreundlichen Despoten im Nahen und Fernen Osten hat mit »Versorgungssicherheit« nicht viel zu tun. Und dass in der ganzen Diskussion die unvermeidbaren CO2-Emissionen fossiler Gase gar keine Rolle spielen, ist noch weniger verständlich. Immer mehr Studien verwiesen darauf, dass die »fugitive emissions«, also die Methanverluste beim Fracking, bei der Verteilung und bei der Nutzung von Erdgas fürs Klima teilweise noch schädlicher sind als die Verbrennung von Braunkohle.

Die Energiewende bietet eine hervorragende Plattform für Innovation. Für disruptive Innovationen.

Bedeutend sicherer wäre die Nutzung eigener Ressourcen – auch für unsere Kraftwerksreserve. Und die gibt es. Biogas beispielsweise ist deutschlandweit etabliert und die Aufgabe der Anlagenbetreiber besteht darin, ihre Anlagen zu flexibilisieren und »Dunkelflauten-ready« zu machen. Das ist viel einfacher und kostengünstiger als Gaskraftwerke von morgen »Wasserstoff-ready« zu machen, wie es das StromVKG zaghaft bis 2045 fordert. Zumal auch die künftige Versorgung mit Wasserstoff alles andere als sicher ist. Die Bundesnetzagentur forderte in ihrem »Versorgungssicherheitsbericht« vom September 2025 den Zubau von 22,4 bis 35,5 Gigawatt neuer Gaskraftwerke. Diese Leistungen könnten flexibilisierte Biogasanlagen auch bereitstellen. Und das billiger, schneller und sicherer als fossile Gaskraftwerke. Um Biogas flexibel verstromen zu können, müssen lediglich zusätzliche Motoren und Gasspeicher nachgerüstet werden. Und wenn unsere Biogasanlagen noch mehr ungenutzte Gülle verstromen würden, könnten jährlich bis zu zehn Millionen Tonnen CO2-Äquivalente eingespart werden. Immerhin zieht das neue StromVKG auch die Nutzung biogener Gase für die Kraftwerksreserve in Betracht – und die Nutzung von Biomethan, das nach Aufbereitung von Biogas ins Erdgasnetz eingespeist wird und in Gaskraftwerken genutzt werden könnte.  

Besonders versorgungssicher ist unser Strom aus Wind und Photovoltaik. Auch wenn beide bekanntermaßen hin und wieder pausieren, ist jede Dunkelflaute leichter beherrsch- und vorhersagbar als jede Putin- oder Trumpflaute am Gasmarkt. Und genau in der Volatilität liegen auch Chancen. Immer dann, wenn Wind und Photovoltaik im Überschuss produzieren, profitieren deutsche Verbrauchende von den günstigsten Strompreisen Europas. Nun gilt es, diese günstigen Strompreise mit Batteriespeichern auch in die Dunkelflaute zu retten. Oder die Produktion an die Strompreise anzupassen. Energieintensive Prozesse, die 24/7 fossiles Gas nutzen, könnten in Zeiten niedriger oder negativer Strompreise auf Strom umschalten. In vielen Fällen ist das mit erstaunlich geringem Aufwand realisierbar. Die Flexibilisierung der Produktionsprozesse selbst ist sicher anspruchsvoller, aber im KI-Zeitalter eine willkommene Aufgabenstellung ganz vieler junger KI-affiner Absolventinnen und Absolventen unserer Hochschulen und Universitäten. 

Und genau hier liegt die große Chance für Deutschland. Die Energiewende bietet eine hervorragende Plattform für Innovation. Für disruptive Innovationen. Eine Plattform für neue Prozesse und neue Ideen, die in einer unausweichlich veränderten Energiezukunft zum Wettbewerbsvorteil und zum Zukunftsmarkt für deutsche Technologien werden können. Die Energiewirtschaft wendet sich weltweit. Die rückwärtsgewandte Trump-Ära in den USA verschafft uns die Zeit, in den energieintensiven Schlüsselmärkten für Chemie-, Maschinen- und Anlagenbau durch die Flexibilisierung und Nutzung erneuerbarer Energien Alleinstellungsmerkmale und Exportmärkte zu sichern. Und die Chance, damit auch die Abkehr von fossilen Emissionen endlich zu beschleunigen. 

Denn was bei allen Diskussionen um hohe Energiepreise nicht vergessen werden darf: Auch die Generation Z – die Generation unserer Kinder und Enkel – hat ein Recht auf eine lebenswerte Zukunft. Die jüngsten Flutkatastrophen bei uns, in Spanien, Italien und weltweit sind von vielen schon wieder vergessen. Die Hitzewelle vom Juni ist den meisten noch präsent. Einige sagen, »früher nannte man das Sommer«, andere beschleicht bei Hitzerekorden über 40 °C ein ungutes Gefühl. Und der Gedanke an die Zukunft unserer Kinder macht klar: Die Energiewende und die Abkehr von fossilen Energien sind alternativlos. Und klar ist auch: Der Klimawandel geht gerade erst los …  

Text Prof. Dr.-Ing. Jürgen Karl, Lehrstuhlinhaber Energieverfahrens­technik am Department Chemie- und Bioingenieurwesen (CBI), Friedrich-­Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

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