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Ayurveda – die «Mutter aller Heilkünste»

13.01.2022
von SMA

Der Sanskritbegriff «Ayurveda» bedeutet so viel wie «das Wissen vom langen Leben». Heilpraktiker und Autor Alexander Pollozek gibt einen Einblick in die wohl älteste Volksheilkunde der Welt.

Alexander Pollozek

Alexander Pollozek

Herr Pollozek, was versteht man unter Ayurveda?

Ayurveda ist eine über 5000 Jahre alte Lebensphilosophie. Über viele Generationen fand man heraus, dass Ayurveda überall auf der Welt immer zu den gleichen Ergebnissen führt, unabhängig von Klima, Herkunft, Kultur, Religion und Lebensgewohnheiten. Es geht bei dieser Erfahrungsmedizin, nebst der Heilung von Krankheiten, vor allem um die Gesunderhaltung und Prävention.

Ayurveda kennt keine therapeutischen Einzelmassnahmen, sondern hat einen ganzheitlichen Anspruch. Erläutern Sie bitte.

Der Ayurveda geht immer vom Individuum – dem Mikrokosmos Mensch – aus und schaut, wie man ihn im makrokosmischen Sinne ins Gleichgewicht bringen kann. Interne Faktoren wie Persönlichkeitsmerkmale, Schlafverhalten, Verdauung, Ernährungsverhalten, die Krankheitsgeschichte, aber auch externe Einflüsse wie Umwelt, Beruf und Beziehungen werden dabei berücksichtigt. Im Ayurveda gibt es eine Dreiteilung: Es gibt die körperfokussierte, rationale Medizin (Yuktivyapashraya). Häufig liegt einem körperlichen Ungleichgewicht jedoch ein seelisches Ungleichgewicht zugrunde. Dort sucht man mittels der ayurvedischen Psychologie (Satvavajaya) nach deren Ursachen, benutzt aber häufig körperorientierte Heilverfahren als Therapie. Schliesslich gibt es die spirituelle Medizin (Devavyapashraya), die viel mit religiösen Ritualen, Pilgerfahrten, astrologischen Beratungen und seelischen Lösungsprozessen zu tun hat.

Was ist in der Ayurveda-Medizin der erste Schritt?

Durch Befragung und Pulsdiagnose wird ermittelt, welches Mischungsverhältnis der drei Energieprinzipien (Doshas) – Vata, Pitta und Kapha – die Konstitution des Individuums ausmacht. Dies gibt Hinweise darauf, was für die Gesundheit des bestimmten Typs förderlich ist und somit, wie die individuelle Balance der drei Kräfte wiederhergestellt werden kann.

Spielt die Ernährung im Ayurveda eine entscheidende Rolle?

Es gibt keine Krankheit, die man ohne Einbeziehung der Ernährung in den Griff bekommen kann. Allein durch ein verändertes Ernährungsverhalten kann man jede Störung günstig beeinflussen. Setzt man den Hebel an der richtigen Stelle an, wird Nahrung zu Medizin. Jedes Lebensmittel hat bestimmte Qualitäten, ist Vata-, Pitta- oder Kapha-erhöhend oder -ausgleichend, erhitzend oder kühlend. Auch die sechs Geschmacksrichtungen haben eine therapeutische Wirkung. Man sollte herausfinden, welche Lebensmittel einem guttun und dementsprechend für sich selbst kochen, um den individuellen Stoffwechsel auszubalancieren.

Das Reinigungsprogramm «Pancha Karma» ist ein zentrales Element im Ayurveda. Welche Techniken gibt es?

Es gibt fünf ausleitende Verfahren. Das erste ist das therapeutische Erbrechen (Vamana), wodurch überflüssiger Schleim (Kapha) aus dem oberen Brustraum ausgeleitet wird. Grundsätzlich ist Schleim ein Schutzfaktor. Zu viel davon kann jedoch zu Verklebungen, Verstopfung der Lymphgefässe, der Atemwege und Nebenhöhlen sowie des Rachens führen. Ayurveda handelt hier vorbeugend. Mittels der Abführtherapie (Virechana) werden überschüssige Säuren aus dem oberen Verdauungstrakt ausgeleitet. Bei der Einlauftherapie (Basti Karma) werden bestimmte Kräuterdekokte rektal verabreicht, um Giftstoffe aus dem Enddarm zu eliminieren, aber auch, um den Körper zu remineralisieren. Die intranasale Therapie (Nasya Karma) nutzt spezielle Öle, Pulver, Pflanzensäfte und Kräuter zur Ausleitung toxischen Schleims aus den Nebenhöhlen. Diese Technik wirkt zudem auf das Vegetativum und kann bei vielen neurologischen Erkrankungen helfen. Als letztes Ausleitungsverfahren befreit der Aderlass (Rakta Moksha) das venöse System von minderwertigem Blut, entweder durch Anritzen der Haut oder das Ansetzen von Blutegeln.

Eine Ayurveda-Kur hat zum Ziel, das individuelle Gleichgewicht der Doshas wiederherzustellen. In welchen Schritten geschieht dies?

Eine Kur besteht aus der Vor-, Haupt- und Nachkur. Die Vorkur dient dem Ankommen und Entspannen. Durch tägliche Ölungen von innen und aussen werden die Schadstoffe gebunden und zum Magen-Darm-Trakt geleitet. Dort angekommen, werden sie in der Hauptkur durch eines oder mehrere Ausleitungsverfahren ausgeschieden. Die Nachkur sorgt durch viel Ruhen und Aufbaukost für die Stabilisierung sowie Regeneration der Gewebe und bereitet so für den Übergang in den Alltag vor.

Viele Menschen reisen nach Asien, um eine Ayurveda-Kur zu machen. Weshalb plädieren Sie dafür, diese in der Schweiz durchzuführen?

Bereits die Anreise ist ein Schockfaktor für den Körper. Durch den Jetlag sowie die teils extremen Klimawechsel, kommen das System, der Schlafrhythmus und die Verdauung durcheinander. Nach einer Reise befinden sich Körper und Geist im Sympathikotonus. Für eine Kur muss der Körper jedoch völlig entspannt sein. Leute, die hierzulande regelmässig eine Kur machen, kommen hingegen viel schneller in den Entspannungsmodus und man kann direkt mit den Behandlungen beginnen. Zudem gestaltet sich der Übergang in den Alltag reibungsloser und der Kontakt zum Kurgast bleibt auch nach der Kur bestehen. Letzteres fehlt bei einer Kur im Ausland. Auch die Verständigung mit den Begleitpersonen fällt aufgrund von Kommunikationsdifferenzen schwer. Zu einer ganzheitlichen Kur kommt die psychotherapeutische Betreuung: Die seelische Komponente hat hierzulande grossen Stellenwert, im Ausland wird jedoch kaum Wert darauf gelegt. Zudem wird in Asien nicht überall steril gearbeitet, dies stellt vor allem bei den wichtigen Einläufen ein gesundheitliches Risiko dar.

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