viktor röthlin trail
Outdoor Interview

«Es war wie eine Bestimmung, in die ich hineinrutschte»

31.05.2022
von Kevin Meier

Obwohl Viktor Röthlin seine Karriere im Laufsport 2014 beendete, bleibt die Bewegung einer der Eckpfeiler seines Lebens. Im Interview mit «Fokus» erzählt er, woher seine Leidenschaft kommt, welche Fehler man beim Laufen vermeiden sollte und wo er draussen am liebsten Sport macht.

Viktor Röthlin, wie würden Sie sich selbst beschreiben?

Ich bin ein sehr ausdauernder Mensch (lacht) mit einer guten Prise Humor und ein wenig Zynismus. Ich nehme nicht immer alles allzu ernst.

2014 haben Sie Ihre Profisport-Karriere beendet. Wie schauen Sie auf Ihre Marathon-Zeiten zurück?

Ich durfte eine unglaublich schöne Karriere erleben. Viele der ins Auge gefassten Vorsätze konnte ich in die Tat umsetzen. Hätte ich alle Ziele erreicht, wären sie zu wenig hoch gesteckt gewesen. 

Es ist auch ein Privileg, dass ich selbst bestimmen konnte, wann ich aufhöre. Die Entscheidung wurde nicht durch eine Verletzung oder einen abgesprungenen Sponsor vorweggenommen. Ganzheitlich und abgerundet konnte ich meine Karriere im Rahmen der Europameisterschaft in Zürich beenden. Es fühlt sich nicht so an, als dass ich noch etwas hätte tun sollen. Ich blicke erfüllt und positiv zurück.

Weshalb haben Sie sich für den Laufsport entschieden?

Ich bin schon als Kind viel gelaufen. Beim Wandern in den Bergen mit den Eltern bin ich lieber gerannt als marschiert. Wie jeder Junge habe auch ich Fussball gespielt. Dabei habe ich realisiert, dass ich erst Tore schoss, wenn die anderen müde waren. Und ich war es eben noch nicht (lacht). So habe ich mein Talent für Ausdauersport entdeckt. Als ich zwölf war, habe ich dann am Schüler-Cross-Lauf teilgenommen und gewonnen. Es war wie eine Bestimmung, in die ich hineinrutschte. 

Seit Jahren herrscht ein Laufboom. Was sind die Gründe dafür?

Der Laufsport hält sich schon lange und andauernd. Der Hauptgrund ist, dass er einer der einfachsten und kostengünstigsten Sportarten ist. Man benötigt nur wenig Ausrüstung: entsprechende Kleidung fürs Zwiebelprinzip sowie gute Runningschuhe und -socken. Damit kann man bereits loslegen.

Ein weiterer Punkt ist der Zeitaspekt. Es gibt keine Anreisezeiten, wie beispielsweise beim Schneesport. Mit nur einer Stunde kann man ein unglaublich gutes Lauftraining absolvieren. So tut man sich etwas Gutes und dies zum Beispiel während einer Mittagspause ohne Extrazeitaufwand. 

Wenn man sich ein Tennisracket kauft, beginnt man nicht einfach so zu spielen.

In den letzten zwei Jahren hat sich zudem gezeigt, dass es ein krisenresistenter Sport ist. Während Besuche von Fitnesszentren und Gruppentrainings nicht mehr möglich waren, durfte man sich stets in der Natur erholen und rennen. Das ist bestimmt mit ein Grund für das Anhalten des Booms. 

Welche Fehler sehen Sie häufig bei Einsteigenden? 

Wenn man sich ein Tennisracket kauft, beginnt man nicht einfach so zu spielen. Man holt sich erst einmal eine:n Tennislehrer:in zur Hand und lässt sich einführen. Dahingegen kaufen sich viele ein Paar Laufschuhe und rennen los. Bei Neujoggenden beobachte ich häufig, dass sie zu lange Schritte machen. Sie denken so sei man schneller wieder zurück (lacht).

Jedoch ist man dadurch schneller beim Arzt, weil zwangsläufig Überlastungen am Bewegungsapparat entstehen. Deshalb ist die Schrittlänge oder die Schrittfrequenz ein wichtiger Punkt in meinen Laufkursen. Das sind einfache Basics, die trotzdem einer Erklärung bedürfen. Andernfalls macht man es von Beginn an falsch und es prägen sich ungesunde Bewegungsmuster ein. Fängt man mit einem Laufcoaching oder einer Laufgruppe an, kann man nach kurzer Zeit selbstständig mit der richtigen Technik laufen. 

Die zu tiefe Schrittfrequenz hat ihren Ursprung oft beim Musikhören. Denn nicht im Takt der Musik zu laufen, ist fast unmöglich. Jedoch sind die gängigen Beats langsamer als die entsprechenden 160 Schritte pro Minute, welche die Mindestanforderung an die Schrittfrequenz wären.

Was reizte Sie am kompetitiven Laufsport?

Als zehnjähriger Junge habe ich 1984 die Olympischen Spiele in Los Angeles im Fernsehen verfolgt. Da habe ich entschieden, dass ich auch mal für die Schweiz an den Olympischen Spielen antreten möchte. Zudem hat mich das Messen immer fasziniert. Ich wollte wissen, wie schnell ich bin oder ob ich Fortschritte gemacht habe. Selbst Schulprüfungen bedeuteten für mich keinen Stress, sondern stellten eine Chance dar, meinen Lernfortschritt zu zeigen. Dasselbe galt für Wettkämpfe: Sie waren wie eine Belohnung am Ende eines Trainingsblocks.

Ein gesunder Geist in einem gesunden Körper ist keine Selbstverständlichkeit.

Aus einer gesundheitlichen Perspektive finde ich es nicht schlimm, dass nur ein kleiner Teil Wettkämpfe bestreitet. Der Haupteffekt des Laufsports ist das Lunge-Herz-Kreislaufsystem zu trainieren. Dafür ist es wichtiger, regelmässig laufen zu gehen; Wettkämpfe sind kein Muss.

Ihr Motto lautet «mens sana in corpore sano». Weshalb?

Ein gesunder Geist in einem gesunden Körper ist keine Selbstverständlichkeit. Dieses Privileg sollte man zu schätzen wissen. Viele Leute haben einen gesunden Körper, gebrauchen ihn aber zu wenig und aktivieren so auch ihren Geist nicht. 

Bei mir ist es so, dass ich mich bewegen muss, wenn ich vor einem Problem stehe oder kreativ sein möchte. Bewegung und Kreativität oder Problemlösung gehören zusammen. Das sollten wir häufiger nutzen, indem wir körperliche Betätigungen in unseren Alltag integrieren. Zum Beispiel finde ich es hilfreich, Meetings im Laufschritt oder mit einem Spaziergang zu kombinieren, statt im Büro oder Sitzungszimmer zu bleiben. 

Wo laufen Sie am liebsten?

Rund um den wunderschönen Sarnersee. Die Symbiose, welche entsteht zwischen der Fläche des Sees und der Krone der Berge rundherum begeistert mich jedes Mal von Neuem. Genau deshalb findet auch mein Laufevent, der Switzerland Marathon Light, immer am ersten Septembersonntag dort statt. 

Interview Kevin Meier
Bild Fotografie by Janmaat

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Vervollständigen Sie den Satz:

Ich fühle mich am wohlsten, wenn …
ich mich bewegen kann.

Gesundheit bedeutet für mich …
Lebensqualität.

Ich kann überhaupt nicht gut …
meiner Tochter bei den Deutschaufgaben helfen.

In Zukunft möchte ich …
noch ganz viele bewegende Momente erleben.

Allen Laufenden möchte ich mitgeben …,
dass sie mit Freude ihrem Hobby frönen und nicht immer auf die Uhr schauen.

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