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Weitermachen, bis nichts mehr geht

24.07.2026
von SMA

Wie Erschöpfung am Arbeitsplatz entsteht – und was uns schützt.

Stress gehört für viele zum Berufsalltag – in der Pflege ebenso wie auf der Baustelle, im Schulzimmer oder im Grossraumbüro. Doch wann wird aus Belastung eine ernsthafte Erschöpfung? Zwei Fachpersonen der Privatklinik Hohenegg erklären, wie Burn-out entsteht, welche Frühwarnzeichen zählen – und was uns schützt, bevor das System kippt.

Wie verbreitet das Thema ist, zeigt der Job-Stress-Index der Gesundheitsförderung Schweiz: Bei rund einem Drittel der Erwerbstätigen übersteigen die beruflichen Belastungen die verfügbaren Ressourcen deutlich, mehr als 30 Prozent fühlen sich emotional erschöpft. Betroffen sind längst nicht nur einzelne Branchen, sondern Büros, Spitäler, Schulhäuser und Baustellen gleichermassen.

Engagement, das mit der Zeit zur Falle wird

Burn-out beginnt nicht mit Schwäche, sondern mit überdurchschnittlichem Einsatz. Wer sich für seine Arbeit, seine Werte oder ein Ziel engagiert, wird belohnt: mit Anerkennung, Lob, beruflichem Erfolg. Dieses positive Feedback wirkt wie ein Verstärker – wer Lob erhält, legt nach. Kippen kann das System, wenn zwei Faktoren zusammenkommen: eine Arbeitskultur, die Dauerleistung belohnt, und eine persönliche Überinvestition in die eigene Leistung.

Nach dem Modell des Psychotherapeuten Klaus Grawe lassen sich vier psychische Grundbedürfnisse unterscheiden: Selbstwert, Autonomie, Bindung und Genuss. Werden diese über längere Zeit einseitig befriedigt – etwa, wenn nur noch die Arbeit dem Selbstwert dient und andere Bedürfnisse vernachlässigt werden –, gerät das System aus dem Gleichgewicht. Ein typischer Verstärker ist Perfektionismus: «Er ist wie ein Schweizer Taschenmesser, scheinbar für alles gut», beschreibt es Sebastian Haas, stellvertretender Ärztlicher Direktor der Privatklinik Hohenegg. Das Tückische: Das Gefühl von «genug» rückt dabei immer weiter weg.

Schützend wirken dagegen eine hohe Selbstwirksamkeit – das Vertrauen in die eigene Handlungsfähigkeit – und eine gewisse Unabhängigkeit vom Urteil anderer.

Ein Burn-out passiert nicht über Nacht. Die Vorstufe zeigt sich durch ständige Erreichbarkeit, Überidentifikation mit der Arbeit und erste Warnzeichen wie Schlafstörungen oder innere Unruhe. Mit der Zeit verschiebt sich das Gleichgewicht weiter: Reizbarkeit, sozialer Rückzug, Konzentrationsprobleme und das Gefühl, nur noch zu funktionieren.

Was uns schützt

Ein wichtiger Schutzfaktor ist eine ausgewogene Work-Life-Balance, in der Forschung auch «Life Domain Balance» genannt. Der Begriff beschreibt mehr als das Verhältnis zwischen Arbeit und Freizeit: Er umfasst auch Beziehungen, Gesundheit, soziale Kontakte, finanzielle Stabilität und persönliche Interessen. Je mehr dieser Bereiche unabhängig vom Beruf gepflegt werden, desto stressresistenter ist ein Mensch gegenüber den negativen Seiten seines Jobs.

Das Job-Demands-Resources-Modell erklärt, warum das so ist: Erschöpfung entsteht, wenn hohe Anforderungen – etwa Zeitdruck oder emotionale Belastung – nicht durch ausreichende Ressourcen ausgeglichen werden können. Solche Ressourcen sind zum Beispiel Handlungsspielraum, soziale Unterstützung und echte Erholungszeit. Fehlen sie dauerhaft, gerät das Verhältnis zwischen Energieverbrauch und Regeneration aus dem Lot.

Schutz bieten sowohl strukturelle als auch individuelle Massnahmen: flexible Arbeitszeiten und klare Rollen auf der einen Seite, Erholungsmanagement, Achtsamkeit und Selbstmitgefühl auf der anderen. Strukturierte Fragebogenverfahren helfen zudem, individuelle Belastungsmuster frühzeitig zu erkennen – lange bevor eine Krise entsteht.

Wie weiter, wenn Innehalten nicht mehr reicht

Das wichtigste Warnzeichen ist für Fiona Witte der Verlust der Erholungsfähigkeit: Wenn ein Wochenende oder ein Kurzurlaub nicht mehr erholsam ist und man wenige Tage nach der Rückkehr bereits wieder erschöpft ist, deutet das auf einen weit fortgeschrittenen Prozess hin. Viele reagieren in dieser Phase paradox – mit noch mehr Einsatz statt mit einer Pause.

Hilfe zu suchen, fällt vielen schwer – gerade Menschen, die im Alltag selbst Stütze für andere oder ihre Firma sind. Eine vorübergehende Distanz zum Alltag kann dennoch den entscheidenden Unterschied machen. In einer stationären Behandlung durchlaufen Betroffene meist ein strukturiertes Programm: von der körperlichen Stabilisierung über die Regeneration bis zur Reflexion – und am Ende der Transfer in den Alltag.

Dabei bleibt eine differenzierte Sicht wichtig: Arbeit ist nicht per se schädlich, sie stiftet Sinn und gibt Halt. Entscheidend ist nicht, ob, sondern wie man arbeitet – und ob daneben noch Raum für anderes bleibt.

Coverbild Dr. Sebastian Haas und Dr. Fiona Witte leiten in der Privatklinik Hohenegg in Meilen den Behandlungsschwerpunkt «Burn-out und Belastungskrisen»

Wer mehr über die Angebote der ­Privatklinik Hohenegg erfahren möchte, findet auf der Website weiterführende Informationen, Fachbeiträge aus dem Hohenegg-Magazin sowie Filme und Podcasts rund um psychische Gesundheit und die Behandlungsangebote:
hohenegg.ch

Film zur Burnout-Behandlung in der Privatklinik Hohenegg.

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