gesheit
iStock/Liudmila Chernetska
Lifestyle Gesundheit

Für andere da sein – und sich selbst nicht vergessen

24.07.2026
von SMA

Vor einigen Wochen erzählte mir eine Bekannte von ihrem Alltag. Jeden Morgen schaut sie zuerst bei ihrer Mutter vorbei. Sie hilft beim Frühstück, erledigt kleine administrative Aufgaben, organisiert Arzttermine und telefoniert mit der Spitex. Danach beginnt ihr eigener Tag.

Sabine Dobler
Projektleiterin Psychische Gesundheit im Alter, Gesundheitsförderung Schweiz

«Ich mache das gern», sagte sie. «Aber manchmal merke ich erst am Abend, wie müde ich eigentlich bin.»

Diese Aussage ist mir geblieben. Denn sie steht stellvertretend für viele Menschen in der Schweiz. Menschen, die sich Tag für Tag um Angehörige kümmern, oft selbstverständlich und ohne viel Aufhebens darum zu machen. Sie begleiten Eltern, Partner:innen, Nachbar:innen oder Freunde. Sie hören zu, organisieren, unterstützen, pflegen und übernehmen Verantwortung.

Stilles Engagement mit grosser Bedeutung

Dieses Engagement ist von unschätzbarem Wert. Es ermöglicht vielen Menschen, trotz gesundheitlicher Einschränkungen länger zu Hause zu leben und ihren Alltag selbstbestimmt zu gestalten. Viele Angehörige übernehmen diese Rolle bewusst und erleben sie als sinnstiftend und erfüllend. Gleichzeitig gerät jedoch etwas anderes leicht in den Hintergrund: die eigene Gesundheit der Betreuenden.

Sich um andere zu kümmern, kostet Kraft. Besonders dann, wenn die Unterstützung über Monate oder Jahre hinweg dauert oder intensiver wird. Viele Angehörige erleben Phasen grosser Belastung. Schlafprobleme, Erschöpfung oder das Gefühl, ständig funktionieren zu müssen, sind keine Seltenheit. Oft kommen unerwartete Situationen hinzu – ein Spitalaufenthalt, eine Verschlechterung des Gesundheitszustands oder neue organisatorische Herausforderungen.

Für andere sorgen – und sich selbst stärken

Umso wichtiger ist es, die eigenen Ressourcen ernst zu nehmen. Das ist nicht egoistisch. Im Gegenteil. Wer langfristig für andere da sein möchte, braucht auch Zeit und Raum für sich selbst.

Diese Ressourcen können sehr unterschiedlich aussehen. Für die eine Person sind es Spaziergänge in der Natur, für die andere Gespräche mit Freunden, eine kreative Tätigkeit oder regelmässige Bewegung. Auch Unterstützung aus dem persönlichen Umfeld gehört dazu. Allerdings fällt es vielen Menschen schwer, Hilfe anzunehmen. Sie möchten niemandem zur Last fallen oder glauben, alles allein bewältigen zu müssen.

Gesundheitsförderung beginnt nicht erst dann, wenn die Belastung zu gross wird.

Dabei zeigt die Erfahrung immer wieder: Entlastung verbessert nicht nur den Alltag, sondern stärkt auch die Gesundheit. Manchmal genügt bereits eine kleine Veränderung. Eine Stunde Zeit für sich. Eine Aufgabe, die jemand anderes übernimmt. Ein Gespräch, in dem Sorgen geteilt werden können.

Rückmeldungen von betreuenden Angehörigen, die Unterstützung geholt haben, zeigen: Sie gewinnen viel. Viele berichten nicht nur von weniger Stress, sondern auch von mehr Geduld, mehr Gelassenheit und einer besseren Lebensqualität – für sich selbst und für die Person, die sie begleiten.

Gesund bleiben, um begleiten zu können

Vielleicht liegt darin eine wichtige Botschaft für uns alle. In einer Gesellschaft, die oft auf Leistung und Durchhaltevermögen ausgerichtet ist, wird Selbstfürsorge zu häufig als Nebensache betrachtet. Dabei ist sie eine zentrale Voraussetzung dafür, langfristig gesund und handlungsfähig zu bleiben.

Gesundheitsförderung beginnt nicht erst dann, wenn die Belastung zu gross wird. Sie beginnt früher – mit der Aufmerksamkeit für die eigenen Bedürfnisse, mit kleinen Pausen im Alltag und mit der Bereitschaft, Unterstützung anzunehmen, wenn sie nötig ist.

Wer sich um andere kümmert, verdient Anerkennung. Und ebenso verdient er oder sie die Möglichkeit, gut für sich selbst zu sorgen.

Text Sabine Dobler, Projektleiterin Psychische Gesundheit im Alter, Gesundheitsförderung Schweiz

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Vorheriger Artikel Psychische Gesundheit geht uns alle an
Nächster Artikel Das unterschätzte Drittel des Lebens: Warum guter Schlaf viel mehr ist als Erholung