Immer mehr Menschen in der Schweiz geraten psychisch unter Druck. Doch vielen fällt es schwer, rechtzeitig Hilfe zu holen. Die Psychotherapeutin Daniela Forrer erklärt, woher das kommt und was man tun kann, bevor es zu viel wird.
Es ist nach 23 Uhr und das Handy leuchtet nach einem hektischen Tag erneut auf. Eine letzte E-Mail, eine letzte Nachricht, ein letzter Blick in die To-do-Liste. Für viele Menschen sind solch stressige Tage keine Ausnahme, sondern Normalzustand. Die Grenzen zwischen Arbeit und Erholung verschwimmen, der Druck steigt und irgendwann merkt man: Der Kopf findet keinen Aus-Knopf mehr. «Psychische Erschöpfung und damit verbundene Erkrankungen betreffen uns alle», ist die Psychotherapeutin Daniela Forrer überzeugt. Gemäss dem Nationalen Gesundheitsbericht von 2025 vom Schweizerischen Gesundheitsobservatorium Obsan ist davon auszugehen, dass in der Schweiz 20 bis 40 Prozent der Bevölkerung im Laufe ihres Lebens einmal die Kriterien einer Depression erfüllen und rund jede vierte Person in ihrem Leben von einer Angststörung betroffen ist. «Diese Zahlen zeigen eindeutig, dass psychische Erkrankungen ein zentrales Gesundheitsthema sind. Die Wahrscheinlichkeit, dass wir alle früher oder später mit dem Thema in Kontakt kommen – bei uns selbst oder durch eine nahestehende Person – ist enorm hoch», sagt Forrer.
Digitalisierung ist ein Stressfaktor
Angststörungen, Depressionen und Burn-out sind Begriffe, die noch vor einer Generation kaum bekannt waren, heute aber Teil unserer Realität sind. Was lange als persönliches Versagen galt, wird als eine der grössten Gesundheitsherausforderungen unserer Zeit erkannt. Permanente Erreichbarkeit, Reizüberflutung, Leistungsdruck und globale Belastungen haben die Situation in den letzten Jahren verschärft. «Es ist schwierig zu sagen, welche einzelne Komponente die Zunahme psychischer Belastungen am stärksten vorantreibt», erklärt Daniela Forrer. «Für mich ist es die Kombination aus den verschiedenen gesellschaftlichen Entwicklungen.» So führt die Digitalisierung an sich nicht unbedingt zu einer Zunahme psychischer Belastungen, kann jedoch zum Beispiel in Kombination mit Einsamkeit durchaus zu einem Problem werden. «Soziale Kontakte – idealerweise persönliche, spürbare – sind nachweislich wichtig im Umgang mit Veränderungen, Ängsten und herausfordernden Situationen», erklärt Forrer. «Auch die ständige Erreichbarkeit, die mit der Digitalisierung einhergeht, ist ein zusätzlicher Stressfaktor.» Gelingt die Distanzierung und Entspannung im Privatleben nicht, kann dies das psychische Wohlbefinden beeinträchtigen.
Globale Krisen hinterlassen Spuren
Hinzu kommt die grosse Anzahl plötzlicher Veränderungen und entscheidender Ereignisse, die in den letzten Jahren unseren Alltag geprägt haben: die Coronapandemie, Kriege in relativer Nähe, künstliche Intelligenz. Solche Herausforderungen können das Grundgefühl der Sicherheit und Unversehrtheit vor allem auch bei jüngeren Menschen ins Wanken bringen, was die Widerstandsfähigkeit im Umgang mit anspruchsvollen Situationen schwächen kann.
Stressige Zeiten und grössere Herausforderungen gehören zum Leben und können oft gut gemeistert werden, vor allem dann, wenn genügend Ressourcen wie Energie und Unterstützung vorhanden sind. «Solange ein solcher Puffer da ist, sich die Herausforderung bewältigbar anfühlt und die strenge Phase begrenzt ist durch ein absehbares Ende, kann eine Stresssituation grundsätzlich auch produktiv sein», erklärt Forrer.
Stellt sich jedoch ein Gefühl der Überforderung ein, nehmen Ängste überhand oder kommen die Gedanken nicht mehr zur Ruhe und kreisen ständig um Probleme, kann das ein Alarmzeichen sein. Auch körperliche Erschöpfung, plötzliche Abnahme von sportlichen Leistungen, Verspannungen, Schlafstörungen, Lustlosigkeit, Wut, Sinnlosigkeitserleben und unerklärliche Traurigkeit können Anzeichen einer psychischen Belastung sein. Die Folgen sind weitreichend: «Sie verschlechtern nicht nur das mentale Wohlbefinden, sondern haben auch einen Einfluss auf körperliche Symptome wie Magen-Darm-Beschwerden, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Muskelverspannungen und viele mehr», sagt die Psychotherapeutin.
Noch immer ein Tabu
Umso wichtiger ist es, sich frühzeitig Hilfe zu holen. Das fällt nicht allen gleich leicht, stellt Daniela Forrer in ihrer Praxis in Uster fest. «Jüngere Menschen scheinen weniger Scham dabei zu empfinden, sich psychologische Unterstützung zu holen und betrachten dies auch weniger als ein Scheitern», erklärt Forrer. «Anders nehme ich das bei Menschen ab etwa 40 Jahren wahr. Dort scheint das Thema Scham und das Gefühl, es nicht aus eigener Kraft bewältigt zu haben, stärker zu sein.» Oft sei das Gefühl stark, es irgendwie alleine zu schaffen, bis es dann wirklich nicht mehr gehe. «Auch die Suche nach einer passenden Fachperson mit Kapazität kann sich nach einer Hürde anfühlen, wenn ohnehin schon keine Energie vorhanden ist.»
Resilienz bewusst fördern
Verhindern lässt sich eine psychische Erkrankung nicht immer. Aber es gibt Faktoren, die die Resilienz unterstützen können. «Resilienz bezeichnet die Fähigkeit, sehr herausfordernde Situationen gestärkt zu überstehen», erklärt Forrer. Um resilienter zu werden, kann es helfen, im Alltag die Achtsamkeit zu fördern und das Leben und Erlebte bewusst zu reflektieren: «Das kann stärken, indem man realisiert, dass schwierige Situationen vorbeigehen und dass man schon andere schwierige Situationen überstanden hat.» Laut der Psychotherapeutin hilft es ebenfalls, den Fokus darauf zu legen, was veränderbar ist und dort aktiv zu werden, und gleichzeitig zu üben, Dinge ruhen zu lassen, die unveränderbar sind. Ebenso fördern regelmässiger Schlaf, gesunde Ernährung, Yoga, Tagebuchschreiben und Bewegung in der Natur die mentale Gesundheit. Auch das Pflegen sozialer Kontakte und Freundschaften ist wertvoll, weil das das Wissen stärkt, dass man in einem Krisenfall nicht alleine dasteht.
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