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Der Wettbewerb um KI entscheidet sich auch im Stromnetz

08.07.2026
von SMA

Andreas Schierenbeck, CEO von Hitachi Energy, über den grössten Infrastrukturumbau seit Generationen, den Stromhunger der künstlichen Intelligenz und die Rolle Europas im Zeitalter der Elektrifizierung.

Andreas SchierenbeckCEO Hitachi Energy

Andreas Schierenbeck
CEO Hitachi Energy

Herr Schierenbeck, Europa steht vor tiefgreifenden wirtschaftlichen und technologischen Veränderungen. Wird der Kontinent in 25 Jahren noch zu den führenden Industrieregionen der Welt gehören?

Ja, doch das ist kein Selbstläufer. Europa verfügt über hervorragende Unternehmen, Forschungseinrichtungen und Ingenieurkompetenz. Gleichzeitig beobachten wir weltweit einen intensiven Wettbewerb um Investitionen, Technologien und industrielle Wertschöpfung. Ob Europa seine Position behaupten kann, wird wesentlich davon abhängen, wie schnell wir unsere Energieinfrastruktur modernisieren und ausbauen. Die entscheidende Frage lautet: Sind wir schnell genug?

Warum ist das so dringend?

Weil die Nachfrage nach Strom in den kommenden Jahrzehnten massiv steigen wird. Wir elektrifizieren Verkehr, Gebäude und industrielle Prozesse. Gleichzeitig entstehen neue Verbraucher, die es in dieser Grössenordnung bislang nicht gab: Künstliche Intelligenz, Rechenzentren und digitale Infrastruktur benötigen enorme Mengen an Energie. Die Internationale Energieagentur erwartet einen deutlichen Anstieg des weltweiten Strombedarfs in den kommenden Jahren. Diese Entwicklung wird vielerorts noch unterschätzt.

Ist KI tatsächlich ein so grosser Energiefaktor?

Absolut. Viele Menschen denken bei künstlicher Intelligenz zuerst an Software oder Chips. Tatsächlich beginnt KI bei der Energieversorgung. Moderne Rechenzentren benötigen gewaltige Mengen an Strom. Einige Anlagen verbrauchen inzwischen so viel Energie wie mittelgrosse Städte. Deshalb sage ich oft: Ohne leistungsfähige Stromnetze gibt es keine KI.

Gleichzeitig wird KI längst nicht mehr nur in Rechenzentren eingesetzt. Wir sehen ihren Einsatz zunehmend in industriellen Anwendungen – etwa im Maschinenbau, in der Fertigung, in der Logistik oder bei der Steuerung komplexer Produktionsprozesse. KI hilft dabei, Anlagen effizienter zu betreiben, Wartungszyklen vorherzusagen oder Energieverbräuche zu optimieren. Dadurch wird sie zu einem wichtigen Treiber der industriellen Transformation.

Der globale Wettbewerb um künstliche Intelligenz wird deshalb nicht allein in Forschungslaboren entschieden. Er entscheidet sich ebenso in Fabriken, Produktionshallen und letztlich beim Ausbau der Energieinfrastruktur, die all das ermöglicht.

Europa diskutiert derzeit vielerorts über neue Rechenzentren. Was sagen Sie dazu, dass sich mancherorts Widerstand regt?

Das ist verständlich. Menschen sehen den steigenden Energieverbrauch und fragen sich, ob unsere Infrastruktur dafür ausreicht. Hinzu kommen Fragen des Ressourcenverbrauchs, beispielsweise beim Wasserbedarf für Kühlungssysteme. Solche Fragen müssen ernst genommen werden.

Unsere Antwort kann aber nicht sein, Innovation zu verhindern. Vielmehr müssen wir Infrastruktur und Nachhaltigkeit gemeinsam denken. Wenn Europa die Voraussetzungen nicht schafft, werden Investitionen künftig verstärkt in Regionen fliessen, die ihre Energie- und Netzkapazitäten konsequenter ausbauen. China, Indien und Teile der USA investieren bereits heute mit hohem Tempo.

Wer Versorgungssicherheit, Wettbewerbsfähigkeit und Klimaschutz gleichzeitig erreichen will, braucht einen langen Atem und verlässliche Rahmenbedingungen. Ein enger Austausch zwischen Politik und Wirtschaft ist dabei entscheidend– Andreas Schierenbeck, CEO Hitachi Energy

Droht Europa wirtschaftlich zurückzufallen?

Ja, diese Gefahr besteht. Wer heute keine ausreichenden Energie- und Netzkapazitäten schafft, wird morgen keine neuen Industrien anziehen. Das betrifft KI ebenso wie Batteriefabriken, Rechenzentren oder Wasserstoffprojekte. Europa hat hervorragende Unternehmen und eine starke industrielle Basis. Entscheidend ist aber, ob daraus Investitionen entstehen. Unternehmen investieren dort, wo Energie verfügbar, bezahlbar und verlässlich ist.

Energiepolitik entscheidet heute über technologische Führungsfähigkeit, Investitionen, Arbeitsplätze und Wohlstand. Wer diese Grundlagen stärkt, schafft die Voraussetzungen für Wachstum. Wer zu lange wartet, verliert an Attraktivität.

Viele Menschen verbinden Energiewende vor allem mit Windrädern und Solaranlagen. Reicht das?

Nein. Die Erzeugung von Energie ist nur die eine Seite. Strom muss auch transportiert, verteilt und gespeichert werden. Genau hier liegt die eigentliche Herausforderung. Ein modernes Energiesystem benötigt leistungsfähige Netze, intelligente Steuerung und neue Speicherlösungen. Der Ausbau der Netzinfrastruktur – auch um die Stromversorgung resilienter zu machen – wird in den kommenden Jahren mindestens so wichtig sein wie der Ausbau der erneuerbaren Energien selbst.

Wie gross ist dieser Umbau?

Historisch betrachtet ist er enorm. Unsere Stromnetze wurden ursprünglich für eine Welt gebaut, in der Strom überwiegend zentral erzeugt und anschliessend verteilt wurde. Heute wird Energie dezentral erzeugt, beispielsweise durch Wind- und Solaranlagen. Gleichzeitig entstehen neue Lastzentren durch Elektromobilität, grosse Rechenzentren oder Wärmepumpen.

Dadurch werden die Systeme deutlich komplexer. Wir sprechen über Millionen zusätzlicher Datenpunkte, neue Stromflüsse und eine wesentlich höhere Dynamik im Netz. Es ist einer der grössten Infrastrukturumbauten unserer Zeit.

Was bedeutet das konkret für Unternehmen wie Hitachi Energy?

Unsere Aufgabe besteht darin, die Infrastruktur bereitzustellen, die diese Transformation ermöglicht. Dazu zählen Transformatoren, Schaltanlagen, Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragungs-Systeme, digitale Netzsteuerung, Batteriespeicher und viele weitere Technologien.

Vereinfacht gesagt: Wir bauen die Verbindungen zwischen der Energieerzeugung der Zukunft und den Verbrauchern von morgen.

Infrastrukturprojekte gelten vielerorts als langwierig. Wird Europa schnell genug sein?

Europa hat erkannt, dass Geschwindigkeit zu einem entscheidenden Wettbewerbsfaktor geworden ist. Dennoch dauern Genehmigungs- und Planungsverfahren häufig noch zu lange. Während wir diskutieren, bauen andere Regionen bereits.

Für die Energiewende ist Zeit inzwischen eine ebenso wichtige Ressource wie Kapital. Infrastruktur muss heute für den Bedarf von morgen geplant werden und nicht für den Bedarf von gestern.

Hitachi Energy hat kürzlich den Standort für einen neuen Campus in der Schweiz bekannt gegeben. Warum ist dieses Projekt für das Unternehmen so wichtig?

Die Schweiz ist seit mehr als 130 Jahren ein zentraler Innovationsstandort für unser Unternehmen. Viele Technologien, die unsere moderne Energiewirtschaft geprägt haben, wurden hier entwickelt.

Mit dem neuen Campus investieren wir gezielt in die Zukunft: Forschung, Entwicklung und Produktion werden künftig noch enger zusammenarbeiten. Dies wird Innovationen beschleunigen und unsere Fähigkeit stärken, Kunden in Europa und weltweit bei der Modernisierung ihrer Energiesysteme noch besser zu unterstützen.

Der Campus ist deshalb weit mehr als ein neues Gebäude. Er ist ein klares Bekenntnis zum Standort Schweiz und zur nächsten Phase der globalen Elektrifizierung.

Wie sieht die Energieversorgung Europas in 25 Jahren aus?

Sie wird deutlich elektrischer, digitaler und stärker vernetzt sein. Erneuerbare Energien werden eine noch grössere Rolle spielen. Gleichzeitig werden grenzüberschreitende Stromverbindungen wichtiger werden.

Denn: Energie wird dort erzeugt, wo sie besonders effizient produziert werden kann, und dorthin transportiert, wo sie benötigt wird. Dafür braucht es intelligente Netze, moderne Übertragungstechnologien und eine Infrastruktur, die über nationale Grenzen hinausdenkt.

Wenn Sie einen Wunsch an die Politik frei hätten – welcher wäre das?

Planbarkeit. Energieinfrastruktur entsteht nicht in Wahlperioden, sondern über Jahrzehnte. Unternehmen investieren Milliardenbeträge auf Basis langfristiger Entscheidungen.

Wer Versorgungssicherheit, Wettbewerbsfähigkeit und Klimaschutz gleichzeitig erreichen will, braucht einen langen Atem und verlässliche Rahmenbedingungen. Ein enger Austausch zwischen Politik und Wirtschaft ist dabei entscheidend.

Zum Schluss: Sind Sie optimistisch?

Ja. Die gute Nachricht lautet: Die Technologien existieren bereits. Wir wissen, wie klimafreundliche Energie erzeugt, transportiert und intelligent genutzt werden kann.

Die eigentliche Herausforderung besteht darin, Geschwindigkeit zu gewinnen. Wenn Europa diese Herausforderung annimmt, können wir zu den Gewinnern dieses Jahrhunderts gehören. Wenn nicht, werden andere Regionen die industrielle und digitale Zukunft prägen. Aber – Sie haben mich ja gefragt: Ich bin und bleibe Optimist!

Weitere Informationen unter:
hitachienergy.com

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