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«Netzbetreiber müssen ihr Netz zunehmend aktiv beobachten, bewerten und steuern»

06.07.2026
von SMA

Die Herausforderungen im Niederspannungsnetz nehmen für Verteilnetzbetreiber und Energieversorger zu. Adrian Toller, CEO von Swistec Systems AG, über intelligente Steuerung, mehr Netztransparenz und ein entspanntes Lastmanagement. 

Adrian TollerCEO

Adrian Toller
CEO

Herr Toller, die dezentrale Energieerzeugung fordert das Netz. Was bedeutet das für Netzbetreiber und Energieversorger?

Die Niederspannungsnetze werden deutlich dynamischer. Früher floss Energie weitgehend planbar von zentralen Kraftwerken zu den Verbraucherinnen und Verbrauchern. Heute kommen Photovoltaik, Windenergie, Elektromobilität, Wärmepumpen und Batteriespeicher hinzu. Dadurch verändern sich Lastflüsse, Spannungen und Einspeisungen viel schneller als früher. Für Netzbetreiber bedeutet das: Sie müssen ihr Netz nicht nur zuverlässig betreiben, sondern es zunehmend aktiv beobachten, bewerten und steuern. Genau hier liegt der Schlüssel. Wir brauchen mehr Transparenz im Niederspannungsnetz, damit Investitionen gezielt erfolgen und bestehende Kapazitäten besser genutzt werden können.

Wie können Echtzeitdaten, Lasten oder Netzzustände denn schnell und verlässlich erfasst werden?

Entscheidend ist, dass relevante Messwerte dort erfasst werden, wo die Veränderung stattfindet: in Trafostationen, in Strängen, bei Verbrauchern, Erzeugern oder Speichern. Mit SwisMind bündeln wir solche Daten in einer modularen Plattform. Sie erfasst und visualisiert Netz- und Messdaten in Echtzeit, etwa Lasten, Spannungen, Einspeisungen und Netzzustände. Wichtig ist dabei die Offenheit: SwisMind kann verschiedene Messgeräte, Smart-Metering-Plattformen, Leitsysteme und bestehende Rundsteuersysteme anbinden. Netzbetreiber müssen also nicht bei null beginnen, sondern können ihre vorhandene Infrastruktur intelligent erweitern. Und wo keine Echtzeitdaten vorhanden sind, können mithilfe eines digitalen Zwillings die Netzzustände berechnet werden.

Es geht also auch um Transparenz, um Energieeinspeisung und -verbrauch besser steuern und einschätzen zu können?

Ja, Transparenz ist die Grundlage. Was ich nicht sehe, kann ich nicht sinnvoll beurteilen und schon gar nicht gezielt steuern. Viele Niederspannungsnetze wurden historisch nicht für eine laufende, detaillierte Beobachtung gebaut. Gleichzeitig steigen die Anforderungen enorm. SwisMind macht aus einzelnen Datenpunkten ein verständliches Bild des Netzes. Damit werden Lastspitzen, Spannungsprobleme oder kritische Entwicklungen früher sichtbar. Das hilft im Betrieb, aber auch in der Planung: Netzbetreiber können besser entscheiden, wo eine Verstärkung nötig ist und wo intelligente Steuerung genügt.

Entscheidend ist, dass relevante Messwerte dort erfasst werden, wo die Veränderung stattfindet: in Trafostationen, in Strängen, bei Verbrauchern, Erzeugern oder Speichern– Adrian Toller, CEO

Nach dem Sammeln der Daten kommt die Analyse. Was muss diese Analyse leisten?

Daten allein lösen noch kein Netzproblem. Die Analyse muss Zusammenhänge sichtbar machen und aus Messwerten entscheidungsrelevante Informationen ableiten. Es geht darum, Netzzustände einzuordnen, Grenzwerte zu erkennen, Trends zu verstehen und Risiken frühzeitig zu bewerten. Im Idealfall sieht der Netzbetreiber nicht erst, dass ein Problem bereits eingetreten ist, sondern erkennt eine Entwicklung im Voraus. SwisMind unterstützt genau diesen Schritt vom Messen zum Bewerten. Die Plattform schafft damit eine belastbare Grundlage für operative Massnahmen, für Investitionsentscheide und perspektivisch auch für Simulationen und Prognosen über digitale Netzmodelle.

Wie kann intelligentes Lastmanagement helfen, Netzengpässe zu vermeiden und bestehende Netzkapazitäten besser zu nutzen?

Intelligentes Lastmanagement bedeutet, Flexibilitäten gezielt einzusetzen. Nicht jede Last muss immer sofort und gleichzeitig mit voller Leistung laufen. Ladeinfrastrukturen, Wärmepumpen, Boiler, Speicher oder bestimmte Verbraucher können so gesteuert werden, dass Lastspitzen reduziert und kritische Netzsituationen vermieden werden. Das ist besonders wertvoll, weil Netzausbau teuer ist und Zeit braucht. Mit SwisMind können Netzbetreiber Steuerungsmassnahmen gezielt auslösen, Verbraucher und Erzeuger einzeln oder in Gruppen adressieren und dabei verschiedene Kommunikationswege nutzen. So wird aus Transparenz aktives Netzmanagement. Damit folgt SwisMind dem Nova-Prinzip, welches besagt, dass bestehende Stromnetze zunächst so effizient wie möglich genutzt werden sollen, bevor in kostspielige Verstärkungen oder neue Leitungen investiert wird.

Welche Rolle werden in Zukunft zusätzliche Lade- und Speichermöglichkeiten und dezentrale Erzeuger spielen?

Sie werden eine zentrale Rolle spielen. Einerseits erhöhen zusätzliche Ladestationen, Wärmepumpen, Batteriespeicher und PV-Anlagen die Komplexität im Netz. Andererseits bringen sie genau die Flexibilität mit, die ein modernes Energiesystem braucht. Ein Elektroauto ist nicht nur eine zusätzliche Last, ein Speicher ist nicht nur ein neues Betriebsmittel, eine PV-Anlage ist nicht nur eine Einspeisung. Zusammen können diese Elemente helfen, Energie besser lokal zu nutzen und Lasten zeitlich zu verschieben. Voraussetzung ist aber, dass sie sichtbar, bewertbar und steuerbar werden. Ohne intelligente Einbindung bleibt deren Potenzial ungenutzt.

Wie gelingt Verteilnetzbetreibern der Schritt von klassischen Steuerungssystemen hin zu einem zukunftsfähigen Smart Grid?

Aus unserer Sicht gelingt dieser Schritt am besten evolutionär, nicht durch einen harten Systembruch. Viele Netzbetreiber verfügen über eine bewährte Rundsteuer-Infrastruktur, die zuverlässig funktioniert und in die viel investiert wurde. SwisMind setzt genau dort an: Bestehende Rundsteuerung kann integriert und mit modernen Smart-Grid-Funktionalitäten erweitert werden. Zusätzlich unterstützt die Plattform verschiedene Übertragungsmedien wie BPL, LWL, Mobilfunk, 450 MHz oder LoRaWAN und bindet Umsysteme über Schnittstellen ein. So entsteht kein isoliertes neues System, sondern eine Brücke von der bestehenden Infrastruktur zum digitalen Netzbetrieb.

Kann man sagen, dass der Erfolg der Energiewende letztlich von der intelligenten Steuerung abhängen wird?

Ja, zumindest wird intelligente Steuerung ein entscheidender Erfolgsfaktor sein. Die Energiewende ist nicht nur eine Frage von mehr Produktion aus erneuerbaren Quellen. Sie ist auch eine Frage der Integration in die Verteilnetze. Wenn Erzeugung, Verbrauch und Speicherung immer dezentraler werden, braucht es ein Netz, das diese Dynamik beherrscht. Dafür müssen wir messen, bewerten und steuern können. SwisMind wurde genau für diese Aufgabe entwickelt: Netztransparenz schaffen, Flexibilitäten nutzbar machen und die Netzstabilität sichern. Die Zukunft der Energieversorgung wird nicht nur durch Kupfer und Transformatoren gebaut, sondern auch durch Daten, intelligente Systeme und gezielte Steuerung.

Interview Rüdiger Schmidt-Sodingen

Weitere Informationen unter:
swistec.ch

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