Die Elektrifizierung des Schwerverkehrs nimmt Fahrt auf. Daniel Meier, Head of Sales & Marketing bei der Evtec AG, erklärt, weshalb massgeschneiderte Ladeinfrastrukturen immer wichtiger werden.

Daniel Meier
Head of Sales & Marketing
Herr Meier, zum Einstieg: Für was steht Evtec und welche Rolle spielt das Unternehmen heute bei der Elektrifizierung des Schwerverkehrs?
Evtec wurde vor 16 Jahren von Elektroingenieuren und einem Produktdesigner gegründet und zählt zu den Pionieren der Elektromobilität in der Schweiz. Am Anfang stand das Schnellladen für Personenwagen im Vordergrund. Mit der zunehmenden Elektrifizierung von Nutzfahrzeugen hat sich unser Fokus jedoch stark erweitert. Heute entwickeln wir vor allem Ladeinfrastrukturlösungen für den Nutzverkehr, also für Lkw- und Busflotten. Bei diesen systemrelevanten Services sind die Anforderungen besonders anspruchsvoll, weil hohe Leistungen, grösste Zuverlässigkeit und eine optimale Integration in bestehende Betriebsabläufe gefragt sind.
Sie sagen, der Umstieg auf elektrisch betriebene Lkw und Busse scheitere oft an der passenden Ladeinfrastruktur in den Depots und an den Logistikrampen. Was heisst das konkret?
Viele Unternehmen verfügen über gewachsene Standorte, die ursprünglich nicht für Elektromobilität ausgelegt wurden. Die Platzverhältnisse sind oft knapp, die Verkehrswege genau definiert und die Logistikprozesse eng getaktet. Zusätzliche Ladesäulen können schnell zum Hindernis werden. Gleichzeitig müssen grosse Energiemengen zuverlässig bereitgestellt werden. Die Herausforderung besteht deshalb darin, Ladeinfrastruktur zu schaffen, ohne den Betrieb einzuschränken.
Wie lässt sich eine Ladeinfrastruktur unter solchen Bedingungen wirtschaftlich realisieren?
Entscheidend ist eine ganzheitliche Planung. Wer Ladeinfrastruktur lediglich als einzelne Ladesäule betrachtet, verschenkt Potenzial. Wir analysieren die Fahrzeugflotten, die Betriebsabläufe, die Ladezeiten und die vorhandene Infrastruktur. Dadurch entstehen Lösungen, die sowohl technisch als auch wirtschaftlich überzeugen und sich später erweitern lassen. In der Kombination mit Photovoltaik und Speicherbatterien bildet die Ladeinfrastruktur ein eigentliches Energienetzwerk, welches dem Nutzfahrzeugbetreiber Versorgungssicherheit und ganz neue Geschäftsmodelle bietet.

Unterflur verbaute Ladeinfrastuktur
Ihre Lösung dafür, wenn der Platz fehlt?
Wir verfolgen bewusst neue Ansätze. Leistungselektronik und Ladepunkte müssen nicht zwingend am selben Ort stehen. Mit unserem modularen System können Komponenten flexibel angeordnet werden. Dadurch bleibt wertvolle Fläche für die eigentlichen Betriebsprozesse erhalten.
Evtec setzt mit Corretto auf ein modulares Gesamtsystem. Warum reicht es heute nicht mehr aus, einfach einzelne Ladesäulen aufzustellen?
Die Anforderungen im Schwerverkehr unterscheiden sich grundlegend von jenen bei Personenwagen. Flottenbetreiber benötigen skalierbare Systeme, die mit dem Fahrzeugbestand wachsen können. Gleichzeitig müssen unterschiedliche Ladeleistungen, Einsatzprofile und dynamische Strompreise berücksichtigt werden. Ein modulares Gesamtsystem ermöglicht genau diese Flexibilität. Es schafft die Grundlage, um Investitionen schrittweise auszubauen und dennoch jederzeit die notwendige Leistung bereitzustellen.
Ein wesentliches Merkmal Ihrer Lösung ist die flexible Platzierung der Hardware über Charging-Bridges, Unterflurlösungen oder sogar Tunnelanlagen. Welche Vorteile bietet dieser Ansatz?
Der grösste Vorteil ist die optimale Nutzung des vorhandenen Raums. Ladeinfrastruktur wird dort integriert, wo sie den Betrieb am wenigsten beeinträchtigt. Fahrzeuge können ihre gewohnten Fahrwege beibehalten, Rangierflächen bleiben frei und die Sicherheit auf dem Areal wird erhöht. Gerade bei Logistikzentren oder Busdepots in der dicht besiedelten Schweiz ist dies ein entscheidender Vorteil.
Wie gelingt es, Ladeinfrastruktur so zu planen und zu installieren, dass die laufenden Logistikprozesse nicht gestört werden?
Dafür braucht es eine enge Zusammenarbeit mit den Betreibern. Wir analysieren die Abläufe vor Ort sehr genau und entwickeln die Infrastruktur entlang dieser Prozesse. Das Ziel lautet immer: Die Fahrzeuge sollen geladen werden können, ohne dass dadurch zusätzliche Komplexität oder Verzögerungen im Betrieb entstehen und, damit die Gesamtkosten optimiert werden können.
Die Fahrzeuge sollen geladen werden können, ohne dass dadurch zusätzliche Komplexität oder Verzögerungen im Betrieb entstehen und, damit die Gesamtkosten optimiert werden könnenDaniel Meier, Head of Sales & Marketing
Wie stellt Evtec sicher, dass Systeme mit wachsenden Flotten von E-Lkw und E-Bussen mitwachsen können?
Skalierbarkeit gehört zu den zentralen Anforderungen moderner Ladeinfrastruktur. Niemand weiss heute exakt, wie schnell die Elektrifizierung in den einzelnen Branchen voranschreiten wird. Deshalb müssen Systeme modular aufgebaut sein. Unsere Lösungen erlauben es, zusätzliche Ladepunkte und Leistungsmodule schrittweise zu ergänzen, ohne bestehende Anlagen ersetzen zu müssen.
Gerade im Schwerverkehr kann ein Ausfall erhebliche Kosten verursachen. Wie wichtig sind Zuverlässigkeit und Betriebssicherheit?
Sie sind entscheidend. Wenn ein Lastwagen oder ein Bus nicht geladen werden kann, hat das unmittelbare Auswirkungen auf den Betrieb. Deshalb legen wir grossen Wert auf redundante Systeme, hohe Verfügbarkeit und schnelle Serviceleistungen. Ladeinfrastruktur wird zu einer kritischen Betriebsinfrastruktur.
Warum ist der Produktions- und Supportstandort Schweiz ein wirtschaftlicher Vorteil?
Ein zentraler Standort in der Schweiz schafft vor allem Verlässlichkeit und Geschwindigkeit im gesamten Kundenprozess. Kurze Wege zwischen Entwicklung, Produktion und Support reduzieren Reaktionszeiten deutlich – sowohl bei der Umsetzung neuer Projekte als auch im Servicefall. Dadurch lassen sich Anliegen schneller klären, Anpassungen effizienter umsetzen und Ausfälle im besten Fall minimieren. Hinzu kommt die räumliche und organisatorische Nähe der verschiedenen Kompetenzen. Wenn Technik, Produktion und Support eng zusammenarbeiten, werden Abstimmungsprozesse einfacher und direkter, was die Qualität der Lösungen erhöht und Schnittstellenprobleme reduziert.
Für Kunden bedeutet das ein hohes Mass an Sicherheit: Sie wissen, dass sie im Bedarfsfall direkt auf lokale Ansprechpartner zählen können, ohne lange Kommunikationswege oder internationale Abhängigkeiten. Gerade bei kritischen Anwendungen oder Infrastrukturprojekten ist diese unmittelbare Erreichbarkeit ein entscheidender wirtschaftlicher Vorteil, weil sie Risiken senkt und Betriebssicherheit erhöht.
Ein Blick nach vorne: Wie wird sich die Elektrifizierung des Schwerverkehrs entwickeln?
Die Entwicklung hin zum elektrischen Schwerverkehr gewinnt in vielen Bereichen spürbar an Tempo. Besonders im öffentlichen Verkehr und bei städtischen Flotten sind bereits klare Fortschritte sichtbar, während im Gütertransport laufend neue Projekte und Lösungen hinzukommen. Parallel dazu entstehen zusätzliche Einsatzmöglichkeiten, etwa im Bauwesen, in der Landwirtschaft oder bei Spezialfahrzeugen.
Technologisch wird die Dynamik durch neue Ladesysteme und Konzepte weiter verstärkt. Dazu gehören unter anderem sehr leistungsstarke Schnellladelösungen sowie Systeme, die Fahrzeuge während der Fahrt oder im Betrieb mit Energie versorgen können. Damit sich diese Technologien breit durchsetzen, braucht es jedoch ein Zusammenspiel von Netzausbau, Investitionen in Infrastruktur und verlässlichen politischen Rahmenbedingungen. Erst dann kann sich der Wandel in der gesamten Branche stabil verankern.
… dann wird in zehn Jahren praktisch der gesamte Schwerverkehr elektrisch unterwegs sein?
Wir befinden uns erst ganz am Anfang der Skalierungsphase der professionellen E-Mobilität. In den nächsten Jahren wird sich der Umstieg beschleunigen. Der politische Wille zur Dekarbonisierung, die wirtschaftlichen Anreize und der technologische Reifegrad der Lösungen sind durchwegs vorhanden. Einzelne Segmente gehen schneller voran als andere. Andere Bereiche werden aufgrund hoher Lasten, langer Distanzen oder spezieller Einsatzbedingungen noch etwas länger bei herkömmlichen Antrieben bleiben.
Der Aufbau der nötigen Lade- und Versorgungsinfrastruktur benötigt Zeit und hängt stark von Investitionszyklen ab. Auch die Fahrzeugflotten erneuern sich nicht gleichzeitig, sondern über viele Jahre hinweg. Deshalb wird sich die Elektrifizierung zwar klar durchsetzen, aber in einem gestaffelten Prozess, der sich eher über mehrere Phasen erstrecken wird.
Weitere Informationen unter:
evtec.ch

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