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«Durch die Branche wird ein Raunen gehen»

23.07.2026
von SMA

Die Idee ist wohl so alt wie die Menschheit: Wenn Menschen Stärken aus unterschiedlichen Bereichen mitbringen und diese bündeln, kann Grosses entstehen. Diese Innovationskraft ist es, die sich nun auch drei Unternehmen aus der Energiebranche zunutze machen. Das Dreieck zwischen Emmen, Romanshorn und Wien bringt wohl bald eine Lösung für die Immobilien-, Industrie- und Logistikbranche hervor, die es so noch nicht gegeben hat. Energy-Control-Geschäftsführer Markus Reich ist die Freude darauf anzumerken.

Markus ReichGeschäftsführer

Markus Reich
Geschäftsführer

Herr Reich, was ist Energy Control und wie funktioniert es?

Energy Control ist ein ganzheitliches Energie- und Lastmanagementsystem, das die elektrischen und thermischen Energieflüsse so steuert, dass der selbst produzierte Solarstrom möglichst optimal genutzt wird: Entweder wird er im eigenen Gebäude selbst verbraucht oder dann möglichst gewinnbringend verkauft. Einsetzen lässt sich Energy Control in grösseren Gebäuden und Überbauungen sowie in Industrie- und Logistikbetrieben. Das System ist auch für die Eigenverbrauchsoptimierung und Datensammlung innerhalb von ZEV-, vZEV- und LEG-Anwendungen ideal geeignet.

Die Nutzenden behalten auf der Gratis-App die Übersicht über die Solarproduktion des Gebäudes und den eigenen Verbrauch von Strom, Wärme und Wasser. Ziel ist unter anderem, die Nutzenden für einen sparsamen Umgang mit Energie zu sensibilisieren. Auf diese Weise erhalten beispielsweise die Bewohnenden eines Mehrfamilienhauses Informationen zu Solarüberschuss und können auf dieser Basis den Zeitpunkt festlegen, zu dem sie den Backofen oder die Waschmaschine einschalten. Dabei beziehen sie den Solarstrom mindestens 20 Prozent günstiger als den Strom vom Elektrizitätswerk.

Wie kann das Energy Control im industriellen Umfeld eingesetzt werden?

Das Energy Control wurde explizit für Anwendungen, wie sie in der Industrie und der Logistik vorkommen, entwickelt: Es beruht auf industrieerprobter, langlebiger Hardware und kann sämtliche Schnittstellen im Bereich Industrieautomation integrieren. Die Anwendungsbereiche in diesem Umfeld sind enorm: Beispielsweise verfügen die Industrie und die Logistikbetriebe über sehr grosse Hallendächer und Areale, auf denen viel Solarenergie produziert werden kann. Oft wird diese Energie aber nicht dann benötigt, wenn sie produziert wird, und muss deshalb in grossen Batterien zwischengespeichert werden. Die gespeicherte Energie nutzen die Unternehmen anschliessend, um am Abend oder in der Nacht ihre elektrischen Lastwagen zu laden, die tagsüber auf der Strasse sind. Auch können vollautomatische Industrieanlagen durch das Energy Control angesteuert werden, um die Anlagen dann zu betreiben, wenn der eigene Solarstrom verfügbar ist.

Können auch Fahrer:innen von Elektroautos von Energy Control profitieren?

Ja, die E-Mobilität wird in unserem System neben der Wärmeerzeugung sehr hoch gewichtet. Über die App können beispielsweise die Bewohnenden eines Mehrfamilienhauses festlegen, wann das eigene Auto laden soll: ausschliesslich, wenn günstiger und umweltschonender Solarstrom verfügbar ist, oder einfach mit möglichst voller Leistung. Auch Budgetladen kann angewählt werden, da das System für dynamische Tarife vorbereitet ist. In diesem Fall liest es den Zeitbereich aus, in dem der Strom am günstigsten ist, unabhängig davon, ob es sich um selbst produzierten Solarstrom oder um Strom aus dem Netz handelt.

Für die Industrie und Logistikbetriebe stehen ausserdem ein priorisiertes Laden und die umfängliche, voll automatisierte Plattform von Eponet zur Abrechnung zur Verfügung. Bei Vollausbau des Systems können dem Flottenverantwortlichen zusätzlich Vorschläge für den Stromeinkauf der nächsten Tage anhand der voll automatisierten Prognosen durch Optivice.energy gemacht werden.

Welche Rolle spielt Sektorenkopplung für Energy Control?

Dieses Thema ist für uns enorm wichtig. Unser System bietet dafür die ideale Basis, da wir mit allen möglichen Systemen kommunizieren und jederzeit kundenspezifische Funktionen einprogrammieren können. Sektorenkopplung bedeutet, dass verschiedene Energiesektoren miteinander energetisch verbunden werden. Wenn mit Solarenergie zum Beispiel Fahrzeuge geladen, Wasserstoff produziert oder Wärmepumpen betrieben werden, handelt es sich immer um eine Art von Sektorenkopplung. Der Begriff bezeichnet vereinfacht erklärt, dass erzeugte Solarenergie in eine andere Energieform umgewandelt wird, um möglichst effizient genutzt zu werden: Genau dafür wurde Energy Control entwickelt.

Welche Expertise bringen Sie in diesem Bereich mit?

Die Prola Automation AG, welche das Energy Control entwickelt hat, ist seit 40 Jahren in der Automatisierung von Industrieanlagen tätig. Deswegen verfügen wir über viel Erfahrung im Bereich von Automation, Schnittstellen, Regelungstechnik und der Steuerung und Regelung von Energieflüssen.

Auf dem Markt gibt es heute Systeme, die nur das Lastmanagement übernehmen können, also die Steuerung der Ladestationen. Andererseits befinden sich Energiemanagementsysteme auf dem Markt, in die kein Lastmanagement integriert ist. Unser System optimiert in beiden Bereichen. Zusätzlich kann es für Systemdienstleistungen (SDL) mit Swissgrid verwendet werden: Wenn Netzinstabilität droht, kann Swissgrid zum Beispiel eine von Energy Control verwaltete Batterie nutzen, um überflüssigen Strom aus dem Netz zu entnehmen oder dringend benötigten Strom in das Netz einzuspeisen.

Diese steuerungstechnischen Funktionen werden durch die umfangreichen Cloud-Funktionen für Prognose, Abrechnung und Reporting perfekt ergänzt.

In welchem Umfang kann oder muss das betreffende Unternehmen dabei eingreifen?

Grundsätzlich läuft Energy Control vollautomatisch, aber selbstverständlich bestehen Einflussmöglichkeiten durch die Betreiber. So lässt sich beispielsweise einstellen, ob das System ökologisch oder ökonomisch funktionieren soll. Während der ökonomische Betrieb auf einen möglichst grossen Gewinn ausgerichtet ist, hält der ökologische Betrieb den Eigenverbrauch so hoch wie möglich.

Die meisten Unternehmen wählen verständlicherweise den ökonomischen Betrieb, der schlussendlich immer auch ökologisch ist. Der Betrieb generiert Einnahmen aus dem Strom, den er ins Netz einspeist, und sorgt für einen grösseren Anteil der Solarenergie am Strommix im eigenen Gebäude, was den Gewinn maximiert.

Welche weiteren Möglichkeiten bietet Energy Control?

Beispielsweise lässt sich festlegen, welcher Verbraucher bei einem Überschuss zuerst profitiert, etwa die Wärmepumpe oder die Ladestation. Weitere Einflussmöglichkeiten gibt es im Rahmen von priorisiertem Laden. Nutzt ein Unternehmen Elektro-Lkw, kann es zum Beispiel diejenigen Lkw mit voller Leistung laden, die in Kürze wieder auf die Strasse müssen. Die anderen benötigen dadurch mehr Zeit zum Laden, da sie durch die Priorisierung der anderen Lkw mit weniger Leistung geladen werden.

Zusätzlich wird Energy Control in Kürze ein Prognosetool anbieten, welches grossen Betrieben vorhersagen kann, wie viel Strom es an welchen Tagen einkaufen muss oder verkaufen kann.

Dies alles sind enorm wichtige Vorgaben aus Logistik und Industrie, die nur wenige Systeme so umfassend erfüllen können, wie Energy Control das kann.

Das Energy Control wurde explizit für Anwendungen, wie sie in der Industrie und der Logistik vorkommen, entwickelt.– Markus Reich, Geschäftsführer

Energy Control erstellt auch Reportings. Was beinhalten sie und wofür werden sie benötigt?

Der einfachste und wichtigste Report stellt dar, wie viel Energie eine Anlage produziert und wie viel davon das betreibende Unternehmen selbst verbraucht hat. Auch die verkaufte Energiemenge und der entsprechende Verdienst sind darin erkennbar. Weitere Reports ermöglichen Amortisationsberechnungen, die verdeutlichen, wie weit die Amortisation der Solaranlage oder des Batteriespeichers fortgeschritten ist.

Darüber hinaus muss ein grösseres Unternehmen, das Industrieanlagen betreibt oder Immobilienportfolios besitzt, dem Staat gegenüber Rechenschaft über den eigenen Energieverbrauch ablegen. Hierbei muss es zusätzlich nachweisen, welchen Anteil der verbrauchten Energie es selbst produziert hat. Die entsprechenden Reportings kann unser System automatisiert erstellen.

An dieser Stelle sprechen wir über Regularien. Welche Wünsche haben Sie an Politik und Gesellschaft, um das Energie- und Lastmanagement zukunftsfähig zu machen?

Vieles wurde schon getan, wir bewegen uns in die richtige Richtung. Meiner Ansicht nach sollten aber LEGs (lokale Energiegemeinschaften) nicht nur innerhalb einer Gemeinde, sondern über die gesamte Schweiz gebildet werden können. In einer LEG schliessen sich mehrere Gebäude zusammen, um den Solarstrom innerhalb der Gemeinschaft zu verkaufen und zu nutzen. Produziert ein Gebäude einen Energieüberschuss, kann es diesen gewinnbringend an die anderen Gebäude verkaufen. Wenn nun aber eine Firma über mehrere Standorte in der Schweiz verfügt, kann sie die Energie, die sie an einem Standort produziert, nicht an einem anderen Standort irgendwo in der Schweiz nutzen, weil LEGs nur innerhalb einer Gemeinde betrieben werden dürfen.

In Österreich ist das Betreiben von Energiegemeinschaften über das ganze Land möglich. So kann beispielsweise ein Turnverband mit mehreren Hundert Turnhallen auf einem Teil dieser Hallen PV-Anlagen installieren und damit all seine Immobilien im Land mit Strom versorgen. Mit unserem System könnte man nun bei allen Turnhallen die Wärmepumpen oder Ladestationen so steuern, dass der eigene Solarstrom optimal genutzt wird.

Wie sehen Ihre nächsten Ziele mit Energy Control aus?

Momentan arbeiten wir für Logistikbetriebe an einer sehr genauen Stromeinkaufsprognose mit inkludierten Plandaten. Anhand der Wetterprognosen können wir ermitteln, wie viel Strom ein Standort selbst produziert und wie viel Strom am Standort verbraucht werden wird. Zusammen mit den Planungsdaten für die Lkw können wir dem Logistik- oder Industriebetrieb prognostizieren, wie viel Energie er für welchen Tag am Markt einkaufen muss oder verkaufen kann. Wenn wir im Winter so weit sind, wird ein Raunen durch die Branche gehen: Die Nachfrage nach einer solchen Lösung ist sehr hoch und auf dem Markt gibt es meines Wissens und anhand der Kundenaussagen noch keine Lösung dafür.

Energy Control scheint ein hochkomplexes System zu sein. Wie ist es entstanden?

Seit 2019 arbeiten wir an diesem System. Seitdem haben wir das Energiemanagement, das Peak-Shaving, das Lastmanagement, WZU-Funktionen und so weiter stetig weiterentwickelt. Die Funktionalität im Gebäude ist unterdessen auf einem sehr hohen Niveau. Was uns aber gefehlt hat, ist eine umfassende Cloud-Funktionalität mit KI-gestützten Prognosefunktionen, eine E-Mobility-Abrechnungslösung inklusive App, logistikspezifische Lösungen und ein Nutzerportal mit umfangreichen Möglichkeiten. Im letzten Jahr haben wir diese Lücke mit Optivice.energy aus Wien und Eponet aus Romanshorn schliessen können.

Bis Ende des Jahres wird der technische Zusammenschluss der drei Funktionseinheiten abgeschlossen sein. Mit unserem System werden wir dann alles anbieten können, was heute technologisch möglich ist. Damit nehmen wir eine Pionierrolle auf dem Markt ein und können ein Produkt anbieten, das es so noch nicht gibt.

Weitere Informationen unter:
energy-control.ch

Logo Energy Control

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