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Wenn nicht ich, wer dann?

15.07.2026
von SMA

Unsere Gesellschaft steht vor grossen Herausforderungen. Wer Energie- und Umwelttechnik studiert, ist Teil der Lösung.

Prof. Dr. Henrik NordborgStudiengangleiter Erneuerbare Energien und Umwelttechnik an der OST

Prof. Dr. Henrik Nordborg
Studiengangleiter Erneuerbare Energien und Umwelttechnik an der OST

Wir leben heute in einer Welt, die von grossen Widersprüchen und Unsicherheiten geprägt ist. Einerseits werden die negativen Auswirkungen des menschengemachten Klimawandels immer offensichtlicher und die Warnungen der Klimaforscherinnen und -forscher entsprechend dringlicher, was aber keine politischen Konsequenzen zu haben scheint. Andererseits entwickeln sich diejenigen Technologien rasant weiter, die für die Lösung der Klimakrise erforderlich sind. Dürfen wir also hoffen, dass die Technik uns rettet und die Klimakatastrophe ausfällt? Nein, denn Hoffnung allein hat noch nie ein Problem gelöst. Wir haben heute die Möglichkeit, unsere Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen drastisch zu reduzieren. Ob wir die Chance nutzen, ist vor allem eine Frage der Politik.

Fangen wir mit den guten Nachrichten an. Die Fachzeitschrift Science hat das «unaufhaltbare Wachstum der erneuerbaren Energien» zum wissenschaftlichen Durchbruch des Jahres 2025 erkoren.1 Weltweit wurde im vergangenen Jahr zum ersten Mal mehr elektrische Energie aus erneuerbaren Quellen erzeugt als durch Kohlekraft. Der globale Stromverbrauch nahm um 849 TWh zu, was zu 99 Prozent durch Sonnen- und Windenergie gedeckt werden konnte.2 Bemerkenswert ist die Tatsache, dass das Wachstum der Erneuerbaren noch nicht abzuflachen scheint. Stattdessen sehen wir zum ersten Mal, wie fossile Energieträger durch erneuerbare ersetzt werden. Der Grund dafür sind unter anderem die sinkenden Preise für Solarpanels und für Batteriespeicher sowie der schnelle Ausbau der Elektromobilität. Elektroautos haben viele Vorteile und einer davon ist, dass sie mobile Batteriespeicher sind, die dann geladen werden können, wenn der Strom möglichst günstig zu haben ist. Die Internationale Energieagentur (IEA) prognostiziert,3 dass in diesem Jahr 30 Prozent der verkauften Neuwagen elektrisch sein werden. Dies ist eine eindeutig positive Entwicklung, weil Elektroautos nicht nur deutlich effizienter sind, sondern auch leise und emissionsfrei. Eines Tages werden wir uns fragen, wie wir auf die Idee kommen konnten, Verbrennungsmotoren in bewohnten Gebieten zuzulassen.

Erneuerbare Energie ersetzt fossile Quellen

Die oben genannten Trends gelten auch für Europa. Die Grafik zeigt den europäischen Strommix seit dem Jahr 1990.⁴ Noch im Jahr 2000 waren – abgesehen von der Wasserkraft – nur knappe zwei Prozent der europäischen Stromversorgung erneuerbar. Heute ist diese Zahl auf 35 Prozent angestiegen. Der fossile Anteil der Stromversorgung ist im gleichen Zeitraum von 51 auf 28 Prozent geschrumpft. Auch die Atomkraft ist seit dem Jahr 2004 auf dem Rückzug und ein schneller Ausbau ist weder politisch noch technisch möglich. Da der Strombedarf in den nächsten Jahren wegen Rechenzentren, Elektromobilität und Wärmepumpen steigen wird, stellt sich die Frage nicht, ob wir die Erneuerbaren weiter ausbauen wollen, sondern wie schnell wir dies tun können.

Dank des technischen Fortschritts bei den erneuerbaren Energien haben wir heute eine echte Chance, unsere Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen zu beenden, was nicht nur ökologisch, sondern auch wirtschaftlich und geopolitisch sinnvoll wäre. Es stimmt zwar, dass über 80 Prozent des globalen Primärenergieverbrauchs immer noch von fossilen Energieträgern gedeckt wird, aber diese Zahl ist irreführend, da Verbrennungsmotoren sowie Gas- und Dampfturbinen einen schlechten Wirkungsgrad haben. Nur etwa 40 Prozent der fossilen Energie werden tatsächlich genutzt und der Rest verschwindet buchstäblich durch den Schornstein.⁵ Dadurch verursachen die fossilen Brennstoffe nicht nur über 75 Prozent des Klimawandels,⁶ sondern sind auch für Millionen von Todesfällen durch Luftverschmutzung mitverantwortlich.⁷

Die grossen Probleme unserer Zeit wird uns niemand abnehmen. Es ist höchste Zeit, anzupacken.

Widerstand der Fossilbranche

Bei jedem technologischen Durchbruch gibt es Gewinner:innen und Verlierer:innen und Letztere sind meistens nicht bereit, kampflos aufzugeben. Die Einführung von Dampfschiffen hat die Segelschiffe vom Markt verdrängt, aber der Prozess hat über 100 Jahre gedauert. Heute sind wir mit der Situation konfrontiert, dass etwa ein Drittel aller Frachtschiffe fossile Brennstoffe transportieren und im Energiesystem der Zukunft überflüssig wären.⁸ Dazu kommt die restliche fossile Infrastruktur wie Ölplattformen, Pipelines und Raffinerien, die verschwinden würden. Es geht um viel Geld und der Widerstand der Ölfirmen und Ölstaaten ist nachvollziehbar.

Wenn wir aber die katastrophalsten Auswirkungen des Klimawandels vermeiden wollen, sollten wir keine Zeit verlieren. Das Pariser Abkommen aus dem Jahr 2015 wurde von 194 Nationen unterschrieben und ist völkerrechtlich bindend.⁹ Die Weltgemeinschaft hat sich verpflichtet, die Erderwärmung auf deutlich unter 2,0 °C zu begrenzen. Leider ist inzwischen klar, dass eine Begrenzung auf weniger als 1,5 °C nicht mehr realistisch ist und auch das Zwei-Grad-Ziel wird mit geplanten und beschlossenen Massnahmen nicht zu erreichen sein. Wir steuern auf eine Welt zu, die 3 °C wärmer sein wird als vor der Industrialisierung. Für die Schweiz bedeutet dies eine Erwärmung von +4,9 °C.1⁰

Jede Krise beinhaltet auch Chancen. Die Dekarbonisierung des Energiesektors und der Ausbau der erneuerbaren Energien werden – wenn die aktuelle Entwicklung anhält – immer schneller voranschreiten. Jetzt nicht nur als Klimaschutzmassnahme, sondern aus rein wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Überlegungen. Es ergibt keinen Sinn, auf Energieimporte angewiesen zu sein, wenn die Energie im eigenen Land zur Verfügung steht. Die Herausforderung dabei ist nicht die Stromerzeugung, sondern die Speicherung der Energie und die Integration der variablen erneuerbaren Energiequellen in das Stromnetz. Zu diesen Themen wird aktiv an Schweizer Hochschulen geforscht.

Auch die Klimaanpassung wird uns vor neue Herausforderungen stellen. Mit den steigenden Temperaturen wird die Trinkwasserversorgung immer anspruchsvoller werden. Städte müssen so geplant und gebaut werden, dass sie auch an heissen Tagen bewohnbar sind. Ausserdem wird die Kreislaufwirtschaft immer wichtiger werden, da wir uns nicht mehr leisten können, verschwenderisch mit Ressourcen umzugehen.

Grafik zu Stromerzeugung

Teil der Lösung werden

Damit die Energiewende und die Klimaanpassung gelingen, brauchen wir gut ausgebildete Fachkräfte, welche die volle Komplexität des Problems verstehen und systemisch denken und handeln können. Die Studiengänge in Energie- und Umwelttechnik der Schweizer Fachhochschulen bilden Ingenieurinnen und Ingenieure aus, die genau die richtigen Kompetenzen haben, um die Herausforderungen der Zukunft zu meistern. Sie sind auf dem Arbeitsmarkt sehr gefragt und finden gut bezahlte, abwechslungsreiche und sinnstiftende Jobs.11

«Wenn nicht jetzt, wann dann?» lautet der Titel eines Bestsellers des deutschen Physikers Harald Lesch. Heute stellt sich eine weitere Frage: Wenn nicht ich, wer dann? Wenn Probleme hinreichend gross sind, sollten wir nicht davon ausgehen, dass sie von anderen gelöst werden. Es ist höchste Zeit, anzupacken. Wenn man Teil der Energiewende werden will, findet man auf studyprogrammes.ch, der offiziellen Studienplattform von swissuniversities, alle aktuellen Studienangebote im Bereich der Energie- und Umwelttechnik.

Weitere Informationen zum Studiengang Erneuerbare Energien und Umwelttechnik an der OST:
www.ost.ch/eeu

 

 

 

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