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«In der Produktdemo überzeugt fast jedes Tool. Im Alltag zeigt sich, was es wirklich kann»

23.07.2026
von SMA

Der Markt für juristische KI-Recherchetools wächst rasant. Neue Anbieter treten auf, etablierte Verlage bauen ihre Plattformen aus. Für Kanzleien, Rechtsdienste und Gerichte wird die Wahl des passenden Werkzeugs zur Herausforderung. Rechtsanwalt Dr. iur. David Schneeberger erklärt im Interview, weshalb Produktdemos und Testzugänge oft nicht genügen und wie sich eine sonst langwierige Evaluation auf einen konzentrierten Arbeitstag verdichten lässt.

Dr. iur. David Schneeberger
Rechtsanwalt und Partner

Herr Dr. iur. Schneeberger, fast wöchentlich kommen neue KI-Lösungen auf den Markt. Weshalb steht ausgerechnet die juristische Recherche im Fokus?

Weil sie das Fundament jeder juristischen Arbeit ist. Die Recherche ist für uns Juristen ja kein Nebenschauplatz, sondern die Grundlage einer rechtlichen Beurteilung. Gleichzeitig zählt sie zu den ressourcenintensivsten Tätigkeiten im Alltag. KI ersetzt die juristische Bewertung nicht, kann aber den Weg zu relevanten Quellen stark verkürzen.

Wie stark hat sich der Markt verändert?

Sehr stark. Spezialisierte Legal-AI-Anbieter konkurrieren heute mit etablierten Verlagen, die ihrerseits aufrüsten. Die Auswahl ist so gross wie nie.

Bei dieser Auswahl liegt es nahe, sich Produkte zeigen zu lassen und anschliessend per Testzugang zu prüfen. Warum reicht das oft nicht aus?

Eine Produktdemo ist sinnvoll. Der Anbieter zeigt, was sein Tool kann und wo es Mehrwert schafft. Das gibt eine erste Orientierung. Danach erhält die Organisation für ein oder zwei Wochen einen Testzugang. Genau dort beginnt das Problem: Der Test läuft neben dem Tagesgeschäft. Es fehlt an Zeit, klaren Anwendungsfällen und gemeinsamen Kriterien. Jede Person probiert etwas anderes aus oder bleibt bei den gezeigten Funktionen. Häufig kratzt man nur an der Oberfläche. Dann folgt das nächste Tool. Am Ende hat man viel gesehen, aber wenig systematisch verglichen.

Sie haben deshalb einen Evaluationsworkshop entwickelt. Was läuft dort anders?

Wir nehmen uns bewusst einen Tag Zeit. Wir beginnen nicht mit der Software, sondern mit der Organisation. Zuerst klären wir die relevanten Anwendungsfälle, Anforderungen und Bewertungskriterien. Danach testen die Anwender:innen die Tools selbst anhand identischer oder vergleichbarer Praxisfälle. Die Zugänge sind vorbereitet, die Beobachtungen werden laufend festgehalten und am Schluss gemeinsam ausgewertet. So verdichten wir eine sonst oft wochen- oder monatelange Evaluation auf einen konzentrierten Arbeitstag.

Wie breit ist dieser Marktvergleich?

Wir betrachten die wesentlichen Lösungen für die juristische Recherche im Schweizer Markt, etwa Swisslex, Swiss-Noxtua, Omnilex, Silex, Jurata oder Libra. Es ist eine Art Tour de Suisse der KI-Recherche. Am Ende soll niemand befürchten müssen, eine wesentliche Alternative übersehen zu haben.

Sie verstehen sich also als unabhängiger Begleiter?

Genau. Ich kenne den Markt und arbeite regelmässig mit unterschiedlichen Recherchetools. Meine Aufgabe ist es, den Vergleich zu strukturieren, die richtigen Fragen zu stellen und die Resultate einzuordnen. Entscheidend ist nicht meine persönliche Präferenz, sondern die Bewertung anhand gemeinsamer Kriterien und der Erfahrung des Teams. Am Ende kann eine klare Entscheidung für ein Tool stehen. Ebenso möglich ist eine Shortlist von zwei oder drei Lösungen für eine gezielte Pilotphase. Nutzt eine Organisation bereits ein Recherchetool, kann der Workshop auch dieses nachhaltig einordnen. Das Tool-Hopping endet und die Organisation kennt den nächsten Schritt.

Nach welchen Kriterien sollten die Tools beurteilt werden?

Das hängt von der Organisation ab. Zentral sind Qualität und Nachvollziehbarkeit der Ergebnisse, die Abdeckung relevanter Rechtsquellen, die Einbindung in eigene Arbeitsprozesse und IT-Architektur, Datenschutz, Amts- und Berufsgeheimnis sowie die Kostenmodelle. Hinzu kommen Zusatzfunktionen wie Dokumentenanalyse oder Drafting, soweit sie die Kaufentscheidung beeinflussen. Wir starten mit einem belastbaren Kriterienraster und schärfen es während der Tests.

Das heisst, die Suche nach dem «besten» Recherchetool führt eigentlich in die Irre?

Ja. Die richtige Frage lautet: Welches Tool passt am besten zu uns? Diese Antwort liefert keine einzelne Produktdemo. Die Organisation muss sie anhand eigener Anwendungsfälle erarbeiten, aber nicht ungeführt und nicht durch zufälliges Ausprobieren. Wer mit klaren Anforderungen und einem vergleichbaren Testaufbau beginnt, behält die Kontrolle über den Investitionsentscheid.

Viele Anwendungen können heute weit mehr als recherchieren.

Das stimmt. Recherchetools entwickeln sich zu Arbeitsplattformen. Dokumentenanalyse, Drafting und Wissensmanagement wachsen zusammen. Der Fokus des Workshops bleibt die juristische Recherche, weil sie eine Kerntätigkeit fast jeder juristischen Organisation ist. Zusatzfunktionen werden berücksichtigt, soweit sie die Kaufentscheidung beeinflussen. Ein Tool kann bei der Recherche ähnlich gut abschneiden wie ein anderes, aber durch bessere Integration, Analysefunktionen oder ein passenderes Preismodell insgesamt überzeugen.

Wird KI die juristische Recherche irgendwann vollständig übernehmen?

Nein. KI wird die Recherche weiter beschleunigen und verbessern. Die juristische Arbeit bleibt die Einordnung, Bewertung und das Treffen fundierter Entscheidungen. Die Technologie verändert die Werkzeuge, nicht die professionelle Verantwortung.

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