transgen-flagge, schatten  silhouetten von menschen auf einer strasse. symbolbild gendysphorie
IStockPhoto/AlxeyPnferov
Diversität Gesellschaft Jugend

Genderdysphorie: Offenheit ist das Allerwichtigste, auch nach dem Coming-out

23.09.2023
von SMA

Ein Junge, der sich gerne in rosaroten Prinzessinnenröcken kleidet oder ein Mädchen, das aufrecht in den Garten pinkelt, sind nicht direkt transgender. Nur eine kleine Minderheit fühlt sich mit ihrem während der Geburt gegebenen Geschlecht unwohl. Doch was soll man tun, wenn das eigene Kind Genderdysphorie hat? Wie sollen Eltern reagieren?

Der amerikanische Schauspieler Elliot Page, bekannt aus Blockbustern wie Inception und X-Men, erzählt in seinen Memoiren Pageboy, dass er schon als Kind zu 100 Prozent sicher war, ein Junge zu sein. Bereits in jungen Jahren spielen Genderfragen also eine Rolle. Je nach Untersuchung stellen sich zwischen 1,2 und 2,7 Prozent der Kinder und Jugendlichen Fragen über ihre eigene Geschlechtsidentität. Doch viele Eltern wissen nicht, wie sie damit umgehen sollen. Genderdysphorie* ist für viele noch Neuland.

Geschlechtsvariantes Verhalten

Das Genderteam der UZ Gent, das einzige Expertisezentrum in Belgien, verzeichnete einen Anstieg von Anmeldungen. Wann ist es notwendig, ein Kind einzuschreiben? «Das kommt auf den jeweiligen Fall an», sagt Kinder- und Jugendpsychologin Maaike Tassyns. «Wir begleiten Kinder ab neun Jahren. Einige Eltern schreiben ihr Kind schon früher ein, denn es gibt eine Warteliste von 18 Monaten. Wenn das eigene Kind deutliche Anhaltspunkte gibt, kann es besser sein, auf Nummer sicherzugehen, statt zu warten, bis die Situation unhaltbar wird.»

Sollen Kinder weniger mit sich selbst kämpfen, müssen wir die Stereotypisierung loslassen. Maaike Tassyns

Wenn die Tochter immer mit Autos spielt oder der Sohn gerne seine Nägel lackiert, muss man nicht gleich in Panik verfallen. «Kinder, die geschlechtsvariantes Verhalten zeigen, haben nicht unbedingt Genderdysphorie», erklärt Tassyns. «Sie verhalten sich einfach nicht so, wie wir es unseren heutigen Gendernormen zufolge erwarten. Mädchen, die fragen, wann sie einen Penis kriegen, sind nicht per se transgender. Bei einem grossen Teil der Kinder kommt es erst später im Leben zum Tragen.»

Tassyns zufolge ist vieles unseren gesellschaftlichen Erwartungen zuzuschreiben: «Kinder bekommen schon sehr früh Geschlechterrollen mit. Mädchen sind ruhig und lieben Frozen, Jungen sind lebhaft und spielen Fussball. Sollen Kinder weniger mit sich selbst kämpfen, müssen wir die Stereotypisierung loslassen. Auch Mädchen können stur und Jungen dürfen sensibel sein. Man kann den Kindern einfach so viel wie möglich anbieten und sehen, wobei sie sich gut fühlen. Welche Spielzeuge wählen sie? Welche Spiele mögen sie?»

Vor der Pubertät haben Kinder durchgehend weniger mit ihrer Geschlechtsidentität zu kämpfen. «Die sekundären Geschlechtsmerkmale haben sich noch nicht ausgebildet», erläutert Tassyns. «Wenn die Pubertät anbricht und Gesichtsbehaarung oder Brüste zu wachsen beginnen, kann dies belasten. Aber in der Pubertät haben einige den Unterschied zwischen ihrem Körper und ihrem Geschlecht akzeptiert.»

Und was, wenn es doch Genderdysphorie ist? Dann ist Aufregung normal, wie Tassyns ausführt: «Bei den Eltern bewegt eine solche Offenbarung viel. Vielleicht haben sie es schon länger geahnt. Für andere kommt es aus heiterem Himmel. Es ist normal, dass man es erst verarbeiten muss. Die Ideen und Träume der Eltern für ihre Kinder werden auf einen Schlag infrage gestellt.»

Und doch ist es wichtig, offen zu kommunizieren. «Man muss dem Kind zuhören und das Ganze nicht als eine Phase abtun», so Tassyns. «Die Familie muss Raum für die Besprechung von Gefühlen schaffen. Gleichzeitig muss man auch ein Stück Realität einbringen. Die geschlechtsbestätigenden oder -angleichenden Massnahmen einer Transition lösen nicht alles. Es ist gut, das Kind erkunden zu lassen, aber man soll nicht Hals über Kopf in einen kompletten sozialen Rollenwechsel übergehen. Die Geschlechtsidentität von jungen Kindern ist oft noch nicht festgelegt.»

"Elfjähriger Junge, der mit einem Elternteil, einem Vormund oder einem Sozialarbeiter spricht."

Bild: IStockPhoto/ClarkandCompany

Auch Eltern von trans Personen pochen auf Offenheit. «Man muss mit dem Kind im Gespräch bleiben und dafür Raum schaffen», sagt Beni Monsecour. Er ist der Vater von Nora Monsecour, auf der der Film Girl basiert und die als erste trans Werbebotschafterin für die Haarpflege-Marke Pantene wirbt. «Das Kind muss sich immer sicher fühlen, auch nach dem Coming-out. Eltern warten manchmal zu lange, um auf die Situation einzugehen, in der Hoffnung, dass es vorbeigehe. Dadurch laufen sie Gefahr, wichtige Stadien des Fürsorgewegs zu verpassen.»

Vorgehensweise nach Mass bei Genderdysphorie

Das Genderteam passt die Massnahmen bei Genderdysphorie den Menschen an. Einige Familien suchen tiefgründige Gespräche mit Sachkundigen der Kinderpsychologie. In anderen Fällen reicht das als Behandlung nicht aus und hormonelle oder chirurgische Massnahmen kommen infrage. Ab der Pubertät stehen Kindern Pubertätsblocker zur Verfügung, die die Produktion von Geschlechtshormonen vermindern. Zuweilen kriegen Jugendliche auch Hormone, um ihren Körper in Übereinstimmung mit ihrer Geschlechtsidentität zu bringen. «Diese Schritte werden nur nach einer langfristigen Begleitung eingeleitet, sowohl der Jugendlichen als auch der ganzen Familie. Man unternimmt solche Schritte auch nur in Zusammenarbeit mit verschiedenen Disziplinen», erklärt Tassyns. «Es gibt keine Standardbehandlung. Man muss nach Mass arbeiten. Jede Lebensgeschichte ist anders.»

Monsecour sieht heute mehr Angst bei Eltern als früher: «Die sozialen Medien spielen da eine Rolle, aber natürlich auch die Kontroverse rund um ‹Wokeism›. Eltern wollen ihre Kinder vor negativen Reaktionen der Aussenwelt beschützen. Das ist verständlich, aber trotzdem ist es wichtig, die Gefühle des Kindes vollständig anzuerkennen.»

Text Tuly Salumu

Smart
fact

Genderdysphorie-Behandlungen in der Schweiz

In der Schweiz gibt es mehrere medizinische Institutionen und Netzwerke, die Beratungen, Massnahmen und weitere Unterstützungsleistungen anbieten – sowohl für gender-dysphore Personen als auch deren Familien. In Spitälern ist ein Termin oftmals aber nur durch Überweisung einer Hausärztin oder eines Hausarztes möglich.

Zum Beispiel findet man beim Transgender Network Switzerland eine Kontakt- und Beratungsstelle sowie eine Fülle an Informationen für trans, intergeschlechtliche oder nicht-binäre Menschen und ihre Angehörigen:

tgns.ch

Die Selbsthilfe Schweiz publiziert eine schweizweite Übersicht von Selbsthilfegruppen zum Thema Transidentität:

selbsthilfeschweiz.ch

Einige Spitäler der Schweiz haben interdisziplinäre Teams zu den Themen Genderdysphorie, Geschlechtervarianz und Transidendität eingerichtet:

Universitätsspital Basel

Kantonsspital St.Gallen

Universitätsspital Zürich


*Eine tiefe Unzufriedenheit mit dem eigenen biologischen Geburtsgeschlecht wird Genderdysphorie genannt. Bei einem transgender Kind stimmt die Geschlechtsidentität nicht mit dem biologischen Geschlecht überein. So kann ein trans Junge bei Geburt als Mädchen registriert werden, er sich aber dem männlichen Geschlecht zugehörig fühlen. Ein nicht-binäres Kind identifiziert sich mit beiden oder keinem der binären Geschlechter Mann und Frau.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Vorheriger Artikel Die Schweiz und ihre bewaffnete Neutralität
Nächster Artikel Wie die Schweiz die Pflegesituation verbessern kann