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Gesundheit

Nachwuchs mit Perspektive

21.04.2026
von Walter Nogueira

Der Fachkräftemangel in der Pflege ist längst mehr als ein politisches Schlagwort. Wer in einem Gesundheitsbetrieb arbeitet, spürt ihn im Alltag: Teams müssen Engpässe abfedern, Behandlungen werden komplexer und Zeit ist oft eine knappe Ressource. Gleichzeitig wächst die Einsicht, dass Ausbildung nicht nur «Nachschub» ist, sondern das Fundament für Qualität, Stabilität und Entwicklung. Wo Ausbildung im Betrieb wirklich gelebt wird, eröffnet der Einstieg ein Berufsfeld, das viele Wege offenlässt.

Bedarf wächst, Druck bleibt

Laut dem Faktenblatt des Bundesamts für Gesundheit zur Entwicklung des Pflege- und Betreuungspersonals arbeiteten 2019 in Schweizer Gesundheitsinstitutionen rund 185 600 Personen im Bereich Pflege und Betreuung, darunter etwa 91 000 diplomierte Pflegefachpersonen sowie rund 59 000 Personen mit Abschluss auf Sekundarstufe II. 45 Prozent des Pflege- und Betreuungspersonals waren in Spitälern und Kliniken tätig, 39 Prozent in Alters- und Pflegeheimen und 17 Prozent in Spitex-Diensten. Gleichzeitig zeigen die Prognosen bis 2029 einen deutlichen Mehrbedarf: plus 14 Prozent im Spitalbereich, plus 26 Prozent in Alters- und Pflegeheimen und plus 19 Prozent bei der Spitex. Rechnet man Pensionierungen und Berufsaustritte dazu, ergibt sich bis 2029 ein Nachwuchsbedarf von rund 43 400 Pflegefachpersonen der Tertiärstufe und 27 100 Personen der Sekundarstufe II.

Auch auf dem Stellenmarkt bleibt der Druck sichtbar: In Online-Stellenausschreibungen gehören Pflegefachpersonen laut Monitoring regelmässig zu den am stärksten nachgefragten Berufsgruppen. Eine weitere Zahl zeigt, warum der Fokus nicht nur auf dem Einstieg liegen kann: Gemäss BAG steigen beim diplomierten Pflegefachpersonal und bei Abschlüssen auf Sekundarstufe II über 40 Prozent im Verlauf des Berufslebens temporär oder definitiv aus dem Beruf aus. Ausbildung ist damit nur die erste Hälfte der Lösung – die zweite heisst Verbleib.

Ausbildungsoffensive und Wege

Mit einer Ausbildungsoffensive als erstem Schritt setzt die Politik mit der Pflegeinitiative gezielt bei zwei Hebeln an. Die Initiative wird in zwei Etappen umgesetzt: Zuerst steht die Ausbildungsoffensive im Zentrum, danach folgen Massnahmen zu Arbeitsbedingungen und beruflicher Entwicklung. Seit dem 1. Juli 2024 ist das Bundesgesetz über die Förderung der Ausbildung im Bereich der Pflege (SR 811.22) in Kraft und auf acht Jahre befristet. Es sieht unter anderem Beiträge an die praktische Ausbildung sowie Instrumente vor, um mehr Abschlüsse auf Tertiärstufe zu ermöglichen.

Ein positiver Blick auf Ausbildung bedeutet nicht, Belastung zu verschweigen. Er bedeutet, sichtbar zu machen, was diesen Beruf so besonders macht.

Für Interessierte bleibt dabei zentral, dass das Schweizer System mehrere Einstiege zulässt. Wer auf Sekundarstufe II startet, kann Berufserfahrung aufbauen und später in höhere Abschlüsse übergehen; wer direkt auf Tertiärstufe einsteigt, hat ebenfalls vielfältige Entwicklungsmöglichkeiten. Die Durchlässigkeit ist hier kein Detail, sondern ein Motivationsfaktor: Man muss im jungen Alter noch nicht wissen, wo man in zehn Jahren stehen will. Entscheidend ist, dass sich Perspektiven öffnen und Entwicklung sichtbar bleibt. 

Lernen im Praxisalltag

Damit Ausbildung als Chance erlebt wird, braucht es mehr als einen Ausbildungsplatz. Entscheidend sind Struktur, Begleitung und eine Lernkultur, die den Alltag aushält. Gute Ausbildung verbindet Theorie und Praxis eng, schafft klare Lernziele, ermöglicht Übungssequenzen ausserhalb der Routine und gibt regelmässig Feedback. Verantwortung wächst Schritt für Schritt: früh genug, damit Selbstvertrauen entsteht, aber nie so, dass Lernende allein gelassen werden. Das senkt die Angst vor Fehlern und stärkt die Fähigkeit, in anspruchsvollen Situationen ruhig zu bleiben, sauber zu kommunizieren und im Team Unterstützung zu holen. Diese «weichen» Kompetenzen sind im Gesundheitswesen keine Nebensache, sondern Teil der Professionalität. Gleichzeitig gilt: Lernen braucht Raum. Wo Ausbildungszeiten geschützt sind, Praxisanleitende Zeit haben und Feedback nicht zwischen Tür und Angel passiert, steigen Qualität und Bindung. Solche Investitionen zahlen sich später in stabilen Teams aus.

Bleiben wird zur Schlüsselaufgabe

Weil Ausstiege und Pensumsreduktionen den Engpass mitprägen, richtet die zweite Etappe der Pflegeinitiative den Fokus auf Arbeitsbedingungen und berufliche Entwicklung. Der Bundesrat hat dazu die Vernehmlassung für das geplante Bundesgesetz über die Arbeitsbedingungen in der Pflege (BGAP) eröffnet. Parallel liefert das Nationale Monitoring Pflegepersonal eine Grundlage, um Entwicklungen nicht nur zu vermuten, sondern über mehrere Jahre zu beobachten: Es sammelt regelmässig Daten zur Situation des Pflegepersonals und wurde zuletzt um zusätzliche Indikatoren wie Skill-Mix und Austrittsrate erweitert. Ein Teil davon ist der Blick auf Stellenausschreibungen, die als Indikator zeigen, wie konstant der Rekrutierungsdruck bleibt.

Warum der Einstieg lohnt

Ein positiver Blick auf Ausbildung bedeutet nicht, Belastung zu verschweigen. Er bedeutet, sichtbar zu machen, was diesen Beruf so besonders macht: Nähe zum Menschen, spürbare Wirkung und die Erfahrung, dass die eigene Arbeit zählt. Wer einsteigt, lernt nicht nur Abläufe, sondern einen Umgang mit Menschen in Ausnahmesituationen und Zusammenarbeit in Teams, die im Alltag zusammenhalten. Gerade die Mischung aus Fachlichkeit und Menschlichkeit macht den Reiz aus und gibt vielen das Gefühl von Sinn. Dazu kommen klare Perspektiven: Wer sich entwickelt, kann Verantwortung übernehmen, sich spezialisieren oder später in Bildung, Qualität oder Koordination wachsen. Ein realistischer Einblick über Schnuppern oder Praktika hilft, herauszufinden, ob diese Form von Arbeit passt. Und wenn Unterstützung, Lernkultur und Perspektiven stimmen, wird aus einem Start eine Laufbahn, die trägt. 

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