Potenzial Patientendaten: Wie »Clinical Data Repositories« die medizinische Datennutzung revolutionieren
Rund 30 Prozent des weltweiten Datenvolumens entstehen im Gesundheitswesen, doch in deutschen Kliniken bleibt ein Großteil davon ungenutzt. Der Grund: Eine zersplitterte IT-Infrastruktur verhindert die sinnvolle Nutzung für Versorgung, Forschung, Qualitätsmanagement und künstliche Intelligenz. Ein Clinical Data Repository (CDR) auf Basis des internationalen FHIR®-Standards bricht diese Silos auf.
Medizinische Daten liegen meist isoliert in proprietären Insellösungen (KIS, LIS, RIS) und zu einem überwiegenden Anteil sogar als unstrukturierte Freitexte vor. Während das für die unmittelbare Patientenbehandlung (Primärnutzung) mühsam funktioniert, blockiert es gleichzeitig die systematische Datenauswertung (Sekundärnutzung).
Hier schafft ein CDR Abhilfe. Ein CDR ist dabei weder passives Langzeitarchiv noch Datenbank im herkömmlichen Sinne. In einem modernen CDR werden Daten an zentraler Stelle gesammelt und dabei gleichzeitig standardisiert und harmonisiert. Insbesondere die Harmonisierung sorgt dafür, dass die Daten untereinander »kompatibel« werden und sich damit ein vollständiger Gesamtblick auf den Patienten ergibt. Dieses Bild kann nicht nur im Rahmen der Sekundärdatennutzung für wissenschaftliche Fragestellungen genutzt werden, sondern es kann direkt in die Primärversorgung der Patienten integriert werden.
Das technologische Rückgrat bildet der Standard HL7 FHIR®. Dieser Standard verbindet ein standardisiertes Informationsmodell mit semantischen Beschreibungen der Inhalte. Das wird über integrierte Terminologieserver erreicht, die voll automatisiert Freitexte verschlagworten und ontologische Beschreibungen liefern. Auf dieser Basis können angeschlossene Expertensysteme zur Entscheidungsunterstützung wertvolle und nachvollziehbare Hinweise für die Behandlung liefern. Das Besondere: Die Daten können auf diese Weise strukturiert generativen KI-Systemen zugeführt werden, die nun hocheffizient Informationen liefern können.
Praxisbeispiele deutscher Spitzenkliniken
Am Universitätsklinikum Essen werden auf Basis von CDR-Daten Scores automatisch berechnet, um beispielsweise ein akutes Nierenversagen frühzeitig zu erkennen. Dieser Prozess ist tief in die Patientenbehandlung integriert.
Am Universitätsklinikum Jena werden Allergien über integrierte Terminologieserver strukturiert und können damit im CDR im Rahmen der Arzneimittel- und Therapiesicherheit genutzt werden. Diese berechnet neben Allergiewarnungen auch Hinweise zu vielen pharmazeutischen Problemen wie Kontraindikationen, Interaktionen, Dosierungen und benutzt dabei patientenindividuelle Parameter bis hin zu genomischen Daten.
In der Charité wird im Rahmen des Transfer-Projektes derzeit ein System entwickelt, welches aus dem CDR heraus die Anästhesisten unterstützt und das Risiko für intraoperative Hypotonien berechnet. Über ein integriertes Expertensystem wird zudem die mögliche Ursache ermittelt und eine geeignete Therapie vorgeschlagen.
Strategische Datensouveränität und KIS-Wechsel
Neben dem medizinischen Nutzen bietet ein CDR enorme wirtschaftliche Vorteile: Es befreit Kliniken aus der Abhängigkeit großer KIS-Hersteller (Vendor-Lock-in). Da die Daten in einem neutralen, offenen Format vorliegen, behält das Krankenhaus die volle Souveränität.
Besonders bei anstehenden Systemwechseln dient das CDR als stabiles Migrations-Backbone: Altdaten werden einmalig im Repository harmonisiert, das Altsystem kann sofort abgeschaltet werden, und Behandler greifen nahtlos über moderne Dashboards auf die gesamte Historie zu.
Fazit: Ein offenes CDR sichert Krankenhäusern ihre digitale Autonomie und schafft die zukunftssichere Infrastruktur für das Zeitalter der künstlichen Intelligenz.
Weitere Informationen unter:
id-berlin.de

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