Pulssynchrones Ohrgeräusch wird oft als Stressfolge verkannt, dabei können Gefäßveränderungen dahinterstecken. Die richtige Diagnose gibt Hoffnung auf gezielte Hilfe.
Es rauscht, zischt oder pocht im Ohr, immer im Rhythmus des eigenen Herzschlags. Tagsüber lässt sich dieser sogenannte pulsatile Tinnitus vielleicht noch überhören, nachts tritt er umso stärker in den Vordergrund. Manche Betroffene schlafen kaum noch, andere ziehen sich zunehmend zurück. Oft wird das Leiden als stressbedingt oder psychosomatisch eingeordnet. Doch dahinter steckt mitunter eine körperliche, behandelbare Ursache: eine Veränderung der Blutgefäße im Schädel, etwa eine Verengung großer venöser Blutleiter. Wird sie erkannt, lässt sie sich gezielt behandeln – mit hoher Chance, dass das Geräusch verschwindet.
Das pulssynchrone Ohrgeräusch unterscheidet sich deutlich vom klassischen Tinnitus: Es folgt exakt dem Herzschlag und tritt meist einseitig auf. Als Auslöser kommen arterielle Veränderungen und krankhafte Verbindungen zwischen Arterien und Venen infrage, die häufigsten intrakraniellen Ursachen sind jedoch Verengungen großer venöser Blutleiter in der Nähe des Felsenbeins – sogenannte Sinusstenosen.
Durch eine Sinusstenose erhöht sich lokal die Geschwindigkeit des Blutstroms, sodass Turbulenzen entstehen. Weil die betroffenen Gefäße dem Felsenbein direkt anliegen, kann das Strömungsgeräusch direkt an das Innenohr weitergeleitet werden – Betroffene hören den eigenen Blutfluss. Ist die knöcherne Abgrenzung zusätzlich ausgedünnt oder weist einen knöchernen Defekt (Dehiszenz) auf, kann sich das Geräusch noch stärker übertragen. Für viele beginnt eine jahrelange Odyssee von Arzt zu Arzt. Studien berichten bei Betroffenen über Schlafstörungen, Depressionen, Angststörungen bis hin zu Suizidgedanken.
Wer den eigenen Puls im Ohr hört, sollte das Geräusch nicht vorschnell als Stresssymptom abtun.
Umso wichtiger ist eine gezielte Abklärung. Ein erster Hinweis auf eine venöse Ursache kann sich bereits bei der Untersuchung ergeben: Schwächt sich das Geräusch ab, wenn die Halsvene auf der betroffenen Seite komprimiert wird, spricht dies für einen Zusammenhang mit dem venösen Blutfluss. Für die weitere Diagnostik sind spezielle MRT- und CT-Aufnahmen erforderlich. Entscheidend ist die enge Zusammenarbeit zwischen HNO-Heilkunde und erfahrener Neuroradiologie.
Bestätigt sich eine relevante Verengung, kommt bei geeigneten Patientinnen und Patienten eine minimalinvasive Behandlung infrage. Über einen Katheter wird ein Stent eingesetzt, der das Gefäß offenhält und die Strömungsverhältnisse normalisiert. Untersuchungen berichten über Erfolgsraten von mehr als 90 Prozent bei Komplikationsraten von unter zwei Prozent.
Derzeit wird in einer klinischen Studie ein speziell für den venösen Einsatz im Schädel entwickeltes Implantat untersucht. Geprüft werden Sicherheit, Leistungsfähigkeit und klinischer Nutzen bei venösen Sinusstenosen im Zusammenhang mit pulsatilem Tinnitus.
Doch schon jetzt ist die Botschaft klar: Wer den eigenen Puls im Ohr hört, sollte das Geräusch nicht vorschnell als Stresssymptom abtun. Dahinter kann eine behandelbare körperliche Ursache stecken – und damit eine echte Perspektive auf Ruhe.
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