»Viele Länder bauen digitale Zähler ein – Deutschland baut eine digitale Infrastruktur«
Ein intelligentes Messsystem ist keine regulatorische Hürde, sondern eine Investition in die langfristige Stabilität und Zukunftsfähigkeit des Energiesystems. Jan-Frederic Graen, Geschäftsführer und Gründer von peerMetering, über die Bedeutung des Smart-Meter-Roll-outs.

Jan-Frederic Graen
Geschäftsführer und Gründer
Herr Graen, die Energiewende braucht eine digitale Infrastruktur. Warum sind intelligente Messsysteme so wichtig?
Die Energiewende wird häufig auf den Ausbau erneuerbarer Erzeugung reduziert. Tatsächlich entsteht die eigentliche Herausforderung aber erst danach: Millionen Wärmepumpen, Elektrofahrzeuge, Batteriespeicher und Photovoltaikanlagen müssen in ein bestehendes Energiesystem integriert werden. Aus einem zentralen Versorgungssystem entsteht ein hochdynamisches Netz mit Millionen dezentralen Akteuren. Damit dieses System stabil funktioniert, braucht es Transparenz und Steuerung. Netzbetreiber müssen wissen, wo Energie verbraucht wird, wo sie eingespeist wird und wo Flexibilitäten gesteuert werden können. Nur auf Basis dieser Informationen lassen sich Netze effizient betreiben und Investitionen gezielt steuern.
Intelligente Messsysteme liefern genau diese Notwendigkeiten. Ohne digitale Messinfrastruktur gibt es keine dynamischen Tarife, keine netzdienliche Steuerung, keine intelligente Integration von Wärmepumpen, kein Mieterstrom und kein Energy-Sharing. Der Smart Meter ist deshalb nicht das Ziel der Digitalisierung – sondern ihre Voraussetzung. Die Energiewende braucht nicht nur neue Energiequellen, sondern auch ein digitales Nervensystem.
Deutschland geht beim Smart-Meter-Roll-out einen besonderen Weg. Warum ist das richtig?
Deutschland hat sich bewusst nicht für einen einfachen digitalen Stromzähler entschieden, sondern für das intelligente Messsystem mit Smart-Meter-Gateway. Dieser Ansatz wirkt auf den ersten Blick komplexer als in vielen europäischen Nachbarländern. Langfristig entsteht dadurch jedoch eine sichere und standardisierte Kommunikationsplattform für die nächsten Jahrzehnte. Das Smart-Meter-Gateway bildet die Grundlage für dynamische Tarife, die Integration steuerbarer Verbrauchseinrichtungen, die Einbindung von Wärmepumpen, Ladeinfrastruktur, Batteriespeichern und zukünftigen Energiedienstleistungen. Viele Länder bauen digitale Zähler ein. Deutschland baut eine digitale Infrastruktur.
Dabei profitieren nicht nur Netzbetreiber und Energieversorger, sondern auch die Endkunden selbst. Mit intelligenten Messsystemen erhalten Verbraucher erstmals die Möglichkeit, aktiv auf Preissignale im Strommarkt zu reagieren und von dynamischen Tarifen zu profitieren. Insbesondere flexible Verbraucher wie Elektrofahrzeuge, Wärmepumpen oder Batteriespeicher können ihren Verbrauch in günstige Zeitfenster verlagern und dadurch Energiekosten reduzieren. Gleichzeitig schaffen digitale Messsysteme Transparenz über den eigenen Energieverbrauch und ermöglichen neue Anwendungen im Bereich Energiemanagement und Eigenverbrauchsoptimierung. Viertelstundengenaue Messwerte bilden die Grundlage für zukünftige Smart-Grid-Anwendungen, Energy-Sharing und intelligente Kundenservices. Ein weiterer Vorteil wird häufig unterschätzt: Die Digitalisierung vereinfacht zahlreiche Prozesse des Alltags. Jahresabrechnungen können auf Basis digital verfügbarer Messwerte deutlich schneller, präziser und kundenfreundlicher abgewickelt werden. Schätzwerte, manuelle Ablesungen und nachträgliche Korrekturen werden zunehmend überflüssig. Das intelligente Messsystem ist deshalb keine regulatorische Hürde, sondern eine Investition in die langfristige Stabilität und Zukunftsfähigkeit unseres Energiesystems – und gleichzeitig in einen transparenteren, flexibleren und kundenfreundlicheren Energiemarkt. Und genau deshalb halten wir den deutschen Weg für richtig.
Wo liegt heute die eigentliche Herausforderung des Roll-outs?
Die vergangenen Jahre des Smart-Meter-Roll-outs waren zunächst geprägt von der Integration eines hochkomplexen Systems in bestehende Prozesse und IT-Landschaften. Netzbetreiber, Messstellenbetreiber, Lieferanten und Hersteller haben in dieser Zeit wertvolle Erfahrungen gesammelt, Marktrollen etabliert und die notwendigen Systeme aufgebaut. Gleichzeitig konzentrierte sich der Roll-out zunächst auf die technisch und organisatorisch einfacheren Einbaufälle. Mit den erreichten Ausbauquoten und den ersten produktiven Erfahrungen im Feld sind viele technische Fragestellungen mittlerweile beantwortet und zahlreiche Prozesse etabliert und erprobt.
Die eigentliche Herausforderung beginnt jetzt: Wie bringen wir diese Infrastruktur wirtschaftlich und skalierbar in die Fläche? Die einfachen Einbaufälle reichen künftig nicht mehr aus. Der Roll-out verlagert sich zunehmend in große Wohnanlagen, Quartiere, Mehrfamilienhäuser und komplexe Gebäudestrukturen. Genau dort entscheidet sich, ob Deutschland seine Ausbauziele erreichen wird. Die Energiewende entscheidet sich nicht im Einfamilienhaus – sie entscheidet sich im Gebäudebestand.
Wir müssen die gewonnenen Erkenntnisse nutzen, den Roll-out weiter beschleunigen und konsequent ins Machen kommen. Die Energiewende wird nicht dadurch erfolgreich, dass wir noch zehn Jahre über den perfekten Weg diskutieren.– Jan-Frederic Graen, Geschäftsführer und Gründer
Welche Rolle spielt peerMetering dabei?
Wir sind überzeugt, dass die Energiewende nur dann erfolgreich sein wird, wenn wir wirklich alle Menschen daran teilhaben lassen können – unabhängig davon, ob sie im Einfamilienhaus auf dem Land oder im Mehrfamilienhaus in der Innenstadt wohnen. Gerade im Gebäudebestand und in großen Wohnanlagen liegt ein enormes Potenzial. Die Energiewende darf nicht an der Gebäudestruktur scheitern. Nur wenn die Digitalisierung die Fläche erreicht, können auch alle Verbraucher von den Vorteilen der Energiewende profitieren – von dynamischen Tarifen über Transparenz beim eigenen Energieverbrauch bis hin zur aktiven Teilnahme an Flexibilitätsmärkten und zukünftigen Smart-Grid-Anwendungen.
Genau dafür haben wir bei peerMetering eine technische Lösung entwickelt. Unsere Kommunikationslösung ermöglicht es Messstellenbetreibern, auch diejenigen Zähler wirtschaftlich zu digitalisieren, die bislang aufgrund komplexer Gebäudestrukturen nur mit hohem Aufwand oder gar nicht erreichbar waren. Dabei können bis zu 30 moderne Messeinrichtungen über ein Smart-Meter-Gateway angebunden werden – vollständig innerhalb des bestehenden intelligenten Messsystems und ohne zusätzliche Parallelstrukturen. Wir verstehen uns deshalb nicht als Alternative zum intelligenten Messsystem, sondern als Beschleuniger seines Roll-outs.
Große Mehrfamilienhäuser gelten als eine der größten Herausforderungen des Smart-Meter-Roll-outs.
Die Herausforderung liegt häufig weniger im einzelnen Zähler als in der Gebäudestruktur selbst. Gerade in größeren Mehrfamilienhäusern, Wohnanlagen oder Quartieren befinden sich die Zähler häufig nicht zentral an einem Ort, sondern verteilt über mehrere Etagen, Treppenhäuser oder sogar direkt in den Wohnungen der Bewohnenden. Die Entfernungen zwischen den einzelnen Messstellen und dem Smart-Meter-Gateway sind dadurch oftmals so groß, dass klassische Kommunikationswege über Verkabelung oder herkömmliche Funklösungen wirtschaftlich oder technisch an ihre Grenzen stoßen.
Wir haben deshalb einen Kommunikationsadapter entwickelt, der sich per Plug and Play direkt mit der modernen Messeinrichtung verbindet und die Daten auch über größere Distanzen innerhalb des Gebäudes sicher an ein zentrales Smart-Meter-Gateway übertragen kann. Dadurch lassen sich erstmals auch komplexe Gebäudestrukturen wirtschaftlich per 1:n-Metering erschließen und mehrere Messstellen über ein gemeinsames Gateway bündeln.
Neben der technischen Herausforderung spielen im Smart Metering allerdings auch regulatorische Anforderungen eine zentrale Rolle. Gerade im Bereich kritischer Infrastrukturen gelten bewusst sehr hohe Anforderungen an Datensicherheit, Interoperabilität und Eichrechtskonformität. Diese Anforderungen erhöhen zwar die Komplexität der Systeme, schaffen aber gleichzeitig die notwendige Grundlage für Vertrauen und Akzeptanz in einer zunehmend digitalisierten Energiewelt. Unsere Technologie wurde deshalb von Anfang an für den Einsatz innerhalb dieses regulierten Umfelds entwickelt und erfüllt die entsprechenden eichrechtlichen und regulatorischen Anforderungen. Die Lösung verfügt über eine PTB-Baumusterprüfbescheinigung und ist bereits heute bei Messstellenbetreibern bundesweit im produktiven Einsatz.
Braucht Deutschland langfristig einen flächendeckenden Smart-Meter-Roll-out?
Ich glaube, die entscheidende Entwicklung wird häufig übersehen: Bis spätestens 2032 müssen die verbleibenden Ferraris-Zähler ohnehin durch moderne Messeinrichtungen ersetzt werden. Damit verfügen wir perspektivisch bereits über eine nahezu flächendeckende digitale Messinfrastruktur im Feld.
Die eigentliche Frage lautet deshalb nicht mehr, ob wir digitalisieren, sondern wie wir die bereits vorhandene Infrastruktur intelligent weiterentwickeln. Denn mit einer modernen Messeinrichtung ist bereits ein wesentlicher Teil des intelligenten Messsystems vorhanden. Ergänzt um ein Smart-Meter-Gateway und wirtschaftliche Kommunikationslösungen lassen sich große Teile dieser Infrastruktur mit vergleichsweise geringem zusätzlichem Aufwand in das intelligente Messsystem überführen. Gerade im Mehrfamilienhaus entstehen dadurch völlig neue Möglichkeiten und unmittelbare Mehrwerte für Verbrauchende. Die Kundschaft hat zunehmend ein berechtigtes Interesse an Transparenz über ihren Energieverbrauch, an dynamischen Tarifen und an der Möglichkeit, aktiv an der Energiewende teilzunehmen.
Aus meiner Sicht spricht deshalb vieles dafür, dass sich das intelligente Messsystem langfristig in Richtung eines deutlich breiteren Roll-outs entwickeln wird.
Die entscheidende Frage lautet nicht, ob wir dorthin kommen. Die entscheidende Frage lautet, wie effizient und wirtschaftlich wir diesen Weg gestalten.
Wir müssen nun die gewonnenen Erkenntnisse nutzen, den Roll-out weiter beschleunigen und konsequent ins Machen kommen.
Weitere Informationen unter:
peermetering.de
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