»Wer seine Liegenschaft einzeln durchrechnet, analysiert am Optimum vorbei«
Klimaneutrale Energiesysteme in Gewerbe und Industrie brauchen eine effiziente und flexible Planung. Wieso präzise Liegenschaftsdaten und ganzheitliche Systeme der Schlüssel zur Energiezukunft sind, erläutert Dr.-Ing. Felix Kullmann, Geschäftsführer von minimum energy.

Dr.-Ing. Felix Kullmann
Geschäftsführer
Herr Dr. Kullmann, welche Bedeutung haben Liegenschaftsdaten, um den Energiebrauch zu verstehen und dann optimieren zu können?
Gute Energieplanung scheitert heute meist schon an der Datengrundlage. Verbräuche, Lastprofile, Dachpotenziale – all das liegt oft verstreut, veraltet oder gar nicht vor und die manuelle Erfassung ist langsam und teuer. Ohne eine präzise Ausgangsbasis bleibt aber jede Optimierung eine Schätzung. Genau hier setzen wir an: minimum energy erfasst die relevanten Liegenschaftsdaten automatisiert. Aus einer Adresse entsteht in kürzester Zeit eine digitale Kopie der Liegenschaft, samt Wetterdaten und wirtschaftlichen Faktoren wie Netzentgelten. Präzise Daten sind die Voraussetzung für eine belastbare technische Auslegung und Wirtschaftlichkeit.
Wie geht es auf Ihrer Plattform dann weiter, wenn ich die Daten habe und eingebe?
Der Einstieg ist bewusst einfach: Man gibt die Adresse ein, und die Plattform zieht sich den Rest selbst – beispielsweise Wetterdaten oder Netzentgelte des verantwortlichen Verteilnetzbetreibers. Zusätzlich haben wir Tools entwickelt, die es ermöglichen, mit unvollständigen Datensätzen eine sehr präzise Abschätzung der fehlenden Daten zu erzeugen – wenn nur Daten zum Netzbezug vorliegen, aber der Bruttostrombedarf der Liegenschaft, zum Beispiel bei bestehender PV-Anlage, unbekannt ist.
Von dieser Basis aus lassen sich mit wenigen Klicks verschiedene Szenarien modellieren – Photovoltaik, Speicher, Wärmepumpe, Ladeinfrastruktur – und auch kurzfristige Kundenwünsche schnell einarbeiten. Am Ende steht ein konkreter Investitions- und Betriebsplan, interaktiv visualisiert.
Eine Liegenschaft ist nicht nur ein einzelner Stromzähler, sondern häufig ein kombiniertes System aus Strom, Wärme und Mobilität.– Dr.-Ing. Felix Kullmann, Geschäftsführer
Die Lösungsoptionen steigen. Wie geht die Plattform mit der Vielzahl von Möglichkeiten um?
Die Zahl der Kombinationen explodiert förmlich: mehrere Technologien, dazu Tarife, Förderprogramme, Regulatorik und unterschiedliche Betriebsstrategien. Mit einer Excel-Tabelle oder einzelnen Insellösungen lässt sich das nicht mehr seriös abbilden – das skaliert nicht und ist fehleranfällig. Wer Assets einzeln rechnet, übersieht das Optimum. Unsere Plattform bewertet deshalb das gesamte Energiesystem auf einmal, ganzheitlich und zugleich kleinteilig genau. Erst so zeigt sich, welche Kombination wirklich die beste ist.
Wie arbeiten Ihre Optimierungs-modelle? Gibt es Faktoren, die stärker gewichtet werden als andere?
Im Kern steckt ein mathematisches Optimierungsmodell, das aus unserer Grundlagenforschung am Forschungszentrum Jülich stammt – wir haben unter anderem Transformationsstrategien für die Bundesregierung gerechnet. Unser Modell optimiert nicht nur die Investition, sondern auch den Betrieb über die gesamte Lebensdauer. Dabei ist die Zielfunktion konfigurierbar: Der Kunde kann selbst gewichten, ob Wirtschaftlichkeit, CO2-Einsparung oder Versorgungssicherheit im Vordergrund steht. Das Modell berücksichtigt unter anderem Flexibilitäten, dynamische Preise, Netztarife oder die Degradation von Speichern. Diese wissenschaftliche Tiefe bleibt für die Nutzenden transparent und steuerbar.

Wie lassen sich die verschiedenen Energieverbräuche für Strom, Wärme und Mobilität koppeln?
Eine Liegenschaft ist nicht nur ein einzelner Stromzähler, sondern häufig ein kombiniertes System aus Strom, Wärme und Mobilität. Betrachtet man diese Bereiche gemeinsam, entstehen Synergien: Ein PV-Überschuss kann die Wärmepumpe speisen, das E-Auto laden oder in den Speicher fließen und Lasten lassen sich gezielt verschieben. Plant man die Sektoren getrennt, verschenkt man genau diese Flexibilität – und trifft unwirtschaftliche Entscheidungen. Eine Liegenschaft rechnet sich erst dann richtig, wenn man sie als Ganzes denkt.
Wer seine Liegenschaft aktiv steuert, profitiert – Passivität wird teurer. Am deutlichsten sehen wir das aktuell bei Gewerbe- und Industriekunden, die in Batteriespeicher investieren.– Dr.-Ing. Felix Kullmann, Geschäftsführer
Das Ziel Ihrer Plattform ist eine Senkung der Kosten, aber auch eine Senkung des Energieverbrauchs im Sinne der Energiewende. Wird aus dem »Testen« und »Eingeben« also auch ein »Verstehen« dieser Energiewende für Gewerbe und Industrie?
Für uns gehört beides zusammen. Durch die intelligente Nutzung von Flexibilität, dynamischen Tarifen und Netzentgelten lassen sich Energiekosten senken und Strom oder Wärme effektiver einsetzen. Und ja, aus dem reinen Durchrechnen von Szenarien wird tatsächlich ein Verständnis dafür, was sich für eine konkrete Liegenschaft lohnt, wann und warum. Mir ist auch ganz wichtig zu betonen, dass wir mit unserem Tool keinesfalls eine Glaskugel schaffen wollen, die zukünftige Entwicklungen vorhersagt. Vielmehr ist unser Anspruch, einen Werkzeugkasten zu entwickeln, mit dem unterschiedliche Zukunftsszenarien analysiert werden können. Wir visualisieren transparent alle Eingabedaten und Annahmen, sodass jedes Optimierungsergebnis nachvollziehbar ist und so eine Faktengrundlage schafft, auf der valide Entscheidungen für Investitionen getroffen werden können.
Mit welchen Preisdynamiken rechnen Sie in den nächsten Jahren?
Wir rechnen kurzfristig mit deutlich mehr Dynamik: volatilere Strompreise, mehr dynamische Tarife, zeitvariable Netzentgelte und mehr Steuerbarkeit – Stichwort §14a EnWG –, dazu Solarspitzengesetz, MiSpeL und Direktvermarktung. Sobald immer mehr Endverbraucher und Netzbetreiber Flexibilitäten aufgebaut haben, wird diese Dynamik auch wieder abnehmen. Das ist eine große Chance für alle, die sich frühzeitig beispielsweise für einen Speicher entscheiden. Je höher die Volatilität, desto größer die Margen/Einsparungen für diejenigen, die im Besitz von Flexibilitäten sind.
Wer sich aktiv um seine Liegenschaft und deren Daten kümmert, wird also weiterhin belohnt werden?
Eindeutig ja. Flexibilität und aktives Energiemanagement werden künftig noch stärker belohnt. Wer seine Liegenschaft aktiv steuert, profitiert – Passivität wird teurer. Am deutlichsten sehen wir das aktuell bei Gewerbe- und Industriekunden, die in Batteriespeicher investieren. Voraussetzung ist allerdings, dass der Speicher optimal geplant und dimensioniert ist – genau darauf ist unsere Software ausgelegt. Mein Rat ist, jetzt zu handeln: Wer eine saubere Datenbasis schafft und die Systeme von Anfang an ganzheitlich plant, verhindert »stranded investments« oder ungenutztes Potenzial.
Weitere Informationen unter:
minimum.energy

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