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Bildung

Vikariat zwischen Notlösung und Qualitätsanspruch

27.06.2026
von Walter Nogueira

Ab dem 1. August gelten im Kanton Zürich neue Regeln für Vikariatseinsätze an Volksschulen. Was nach einer administrativen Anpassung klingt, berührt eine grössere Frage: Wie gelingt der Weg zurück aus dem Ausnahmezustand, wenn der Lehrpersonenmangel zwar abnimmt, aber nicht verschwunden ist?

Wenn am Morgen eine Lehrperson krank ausfällt, entscheidet sich vieles in kurzer Zeit. Eine Klasse wartet, der Stundenplan steht, Eltern erwarten Verlässlichkeit. Für Schulen gehört diese Situation zum Alltag und doch zeigt sich gerade hier, wie angespannt ein Bildungssystem sein kann. Unterricht lässt sich nicht einfach verschieben. Er braucht Menschen, die einspringen, Verantwortung übernehmen und den Schulbetrieb stabil halten.

Vom Notmodus zurück zur Regel

Die neue Weisung unterscheidet klarer zwischen planbaren und kurzfristigen Absenzen. Fällt eine Lehrperson absehbar aus, sollen Vikariate grundsätzlich durch Personen mit Lehrdiplom oder entsprechender Zulassung übernommen werden. Auch Studierende der Pädagogischen Hochschule können unter bestimmten Voraussetzungen eingesetzt werden, jedoch zeitlich begrenzt.

Bei unvorhergesehenen Ausfällen bleibt den Schulen etwas mehr Spielraum. Wenn morgens kurzfristig niemand verfügbar ist, dürfen sie für maximal drei Schultage auch Personen einsetzen, die nicht alle formalen Anforderungen erfüllen. Dazu können etwa Schulassistenzen oder andere im Schulumfeld erfahrene Personen gehören. Ab dem vierten Schultag muss jedoch eine qualifizierte Stellvertretung gefunden werden.

Diese Grenze ist zentral. Sie zeigt, dass der Kanton kurzfristige Realität anerkennt, aber keine dauerhafte Parallelstruktur schaffen will. Notfalllösungen bleiben möglich, sollen jedoch nicht zum Ersatz für regulär ausgebildete Lehrpersonen werden. Im Schulalltag ist das anspruchsvoll: Auch Personen, die grundsätzlich einspringen könnten, stehen nicht jederzeit auf Abruf bereit. Viele haben andere Verpflichtungen oder brauchen selbst mehr Vorlaufzeit bei der Planung. Die neue Regelung schafft damit mehr Klarheit, löst aber nicht automatisch das Problem, kurzfristig verfügbare und geeignete Vikar:innen zu finden.

Entspannung ohne Entwarnung

Die Weisung fällt in eine Phase, in der sich die Stellensituation im Kanton Zürich verbessert hat. Ende März 2026 waren für das kommende Schuljahr 556 Stellen offen. Im Jahr zuvor waren es zum gleichen Zeitpunkt noch 709, 2024 waren es 772 und 2023 sogar 826. Der Trend zeigt also deutlich nach unten.

Trotzdem wäre es verkürzt, von einer gelösten Lage zu sprechen. Der Mangel ist nicht überall gleich sichtbar, bleibt aber in bestimmten Bereichen bestehen. Besonders angespannt ist die Situation in der schulischen Heilpädagogik. In einer Auswertung offener Feststellen für das Schuljahr 2026/27 entfielen 141 von 471 offenen Stellen auf diesen Bereich. Das ist fast ein Drittel.

Gerade dort ist die Situation besonders heikel. Schulische Heilpädagog:innen spielen eine zentrale Rolle in der integrativen Förderung, unterstützen Kinder mit besonderem Bedarf und entlasten Regelklassen. Fehlen sie, verschiebt sich die Belastung oft auf Klassenlehrpersonen, Schulleitungen und bestehende Teams. Der Lehrpersonenmangel zeigt sich dann nicht nur als offene Stelle, sondern als zusätzliche Verantwortung im Alltag.

Die Frage der Erfahrung

Es zeigt sich eine Spannung. Für den Kanton ist die Rückkehr zu klaren Zulassungsregeln ein Schritt hin zu mehr Verlässlichkeit und Professionalisierung. Für einzelne Betroffene kann sich dieser Schritt jedoch anders anfühlen. Viele Vikar:innen haben in einer schwierigen Phase Verantwortung übernommen, standen im Schulalltag im Einsatz und wurden von Teams, Kindern und Eltern als Teil des Systems wahrgenommen. Wenn ihre Erfahrung nun nur für kurzfristige Notfälle zählt, können sie das als abrupten Bruch empfinden.

Besonders deutlich wird diese Spannung im Vergleich mit Quereinsteigenden. Auch sie kommen oft nicht aus dem klassischen Ausbildungsweg, sind aber in ein formales Modell eingebunden. Sie erfüllen bestimmte Voraussetzungen, durchlaufen Verfahren und arbeiten auf ein anerkanntes Lehrdiplom hin. Menschen mit viel Praxiserfahrung, aber ohne diesen formalen Weg, bleiben dagegen in einer unsicheren Zwischenposition. Diese Unterscheidung ist systematisch begründbar, aber nicht frei von sozialen Spannungen.

Qualität braucht mehr als Präsenz

Die Debatte berührt damit eine Grundfrage des Lehrberufs: Was zählt stärker – praktische Erfahrung, formale Ausbildung oder die Verbindung von beidem? Im Schulalltag ist Erfahrung zweifellos bedeutsam. Wer Kinder begleitet, Konflikte moderiert, Elternkontakte führt und Unterricht vorbereitet, entwickelt Wissen, das nicht nur aus Lehrbüchern stammt.

Gleichzeitig ist Unterricht mehr als Betreuung. Lehrpersonen beurteilen Leistungen, gestalten Lernprozesse, erkennen Entwicklungsstände und arbeiten mit Eltern, Fachstellen und Kollegien zusammen. Genau deshalb hält der Kanton an formalen Qualifikationen fest. Die neue Weisung ist damit auch ein Signal: Die Schule soll nicht dauerhaft auf Improvisation bauen.

Kritisch bleibt jedoch, wie der Übergang gestaltet wird. Wenn Menschen mit Felderfahrung keine realistische Perspektive erhalten, geht dem System potenziell wertvolles Erfahrungswissen verloren. Wenn sie aber ohne Nachqualifikation dauerhaft eingesetzt würden, entstünde ein zweiter Berufsweg mit niedrigeren Anforderungen. Beide Varianten bergen Risiken. Entscheidend wird deshalb sein, ob es gelingt, praktische Erfahrung und formale Professionalisierung sinnvoll miteinander zu verbinden.

Die PH als Brücke

Hier kommt der Pädagogischen Hochschule Zürich eine wichtige Rolle zu. Sie soll nicht nur neue Lehrpersonen ausbilden, sondern auch Wege für jene öffnen, die bereits Berufs- oder Praxiserfahrung mitbringen. Quereinstiegsmodelle, Aufnahmeverfahren sur Dossier, berufsbegleitende Studiengänge und Unterstützungsangebote für Schulen sind Teil dieser Antwort.

Die Zahlen zeigen, dass das Interesse am Lehrberuf wieder wächst. Für 2026 meldete die PH Zürich deutlich mehr Anmeldungen als im Vorjahr. Auch Quereinstiegsangebote stossen auf Nachfrage. Das ist für den Kanton ein positives Zeichen, weil Ausbildungskapazitäten und alternative Zugänge langfristig helfen können, die Personalsituation zu stabilisieren.

Doch mehr Studierende lösen nicht automatisch kurzfristige Engpässe. Bis aus Interessierten ausgebildete Lehrpersonen werden, vergeht Zeit. Zudem entscheidet sich die Zukunft des Berufs nicht allein bei der Zulassung, sondern auch im Arbeitsalltag: bei Belastung, Pensum, Unterstützung und der Frage, ob Lehrpersonen langfristig im Beruf bleiben.

Ein Beruf unter strukturellem Druck

Der Lehrpersonenmangel ist nicht nur eine Frage der Anzahl Personen. Viele offene Stellen sind Teilzeitstellen und viele arbeiten mit reduzierten Pensen. Das ist Ausdruck eines Berufs, der hohe Anforderungen stellt. Für Schulen erschwert dies die Planung. Mehr Personen im System bedeuten nicht automatisch mehr verfügbare Lektionen. Pensen müssen kombiniert, Stundenpläne abgestimmt und Ausfälle aufgefangen werden. Gerade bei kurzfristigen Vikariaten zeigt sich deshalb, wie eng Personalpolitik, Arbeitsbelastung und Schulorganisation miteinander verbunden sind.

Eine fragile Normalisierung

Die neue Zürcher Weisung ist somit mehr als eine technische Vorgabe. Sie markiert den Versuch, nach Jahren der Mangellage wieder stärker auf reguläre Qualifikation und klare Zuständigkeiten zu setzen. Das ist aus bildungspolitischer Sicht verständlich. Kinder und Jugendliche haben Anspruch auf Unterricht, der nicht dauerhaft auf Notlösungen basiert.

Gleichzeitig zeigt der Blick auf die offenen Stellen und auf kurzfristige Vikariate, dass die Normalisierung fragil bleibt. Schulen werden weiterhin improvisieren müssen, nur in engeren Grenzen. Personen mit Erfahrung, aber ohne Diplom, werden weiterhin gebraucht, aber nicht mehr im gleichen Mass. Die PH Zürich wird mehr ausbilden und begleiten müssen, kann den Bedarf aber nicht von heute auf morgen decken.

Am Ende steht eine nüchterne Erkenntnis: Der Kanton Zürich bewegt sich vom Krisenmodus zurück zur Regel. Doch ob diese Regel im Alltag trägt, entscheidet sich nicht in der Weisung, sondern morgens im Schulhaus – dann, wenn eine Klasse wartet und eine Person gebraucht wird, die übernimmt.

Text Walter Nogueira

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