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Deutschland Energie

Die Energiewende hat ihren Kipppunkt überschritten

16.07.2026
von SMA

Vier Jahre nach dem russischen Angriff auf die Ukraine ist die deutsche Energiedebatte von Mythen, Partikularinteressen und Falschinformationen geprägt. Dabei ist die ökonomische Frage längst entschieden. Wer genau hinsieht, erkennt: Die Energiewende kommt und die wirtschaftlichen Chancen sind enorm.

Alexander Graf
Unternehmer & Investor

Im Frühjahr 2022, nach dem russischen Angriff auf die Ukraine, drehten sich plötzlich fast alle Geschäftsgespräche um Energie. Für uns war das der Anlass, im Podcast »Energiezone« mit Gründerinnen, Gründern und Geschäftsführungen von Energieunternehmen zu sprechen und banale Fragen zu stellen: Was kostet der Strom von morgen? Ist Wasserstoff die Rettung? Welche Rolle spielen Speicher? Die treibende Neugier galt der Frage, wie sich Konsumierende und Unternehmen verhalten sollten – und welche Chancen sich hinter der Transformation verbergen.

Die anfängliche Stimmung war optimistisch. Auf den Fahrten durch Schleswig-Holstein entstand der Eindruck, Strom müsse bald nahezu kostenlos verfügbar sein. Überschüssiger Strom ließe sich in Wasserstoff umwandeln und stünde bereit, wenn Sonne und Wind ausfielen. Erdgas aus Katar oder Atomkraft aus Frankreich schienen verzichtbar. Bei dynamischen Preisen und ökonomisch handelnden Haushalten waren Strompreise unter zehn Cent brutto vorstellbar. Die gute Verfügbarkeit von Solaranlagen, der zunehmend unattraktive Weltmarkt für Gas und ein neuer europäischer Souveränitätsanspruch wirkten wie ideale Bedingungen für eine Beschleunigung. Die rund 80 Milliarden Euro, die Deutschland pro Jahr für fossile Brennstoffe ausgibt, hätten – so die These – eine Art Superkonjunktur auslösen können.

Erneuerbare Energien inklusive Speicherlösungen sind inzwischen so günstig, dass eine Rückkehr zu fossilen Back-ups wirtschaftlich nicht mehr tragfähig ist.

Die politische Realität verlief anders. Eine zentrale Erkenntnis aus über hundert Energiezone-Aufnahmen lautet: Die Akteurinnen und Akteure im Markt handeln nicht rational, sondern interessengeleitet. Das war erwartbar. Überraschend ist jedoch, wie stark sich politische Entscheidungen und volkswirtschaftlicher Nutzen in Energiefragen entkoppelt haben. Auch innerhalb der einzelnen Lager wird um Technologien und Förderung gestritten. Fast immer setzen sich Kompromisse durch, die die Transformation teurer machen, weil jeder Akteur befriedigt werden will. Je stärker die Energiewende bestehende Privilegien angreift, desto absurder werden Diskussionen und Falschinformationen. Komplexe Zusammenhänge zu Systemkosten, Primärenergien oder Regelleistung werden häufig falsch wiedergegeben – mit der Folge, dass eine breite Öffentlichkeit die ökonomische Logik der Transformation nicht erkennt.

Trotz dieser Gemengelage ist Entwarnung angebracht. Im Jahr 2024, lange vor dem Ölpreisschock durch den Irankrieg, habe die Energiewende ihren Kipppunkt überschritten, wie es ein Energiezone-Gast pointiert formulierte. Erneuerbare Energien inklusive Speicherlösungen sind inzwischen so günstig, dass eine Rückkehr zu fossilen Back-ups wirtschaftlich nicht mehr tragfähig ist. Die Stromgestehungskosten von Photovoltaik und Onshore-Wind liegen deutlich unter denen neuer Gas- oder Kernkraftwerke. Großspeicher folgen derselben Kostenkurve. Langfristig setzt sich die günstigste Lösung durch. Solange sich Deutschland schneller in diese Richtung bewegt als seine Nachbarländer, entstehen attraktive Geschäftsmöglichkeiten im grenzüberschreitenden Energiehandel. Auf Gas wird das System nicht vollständig verzichten können – jedoch muss es nicht importiert werden. Das immense Biogaspotenzial in Deutschland kann einen systemrelevanten Beitrag zur Residuallast leisten.

Die nächste Ausbaustufe ist nicht mehr die Erzeugung, sondern die Flexibilisierung. Wer den Strom dann verbraucht, wenn er günstig im Netz ist, senkt die eigenen Kosten und entlastet das Gesamtsystem. Dynamische Tarife, intelligente Wärmepumpen, bidirektionales Laden von Elektrofahrzeugen und industrielle Lastverschiebung sind keine Zukunftsthemen mehr, sondern bereits heute Geschäftsmodelle bei Industrie und privaten Haushalten. Hier zeigt sich, wie sehr Energie zu einem Digitalisierungsthema geworden ist: Wer Daten in Echtzeit verarbeitet und Anreize automatisiert weitergibt, gewinnt. Genau an dieser Schnittstelle entstehen die Geschäftsmodelle, die Deutschland exportieren kann.

Wer früh investiert, gestaltet. Wer abwartet, zahlt.

Die wirtschaftlichen Chancen sind erheblich. Solaranlagen und Batterien mögen aus China stammen, doch die Wertschöpfung der vor Ort erzeugten Energie liegt zu rund 90 Prozent im Inland: in Installation, Wartung, Netzanschluss, Direktvermarktung und Steuerungssoftware. Die wahren Hebel liegen in der Digitalisierung der Netze, in smarten Anreizsystemen, im Aufbau lokaler Wärmenetze und in der Sektorkopplung. Haushalte und Industrie können gleichermaßen profitieren. China zeigt, dass es deutlich konsequenter geht: Das Land erhöht den Output aller Erzeugungsformen parallel, wobei die Erneuerbaren mittelfristig mit Abstand der größte Lieferant sein werden. Deutschland muss diesen Pragmatismus nicht kopieren, sollte aber das Tempo erhöhen.

Die Entscheidung liegt in Deutschland selbst. Mit dem überschrittenen Kipppunkt ist die zentrale Frage nicht mehr, ob die Transformation gelingt – sondern nur noch, wann sie ihren ökonomischen Nutzen voll entfaltet und ob die zu erwartende »Reiche Delle« Deutschland erneut zehn Jahre zurückwirft. Wer früh investiert, gestaltet. Wer abwartet, zahlt.

Text Alexander Graf, Unternehmer & Investor, Herausgeber Energiezone Podcast

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