mobilfunknetz
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»Um wirklich digital souverän zu sein, brauchen wir ein ausfallsicheres Mobilfunknetz«

16.07.2026
von Rüdiger Schmidt-Sodingen

Ein strombasiertes Energiesystem braucht für den Störungsfall geschlossene und sichere Kommunikationskanäle. Dr. Frederik Giessing, Mitglied der Geschäftsleitung des Joint Ventures 450connect, über den Aufbau und Betrieb einer ausfallsicheren, bundesweiten Kommunikationsinfrastruktur für Betreiber kritischer Infrastrukturen mittels eines dedizierten Mobilfunknetzes.

Dr. Frederik GiessingMitglied der Geschäftsleitung

Dr. Frederik Giessing
Mitglied der Geschäftsleitung

Herr Dr. Giessing, wie lässt sich unser zunehmend strombasiertes und dezentrales Energiesystem am besten schützen?

Nur mit moderner Technik und einer entsprechend verlässlichen Notfallkommunikation. Kommunikation ist der Schlüssel zum Erfolg der Energiewende und zur umfassenden Umsetzung einer dezentralen Energieversorgung. Dafür ist es zwingend erforderlich, dass diese Kommunikation auch in Krisenfällen verfügbar ist. Eine Kommunikation, die auch bei Blackouts funktioniert, kann Ausfälle oder Angriffe nicht verhindern, aber sie kann die Auswirkungen minimieren und dafür sorgen, dass die entsprechenden Reparaturmaßnahmen schneller getroffen werden können.

Das heißt, im Störungsfall geht es darum, viele verschiedene Akteure zu koordinieren?

Richtig. Allerdings ist die Kommunikation nicht nur im Krisenfall nötig, wenn ich beispielsweise im Schwarzwald einen Blackout habe und das Stromsystem wieder aufbauen muss. Die Kommunikation ist auch im normalen regulären Betrieb notwendig, da wir bei einer dezentralen Stromversorgung immer mehr Stromerzeuger oder Speicher haben und Abstimmungen im Stromnetzbetrieb zum Tagesgeschäft gehören. Unternehmen müssen jederzeit ihre verschiedenen Assets ansteuern und mit ihnen kommunizieren können. Die Energiewende ist auch eine Wende hin zu einem aktiven Energiemanagement.

Wieso sind die Mittel- und Niederspannung besonders betroffen und derzeit nicht ausreichend geschützt?

Die Mittel- und Niederspannungsnetze sind von Ausfällen nicht mehr betroffen als die Hochspannung, aber sie stehen im Fokus der Energiewende. Die gesamten Energiewendeanlagen, Photovoltaik, Wind, Batteriespeicher, Ladeinfrastrukturen werden alle an die Nieder- und Mittelspannung angeschlossen. Das bedeutet, wir haben Hunderttausende und demnächst Millionen von unterschiedlichen dezentralen Energiewendeanlagen, die gesteuert werden müssen, um die Versorgungssicherheit und vor allem die Netzspannung 50 Hz weiterhin aufrechtzuerhalten. Diese Steuerung ist zwingend – und führt zu der Frage: Sollte es dafür nicht eine Kommunikationslösung geben, die die gleichen Anforderungen erfüllt, wie ich sie als Betreiber an die Stromsysteme stelle?

Wir brauchen ein dediziertes Mobilfunknetz, das garantiert funktioniert: im Normalbetrieb als Überwachungssteuerung und im Krisenfall mit 72 Stunden Notstromversorgung als Wiederanlauf-Steuerung.– Dr. Frederik Giessing, Mitglied der Geschäftsleitung

Das Stromsystem steht unter »Dauerbeschuss« von mehreren Seiten. Was bedeutet das für Krisenfälle?

In Krisenfällen ist die Kommunikation das Allesentscheidende. Menschen müssen miteinander sprechen, um der Situation Herr zu werden. Das kann aber nur geschehen, wenn die Kommunikation auch im Krisenfall zur Verfügung steht. Sie muss allerdings auch im Normalbetrieb sicher funktionieren, um den Betrieb aufrechtzuerhalten und Krisenfälle abzuwehren. Sie müssen nur daran denken, was passiert, wenn plötzlich das öffentliche Mobilfunknetz ausfällt. Die Mobilfunkanbieter haben den Auftrag, Endkonsumentinnen und -konsumenten mit Apps, Videostreaming, Social Media zu versorgen – oder Geschäftskunden mit Hotspots, an denen sie sich einwählen können. Auf der anderen Seite haben sie das digitale BOS-Netz für die Polizei und Rettungsdienste. Das ist aber nur für einen kleinen Teilnehmerkreis bestimmt. Dazwischen haben wir aber zahlreiche kritische Infrastrukturen, von der Energie- über die Wasserversorgung, Gesundheitseinrichtungen, staatliche Verwaltungen, Rundfunk oder die Lebensmittelversorgung. De facto gibt es bei diesen Einrichtungen keine richtige, ausfallsichere Kommunikationslösung. Einige arbeiten mit Betriebsfunknetzen oder ausländisch verwalteter Satellitentelefonie. Das ist aber keine autarke, bundesweite und verlässliche Lösung.

Deshalb haben Sie 450connect aufgebaut?

Um wirklich digital souverän sein zu können, haben die kritischen Infrastrukturen in Deutschland und vor allem die Energiewirtschaft gesagt: Wir brauchen ein dediziertes Mobilfunknetz, das garantiert funktioniert: im Normalbetrieb als Überwachungssteuerung und im Krisenfall mit 72 Stunden Notstromversorgung als Wiederanlauf-Steuerung. Genau das haben wir mit 450connect gemacht und dieses 450-MHz-Funknetz steht jetzt flächendeckend zur Verfügung. Gerade im Krisenfall, also bei einem Blackout, ist es wichtig, mit einem Smart Start die Systeme wieder intelligent hochzufahren. Wenn künftig Millionen von Energiewendeanlagen im Einsatz sind, müssen diese bei einem Stromausfall entsprechend angesteuert werden können, um beispielsweise zu wissen, wie viel Energie sie für den Netzwiederaufbau bereitstellen können.

Die ausfallsichere Kommunikation ist nicht nur für KRITIS-Betreiber interessant?

Es gibt mittlerweile viele Unternehmen, auch außerhalb des KRITIS-Bereichs, die sich fragen, wie ein Ausfall ihres Telekommunikationsanbieters kompensiert werden kann. Wie stelle ich als Unternehmen die Kommunikation sicher, wenn plötzlich nichts mehr geht? Immer mehr Unternehmen haben mit Cyberangriffen zu kämpfen. Eine absolut verlässliche Kommunikationsmöglichkeit kann Sicherheit herstellen – auch unter den Mitarbeitenden, die wissen, dass sie sich im Notfall verständigen und aktiv über eine Wiederherstellung des Betriebs sprechen können. Bei Cyberangriffen kann das heißen: Ich habe weiterhin Macht von innen, statt in eine von außen gewünschte oder herbeigeführte Ohnmacht zu verfallen. Letztlich wollen wir mit 450connect das Vertrauen in dezentrale Netze und damit auch in eine dezentrale Energieversorgung herstellen.

Es geht dabei auch um digitale Souveränität?

Derzeit sprechen wir viel von digitaler Souveränität in Form von Hyperscalern, Cloud-Lösungen und Rechenzentren. De facto brauchen wir aber eine zweite Ebene, die garantiert funktioniert. Das von 70 Energieversorgern ins Leben gerufene System 450connect ist so eine zweite Ebene: eine digitale, souveräne Lösung.

Anschläge auf Strommasten, wie es sie auch in den letzten Wochen gab, zeigen aber, dass wir ein besseres Krisenmanagement im Energiebereich brauchen.– Dr. Frederik Giessing, Mitglied der Geschäftsleitung

Welche verschiedenen Kommunikationsanwendungen und Prioritätsstufen gibt es?

Die sogenannte Krisenkommunikation hat in unserem Netz ganz klar die höchste Priorität. Dazu können wir den unterschiedlichen Mobilfunkdiensten unterschiedliche Prioritäten zuweisen. Der Kunde entscheidet selbst, welchen unserer Dienste er für seine Anwendung braucht. Er fragt sich: Wie kritisch ist meine Anwendung und welchen Dienst nehme ich dafür?

Für die schwarzfallfeste Kommunikation mahnen Sie weitere regulatorische Entscheidungen an. Welche?

Wir mahnen weniger regulatorische Entscheidungen, sondern ein anderes Bewusstsein an. Hierzulande fehlt einmal das Bewusstsein für Kommunikation, die dringend notwendig ist, um die dezentrale Energiewende zum Erfolg zu führen. Anschläge auf Strommasten, wie es sie auch in den letzten Wochen gab, zeigen aber, dass wir ein besseres Krisenmanagement im Energiebereich brauchen. Die Finanzierung ist das zweite Problem. Viele Unternehmen räumen einer krisensicheren Kommunikation noch nicht die oberste Priorität ein – oder warten erst einmal Schadensfälle ab. Dabei zeigen viele Beispiele, auch schon bei lokalen Stromausfällen, wie schnell sich durch schnelle Kommunikation und entsprechende Umschaltungen Probleme beheben lassen.

Weitere Informationen unter:
450connect.de

Logo 450connect

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