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20 Juli 2019

Marcel Hug hat kein Erfolgsrezept.

Marcel Hug betreibt Leichtathletik-Sport, obwohl und nicht weil er im Rollstuhl sitzt. Bei der Para-Leichtathletik-EM belegte er im August 2018 den ersten Platz in den Kategorien 800 Meter, 1 500 Meter und 5 000 Meter. Von Karrierehighlights zu Rückschlägen, bis hin zu einem Rat an sein jüngeres Ich: Der «Silver Bullet» im Gespräch mit «Fokus».

Marcel Hug
Marcel Hug

Marcel Hug, schon im Alter von zehn Jahren starteten Sie an einem Juniorenrennen und gewannen es prompt. Woher kam die Begeisterung für den Sport?

Ich war schon als Kind gerne in Bewegung und als ich das erste Mal in Berührung mit dem Sport kam, wusste ich, dass ich das gerne weiterverfolgen möchte. Schnell entwickelte sich ein sportlicher Ehrgeiz.

Dieses Rennen legte den Grundstein Ihrer sportlichen Laufbahn. Nach Junioren- und Eliterennen sind Sie seit 2010 Profisportler. Was war bis jetzt Ihr persönliches Karrierehighlight?

Das Highlight war sicherlich 2016 der Gewinn meiner zwei Goldmedaillen an den Paralympics in Rio. Ein langjähriges Ziel wurde endlich erreicht und ein Traum ging in Erfüllung.

Was ist Ihr Erfolgsrezept?

Ein bestimmtes Erfolgsrezept gibt es nicht. Es müssen einfach viele Puzzleteile zusammenpassen, um erfolgreich sein zu können. Von physischen und mentalen Voraussetzungen über ein gutes Umfeld bis hin zu gutem Material.

Als Spitzensportler will man natürlich Spitzenresultate erzielen. Wie hoch ist der Leistungsdruck und wie gehen Sie damit um?

In der Tat ist der ständige Leistungsdruck ein wichtiges und herausforderndes Thema. Ich muss immer wieder die Balance zwischen Leistung und Gelassenheit suchen und mental daran arbeiten. Ich versuche, alles in Relation zueinander zu sehen und arbeite regelmässig mit einer Sportpsychologin daran.

Wie häufig trainieren Sie und wer unterstützt Sie bei Ihren Trainingseinheiten?

Ich trainiere sechs Tage die Woche, bis zu drei Einheiten täglich. Die Trainingsplanung machen mein persönlicher Trainer und mein Krafttrainer, welche mich in praktisch allen Einheiten auch begleiten.

Was war Ihre bisher grösste Herausforderung als Spitzensportler?

Psychisch sind es jeweils die Paralympics, da dort der Leistungsdruck jeweils am höchsten ist. Physisch war es der Boston Marathon 2018, wo wir sehr schwierige Wetterbedingungen (kalt, windig, Schneeregen) zu bewältigen hatten.

Oftmals werden Menschen mit Behinderung entweder bemitleidet oder dann wieder bewundert und als Helden angesehen.Marcel Hug

Wie gehen Sie mit Rückschlägen um?

Indem ich versuche, sie richtig einzuordnen und die richtigen Schlüsse zu ziehen. Niederlagen gehören zum Sport dazu und sind ein wichtiger Bestandteil auf dem Weg zum Erfolg. Die Paralympics in Peking 2008 waren eine Enttäuschung für mich. Es lief nicht nach Wunsch, ich gewann keine Medaillen und stürzte sogar beim letzten Rennen. Mit etwas Abstand konnte ich feststellen, dass mich diese Niederlage gestärkt und mich längerfristig motiviert hat, aus den Fehlern zu lernen und es das nächste Mal besser zu machen.

Sie haben ursprünglich als Kaufmann gearbeitet, diesen Beruf jedoch für den Sport aufgegeben und somit den sicheren Hafen des Büroalltags verlassen. Ganz schön mutig! Was hat Sie zu dieser Entscheidung bewogen?

Es war schon als Jugendlicher mein Traum, vom Sport leben zu können und das zu machen, was ich am liebsten mache. Als ich die Ausbildung abgeschlossen und Berufserfahrung gesammelt hatte, war das der beste Zeitpunkt. Ich habe es bis jetzt nie bereut.

Viele junge Menschen wissen heutzutage nicht, welchen Berufsweg sie einschlagen sollen. Was raten Sie?

Mir persönlich fallen wichtige Entscheidungen auch oftmals schwer. Der Rat anderer Menschen, ein abgewogener Herz-Kopf-Bauch-Entscheid oder ganz einfach eine Liste mit Pro- und Kontrapunkten können mir helfen. Ich denke, eine gute berufliche Ausbildung ist sehr wichtig, im besten Fall kombiniert mit dem Sport.

Wenn nicht Sportler oder Kaufmann: Welchen Beruf würden Sie sonst noch ausüben wollen?

Nach der Profikarriere werde ich ins normale Berufsleben einsteigen müssen. Leider weiss ich noch nicht genau, in welche Richtung es gehen soll. Wäre ich nicht Rollstuhlfahrer, würden mir Berufe draussen in der Natur gefallen.

Inwiefern hat sich der Beruf des Spitzensportlers in den letzten Jahren verändert?

Die Rollstuhl-Leichtathletik hat sich in den letzten Jahren dahingehend positiv verändert, dass das internationale Leistungsniveau stark gestiegen und alles professioneller geworden ist. Auch das Medieninteresse hat zugenommen. Die tollste Entwicklung hat aber bei den Marathons stattgefunden, wo wir bei den grössten Städtemarathons, den sogenannten World Marathon Majors, voll integriert sind und analog zu den Läufern eine Gesamtwertung haben. Die Preisgelder sind gestiegen, sodass auch immer mehr davon leben können.

Was schätzen Sie an den Paralympics, bzw. wo sehen Sie Verbesserungspotential?

Die Paralympics sind ein besonderer Event mit entsprechend hoher Bedeutung. Er ist der wichtigste Sportevent überhaupt, mit besonderer Atmosphäre und eigenen Gesetzen. Dass die Paralympics eines Tages in die Olympischen Spiele integriert werden könnten, wäre ein Traum,  ist jedoch zurzeit leider nicht realistisch.

Eines Ihrer Statements lautet: «Ich will als Sportler respektiert und nicht als Behinderter bewundert werden!» Eine klare Ansage. Hatten Sie in der Vergangenheit je mit Vorurteilen zu kämpfen?

Ja, auch wenn ich das nicht immer bewusst wahrnehme. Oftmals werden Menschen mit Behinderung entweder bemitleidet oder dann wieder bewundert und als Helden angesehen.

Haben Sie das Gefühl, sich aufgrund Ihrer Behinderung mehr beweisen zu müssen als andere?

Nicht unbedingt als Sportler, aber als Mensch mit einer Einschränkung steht man einfach vielen Vorurteilen und Stereotypen gegenüber, wo man das Gefühl bekommt, sich vermehrt beweisen zu müssen, um diesen nicht zu entsprechen.

Die Rollstuhl-Leichtathletik hat sich in den letzten Jahren dahingehend positiv verändert, dass das internationale Leistungsniveau stark gestiegen und alles professioneller geworden ist.Marcel Hug

In Ihrem Vortrag «future is rolling now» reden Sie über Ihr Sportlerdasein und teilen Ihre Gedanken mit dem Publikum. Was sollen die Zuhörer aus Ihren Reden mitnehmen?

Ich möchte ihnen einfach unseren Sport und verschiedene Aspekte daraus näherbringen. Dabei soll bewusst der Sport und nicht die Behinderung im Vordergrund stehen.

Was würden Sie Ihrem jüngeren Ich raten?

Zu versuchen, das Leben noch etwas mutiger und offener anzugehen.

Jeder wünscht sich heutzutage eine ausgeglichene Work-Life-Balance. Wie schaffen Sie es, Berufliches und Privates unter einen Hut zu kriegen?

Ich erledige alle mit meiner beruflichen und sportlichen Tätigkeit zusammenhängenden administrativen Angelegenheiten selber. Deshalb ist es in der Tat oft schwierig, eine gute Work-Life-Balance zu halten, da nach den Trainings und Wettkämpfen abends noch «Büroarbeit» wartet. Da ist eine gute Planung hilfreich und Zeitinseln, wo man sich nur der Erholung und der Freizeit widmen kann, sind sehr wichtig.

Egal ob Berlin, London oder Rio de Janeiro: Sie sind beruflich viel auf Reisen. Haben Sie neben den Wettkämpfen überhaupt Zeit, sich die Städte anzusehen? Wenn ja, welche ist Ihre Lieblingsstadt?

Zum Teil reise ich für die Akklimatisation oder für Medienverpflichtungen ein paar Tage vor dem Wettkampf an und habe manchmal etwas Zeit, um etwas anzuschauen. Eine meiner Lieblingsstädte ist London. Die Mischung zwischen Moderne und den alten Traditionen gefällt mir und ich mag die Leute und deren Begeisterung für den Rollstuhlsport.

Wie dürfen wir uns den privaten Marcel Hug vorstellen?

Privat bin ich vielleicht noch etwas ruhiger, introvertierter und vermutlich auch weniger ehrgeizig. Als Sportler muss ich eher aus mir herausgehen und mich behaupten.

Wie mobil sind Sie privat unterwegs?

Sehr mobil. Ich bekomme von der Jaguar Land Rover Schweiz AG ein tolles Auto zur Verfügung gestellt, welches auf Handgas umgebaut ist. Zum Trainingsort gehe ich meist mit dem Rollstuhl. Mit ÖV bin ich weniger unterwegs. An internationale Wettkämpfe muss ich meistens fliegen.

Der Lifestyle eines Sportlers kann stressig sein. Wie verhalten Sie sich in hektischen Zeiten und wo tanken Sie Energie?

Im Trainings- und Wettkampfalltag werde ich stark von meinem Trainer unterstützt. Ich kann viele Aufgaben abgeben, sodass ich mich gut auf mich und meine Leistung konzentrieren kann. Sich in Gelassenheit zu üben und dem Erfolg nicht zu viel Wert beizumessen, hilft sehr, sich nicht gestresst zu fühlen. Ich entschleunige und erhole mich sehr gerne in der Natur, beim Camping oder einfach zu Hause auf dem Sofa.

Werden Sie bei Wettkämpfen tatkräftig von Ihrer Familie unterstützt?

In der Schweiz sind meine Eltern und manchmal auch meine Brüder mit ihren Familien vor Ort. Sogar bei einzelnen Auslandwettkämpfen, besonders den Paralympics, bekomme ich Support von Familie oder Verwandten.

Was möchten Sie in Zukunft, beruflich wie auch privat erreichen?

Sportlich ist mein Ziel eine Goldmedaille an den Paralympics in Tokyo 2020. Weiter hoffe ich auf einen guten beruflichen Wiedereinstieg nach meiner Profikarriere und privat ist die Gesundheit das Wichtigste.

Text: Sonya Jamil
Fotos: Brigit Willimann

Über Swiss Paralympic.

Swiss Paralympic begleitet alle Schweizer Spitzensportler mit Handicap an Internationale Grossanlässe. Dazu gehören auch die Finanzierung und Organisation dieser Teilnahmen. Dank den Spendern und Sponsoren, die hinter Swiss Paralympic stehen, können wir unsere sportlichen Träume verwirklichen.

www.swissparalympic.ch

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