Interview von SMA

«Ich muss nicht immer Superwoman sein»

Yvonne Bettkober übernahm kurz vor der Pandemiezeit das Steuer von Amazon Web Services in der Schweiz. Damit sah sich die gebürtige Kamerunerin gleich mit mehreren neuen Herausforderungen konfrontiert. Doch wie unser Gespräch mit ihr zeigt, ist das Aufbrechen zu neuen Horizonten geradezu typisch für sie. Wir sprachen mit Bettkober über die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, die Digitalisierung – und die Rolle der Frauen in technischen Berufen.

Yvonne Bettkober, im Jahr 2019 wechselten Sie nach einer langen Karriere bei Microsoft Schweiz zu Amazon Web Services (AWS), wo Sie als General Manager für die Schweiz zuständig sind. Damit haben Sie Ihre neue Stelle kurz vor Pandemieausbruch angetreten. Wie haben Sie diese Zeit erlebt? 

Die Covid-19-Pandemie stellte für uns alle – Individuen, Teams und Organisationen – eine enorme Herausforderung dar. Für AWS galt dies zusätzlich, da wir sehr schnell reagieren mussten, um unsere Kunden dabei zu unterstützen, ihre «Business Continuity» zu gewährleisten. Für viele Unternehmen ging es darum, ihre Mitarbeitenden möglichst rasch auf das Arbeiten im Homeoffice vorzubereiten und die dafür notwendigen technischen Voraussetzungen zu schaffen.

Andere sahen sich wiederum mit der Herausforderung konfrontiert, die drastischen Schwankungen in der Nachfrage mithilfe von skalierbaren Infrastrukturlösungen in der Cloud zu meistern. Für unser Team stellte diese Zeit in mehrfacher Hinsicht eine besondere Situation dar: Nicht nur wurden unsere Dienste enorm in Anspruch genommen, durch unser starkes Wachstum in den letzten Jahren traten auch sehr viele Mitarbeitende ihre Stelle während der Pandemie an. 

Das klingt nicht nach einer idealen Ausgangslage. 

Nein, wirklich nicht (lacht). Doch als Tech-Unternehmen konnten wir schnell auf gute Lösungen zurückgreifen, um das «Remote Onboarding» unserer Mitarbeitenden zu organisieren. Die grössere Herausforderung während dieser Zeit bestand darin, den neuen Teammitgliedern unsere Unternehmenskultur zu vermitteln und so ein Gefühl der Zusammengehörigkeit herzustellen.

Ich möchte den Mitarbeitenden stets das Gefühl vermitteln, dass sie umsorgt sind. Um dies trotz der pandemiebedingten Hürden zu gewährleisten, haben wir in den vergangenen zwei Jahren viel ausprobiert. Was gut ankam, haben wir entsprechend schnell hochskaliert. Was nicht recht funktionierte, wurde ebenso rasch verworfen. 

Diese besondere Situation muss sich auch auf Sie als Leaderin ausgewirkt haben. 

Das hat es in der Tat. Für mich persönlich bot sich eine ausserordentliche Gelegenheit, um mich als Führungsperson weiterzuentwickeln und neue Wege des Austauschs mit dem Team und meinen Kolleg:innen auszuprobieren. Zudem konnte ich meine Ziele für das Unternehmen sehr dynamisch anpassen – je nachdem, wie der Markt oder das Team auf die getroffenen Massnahmen reagierten. Amazon-Gründer Jeff Bezos hat einmal gesagt: «Be stubborn on the vision, but flexible on the details». Die Mischung aus Überzeugung und Entschlossenheit für unsere gemeinsamen Ziele in der Schweiz sowie die gleichzeitige Flexibilität in der Umsetzung haben enorm dazu beigetragen, dass wir erfolgreich durch diese anspruchsvolle Zeit navigieren konnten.

Lassen Sie uns vom «hier und jetzt» ein wenig in die Vergangenheit abschweifen: Welches waren die prägendsten Stationen Ihres Karriere- und Bildungswegs?

Oh, es gab so viele wichtige Ereignisse. Und je älter man wird, desto mehr reflektiert man über diese. Zudem realisiert man oft erst im Nachhinein, wie prägend ein Ereignis war. Ein wichtiger Moment war sicherlich, als ich meine Familie in Kamerun verliess, um nach Deutschland zu gehen.

Denn damals lernte ich, dass Talent und Intelligenz nicht so wichtig sind wie Durchhaltevermögen sowie die Fähigkeit, an sich und an die eigene Zukunft zu glauben.

Ich tat dies im Alter von 18 Jahren, mit der Matura in der Tasche, aber noch ohne klares Ziel vor Augen. Meine einzige Absicht bestand darin, meine Familie stolz zu machen und diese Chance nicht zu verschwenden. Doch dann zum ersten Mal finanziell für mich sorgen zu müssen, parallel zum Studium, und dies in einem Umfeld zu tun, welches damals von viel Ausländerfeindlichkeit geprägt war – das war wirklich eine harte Zeit.

Aber auch eine wichtige: Denn damals lernte ich, dass Talent und Intelligenz nicht so wichtig sind wie Durchhaltevermögen sowie die Fähigkeit, an sich und an die eigene Zukunft zu glauben. Ebenfalls prägend war das Muttersein. Das ist an sich schon Herausforderung genug, da man permanent an sich zweifelt.

Dies noch mit einem anspruchsvollen Beruf sowie einer internationalen Karriere zu verbinden, war rückblickend eigentlich geradezu tollkühn. Selbst heute kann ich immer noch nicht ganz fassen, dass alles geklappt hat (lacht). 

Wie haben Sie diesen Balanceakt gemeistert?

Eine wichtige Lektion bestand darin, zu akzeptieren, dass ich nicht immer Superwoman sein musste. Man darf sich helfen lassen und sollte Perfektion zum Fremdwort erklären. Dann nämlich kann man diesen Weg auch mit viel Humor, Gelassenheit sowie Zufriedenheit gehen. Für mich war es bisher eine tolle Reise.

 Welche Ziele haben Sie sich für das laufende sowie kommende Geschäftsjahr gesteckt?

Bei AWS sind wir langfristig orientiert. Ich möchte in den kommenden Jahren AWS in der Schweiz als Cloud-Provider der Wahl für Unternehmen aller Grössen und Branchen etablieren, die mithilfe modernster Technologie ihre Wettbewerbsfähigkeit sowie ihre Innovationsgeschwindigkeit verbessern wollen. Privat nehme ich mir jedes Jahr nur ein einziges Projekt vor, das mir am Herzen liegt: In diesem Jahr baue ich ein Haus für meine Eltern.

Sie haben das Steuer von AWS in einer sehr turbulenten Zeit übernommen. Welche Themen beschäftigen Sie im geschäftlichen Kontext derzeit am meisten?

Die Kultur von AWS ist eigentlich wie gemacht für turbulente Zeiten. Wir sind in kleinen Teams organisiert, die selbstständig arbeiten und eigenständig Entscheidungen treffen. Das erlaubt es uns, sehr agil zu bleiben, zu experimentieren und schnell auf Herausforderungen und Chancen zu reagieren. Mein Hauptanliegen bleibt, dafür zu sorgen, dass wir nach wie vor tolle Talente für AWS finden – und diesen einen Ort bieten können, in dem sie ihr Potenzial komplett entfalten können und sich stets sicher und wertgeschätzt fühlen.

Obschon immer mehr Unternehmen Cloud-Dienste nutzen, stehen wir noch ganz am Anfang dieser bedeutenden Entwicklung.

Von der Marktentwicklung her denke ich, dass wir nach wie vor daran arbeiten müssen, die wichtigen Standortthemen wie Digitale Skills, Diversität sowie die Digitalisierung der KMU voranzutreiben. Gerade im Kontext von Sicherheit können vor allem KMU von der Cloud profitieren. Wir wollen als AWS an diesen Themen aktiv mitwirken.

Die Cloudtechnologie hat sich innerhalb weniger Jahre von der Early-Adopter-Tech zu einem Grundstein für Unternehmen gewandelt. Was ist Ihres Erachtens the «next big thing» in der IT-Welt?

Die IT-Branche weist ein Volumen von mehreren Billionen US-Dollar auf und wächst weiterhin rasant, da immer mehr Unternehmen erkennen, wie zentral Technologie für ihr Geschäft ist. Doch wenn man sich die Zahlen im Detail anschaut, zeigt sich, dass heute nur zwischen fünf und 15 Prozent der IT-Ausgaben in die Cloud verlagert worden sind. Obschon immer mehr Unternehmen Cloud-Dienste nutzen, stehen wir noch ganz am Anfang dieser bedeutenden Entwicklung.

Die Cloud ist einer der bestimmenden Technologietrends unserer Generation und die Transformation zeichnet sich in jeder Branche ab: Unternehmen beschleunigen den Wechsel in die Cloud, migrieren mehr Arbeitslasten, ziehen einen grösseren Nutzen aus ihren Daten und verwenden Machine Learning, Künstliche Intelligenz, Internet of Things sowie 5G.

Sie tun dies, um sich zu transformieren, sich neue Einnahmequellen zu erschliessen und ihre eigene Kundschaft besser bedienen zu können. Doch wir beginnen gerade erst damit, an der Oberfläche dessen zu kratzen, was möglich ist. Für unsere Unternehmenskultur bedeutet dies, dass wir weiterhin von unseren Kunden «rückwärts arbeiten», also deren Bedürfnisse in den Mittelpunkt von dem stellen, was wir tun und ihnen mehr Auswahlmöglichkeiten und Lösungen bieten werden. 

Wie wichtig ist der Standort Schweiz? Und sind wir hierzulande wirklich so agil und technisch innovativ, wie man immer sagt? 

Schweizer Unternehmen gehörten zu den ersten Anwendern von AWS in Europa und mit der wachsenden Zahl der Schweizer Kunden hat sich auch die Präsenz von AWS in der Schweiz vergrössert. Um die Nachfrage unserer Kunden zu erfüllen und ihnen eine zusätzliche Auswahl zu bieten, wo sie ihre Daten speichern und verarbeiten können, haben wir im November 2020 die AWS Europe (Zurich) Region angekündigt, die nun in der zweiten Hälfte dieses Jahres eröffnet wird.

Damit wollen wir Entwicklern, Grossunternehmen, KMU und Startups sowie Regierungs-, Bildungs- und Non-Profit-Organisationen die Möglichkeit bieten, ihre Anwendungen aus Rechenzentren in der Schweiz auszuführen, um unter anderem von kürzeren Latenzzeiten zu profitieren.

Unser Ziel ist es, bis 2025 weltweit 29 Millionen Menschen kostenlos in Cloud-Skills zu schulen.

Das zeigt, wie wichtig der Standort Schweiz für uns ist. Und was dessen Innovationskraft betrifft: Die Schweiz steht im «Global Innovation Index 2021» der Weltorganisation für geistiges Eigentum an erster Stelle – und das schon seit geraumer Zeit. Der Index berücksichtigt eine Reihe von Faktoren, darunter Forschung und Entwicklung, Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT) sowie Wissens- und Technologietransfer.

Die Schweiz zeigt sich vor allem sehr gut darin, qualitativ hochwertige und führende Produkte und Dienstleistungen zu schaffen, von denen viele bereits digital sind. Die Schweiz hat damit die besten Voraussetzungen, die Einführung digitaler Technologien zu beschleunigen, um auf die wachsenden Bedürfnisse der Kundinnen und Kunden nach neuen Erfahrungen und Dienstleistungen in grossem Umfang sowie mit hoher Geschwindigkeit zu reagieren. Doch es gibt auch Bereiche, an denen wir arbeiten müssen.

Zum Beispiel?

Wir haben es hierzulande mit einer enorm schnell wachsenden IKT-Branche zu tun, für die bis 2028 ein Mangel an 35 800 Spezialistinnen und -Spezialisten prognostiziert wird. Schweizer Unternehmen müssen daher jetzt dringend handeln und Programme einführen, die diesem Fachkräftemangel entgegenwirken. 

Welche Mittel erachten Sie dafür als geeignet?

Ein wichtiger Ansatz liegt in der Weiterbildung der Mitarbeitenden und dem Aufbau einer Kultur, die das lebenslange Lernen fördert. Bei AWS nennen wir das «Learn and Be Curious». Aber auch ausserhalb des eigenen Unternehmens versuchen wir, zum Aufbau digitaler Skills beizutragen.

Unser Ziel ist es, bis 2025 weltweit 29 Millionen Menschen kostenlos in Cloud-Skills zu schulen. Wir haben aber auch lokale Programme ins Leben gerufen, etwa mit unserem Studenten-Mentoring-Programm. Das Ziel dieses Programms besteht darin, Studierende beim Aufbau einer Karriere in der Technologiebranche zu unterstützen.

Wir arbeiten aber nicht nur mit Schweizer Universitäten und Studenten zusammen, sondern engagieren uns auch für die Aus- und Weiterbildung im weiteren Sinne. Seit mehreren Jahren arbeiten wir dafür mit dem Verein ICT Berufsbildung Schweiz zusammen.

Zudem versuchen wir, Mädchen für eine Karriere im technischen Bereich zu begeistern. «AWS GetIT» ist eine Initiative von AWS, die Mädchen im Alter von 12 bis 13 Jahren dazu ermutigen soll, eine Karriere im technischen Bereich in Betracht zu ziehen – und damit langjährige Geschlechterstereotypen infrage stellt.

Denn gerade einmal 25 Prozent der IT-Jobs werden heute von Frauen besetzt, obwohl Technologie, unabhängig vom Geschlecht, den Alltag von allen Menschen durchdringt. Das Programm ist dieses Jahr in der Schweiz gestartet.

Bild Tomek Gola / gola.pro

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30.04.2022
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