Fanny Smith
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Fanny Smith: «Mein Herz führt mich immer wieder nach Hause»

28.11.2020
von Andrea Tarantini

Fanny Smiths Erfolgsbilanz sorgt für Begeisterung: Seit ihrem 16. Lebensjahr hat sie Medaillen bei Weltcups, den X-Games, Weltmeisterschaften sowie den Olympischen Spielen gewonnen. Die 28-jährige Skicross-Meisterin beschreibt sich selbst als «leidenschaftlich, zielstrebig, ehrlich und fröhlich». Doch wie entstand ihre Leidenschaft für den Sport und wie bereitet sie sich auf die Wettkampfsaison vor? 

Fanny Smith

Fanny Smith, sind Sie auf der Piste und privat dieselbe Person?

Mehr oder weniger. Auf der Piste muss ich aggressiv sein, was im privaten Bereich nicht der Fall ist. Skicross ist mein Beruf, aber es gibt auch Zeiten, in denen ich mich entspannen muss. Dies tue ich in meinem Privatleben.

Wie entstand Ihre Leidenschaft für Skicross?

Ich bin schon immer Ski gefahren und habe es geliebt. Ich bin von Natur aus sehr kompetitiv. Mein älterer Bruder war Freestyle-Skifahrer. So hatte ich bereits sehr früh die Möglichkeit, an Wettkämpfen teilzunehmen.

Dann, als ich zwölf Jahre alt war, hatte ich die Chance, an einem Skicross-Wettbewerb teilzunehmen. Ich bemerkte sofort, dass dies mein Sport war. Ich liebe den direkten Wettkampf – die Tatsache, dass wir zu viert am Start sind und man als Erster ins Ziel kommen muss, dass man ständig eine Strategie finden muss und dass die Kurse ständig wechseln. Mir gefällt auch, dass es viele Parameter gibt, die es zu beachten gibt.

Was bedeutet Skicross für Sie?

Es ist meine Leidenschaft und mein Beruf. Es macht mich glücklich, vor allem, weil ich all meine Energie hineinstecke und das Glück habe, Ergebnisse zu erzielen, die es mir erlauben, davon zu leben.

Was haben Sie bei Ihrem ersten Wettkampf gefühlt?

Pures Vergnügen! Ich war nicht gestresst, ich war aufgeregt. Ich denke, der Wunsch danach ein gutes Ergebnis zu erzielen ist ein positiver Stress. Es war nicht leicht, aber als der Wettkampf vorbei war, wollte ich es wieder tun, vorwärts gehen und in dieser Richtung weitermachen.

Von der Schulbank bis zur Skipiste; was haben Sie gelernt?

Ich habe gelernt, dass die Suche nach dem eigenen Karriereweg dasselbe, wie die Suche nach Erfüllung ist. In der Schule war es für mich wegen meiner Legasthenie eher schwierig. Als ich 16 Jahre alt war, ging ich einen ganz anderen Weg als meine Freunde und ich wurde sofort unabhängig. Ich musste meinen eigenen Weg gehen, mit der Unterstützung meiner Eltern. Meine Familie und Freunde wollten, dass ich die Konsequenzen des Weges, den ich gewählt hatte, verstehe. Sie gaben mir eine Chance, und ich musste Verantwortung übernehmen, um dem Vertrauen gerecht zu werden, das sie in mich gesetzt hatten.

Ich habe gelernt, dass die Suche nach dem eigenen Karriereweg dasselbe, wie die Suche nach Erfüllung ist.

Fanny Smith

Gibt es einen Moment, den Sie nie vergessen werden?

Ja, als ich 16 war, bin ich mit meinem Trainer nach Australien geflogen. Anschliessend gab es noch ein Rennen in Neuseeland, aber er konnte nicht mitfahren. Also sagten mir meine Eltern, ich könne allein gehen. Ich habe viel durchgemacht, aber ich war beeindruckt von der Tatsache, dass meine Eltern mir so sehr vertrauten und mich allein auf die andere Seite der Welt reisen liessen.

Ansonsten werde ich mich immer an meinen ersten Podestplatz im Weltcup erinnern: Ich habe ein letztes Überholmanöver gewagt, das mir in Erinnerung bleiben wird. Dank diesem Podium wurde ich für meine ersten Olympischen Spiele ausgewählt. Natürlich gibt es auch Enttäuschungen, die nicht leicht zu verdauen sind. Dies gilt insbesondere für die Olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi. Ich habe mein Ziel verfehlt, und es war ein langer Prozess, mein Selbstvertrauen zurückzugewinnen. Es war die schlimmste Verletzung meiner bisherigen Karriere – nicht physisch, sondern mental.

Was sind Ihre Schwächen und Stärken?

Ich bin eine Perfektionistin, was eine Stärke und zugleich aber auch eine Schwäche ist. Ich neige oft dazu, mehr tun zu wollen, aber in meinem Job muss man die richtige Balance finden. Ansonsten denke ich, dass ich eine hart arbeitende Frau bin, die sich leicht an jede Situation anpasst.

Vom ersten Rennen bis zu den ersten Olympischen Spielen; wie hat sich Ihr Leben verändert?

Es hat sich nicht viel geändert, wirklich nicht. Mit 16 Jahren wurde ich Profi-Skifahrerin und ein Jahr später nahm ich an meinen ersten Olympischen Spielen teil. Es ging alles sehr schnell, aber ich habe wirklich das Gefühl, dass sich nichts geändert hat, weil ich mich nicht verändert habe. Heute, wie zu Beginn meiner Karriere, mache ich Skicross nicht, um etwas zu beweisen, sondern weil ich eine Leidenschaft dafür habe. Deshalb ist es mir auch egal, was andere Leute denken.

Was hat Ihr erster Sieg für Sie bedeutet?

Es war der Lohn all meiner Bemühungen, aber auch der Beginn einer langen Karriere.

Wo ist Ihr Lieblingsort?

Villars ist mein Lieblingsort! Ich reise viel, aber mein Herz führt mich immer wieder nach Hause. Als ich jünger war, wollte ich woanders leben. Aber jetzt weiss ich, dass Villars mein Zuhause ist, ich fühle mich dort wohl und bin von meiner Familie und meinen Freunden umgeben. Ansonsten gibt es auch schöne Resorts in Kanada, wie Revelstocke, das sich hervorragend zum Freeriden eignet.

Wie bereiten Sie sich in jeder Saison körperlich vor, bevor Sie auf die Piste gehen?

Ich betreibe sieben Monate intensives Körpertraining für dreieinhalb Monate Wettkampf und einen Monat Urlaub. Die Vorbereitung ist also wirklich Teil der Arbeit (lacht). Genauer gesagt nehme ich im Mai Urlaub, und von Juni bis Dezember, wenn ich nicht auf Skiern unterwegs bin, trainiere ich zweimal täglich.

Und wie sieht es mit Ihrer mentalen Vorbereitung vor den Wettkämpfen aus?

Dies ist eine langfristige Arbeit, die das ganze Jahr über geleistet wird. Am Tag des Wettbewerbs kann man die Dinge nicht ändern. Ich integriere meine mentale Vorbereitung immer mit meiner physischen Vorbereitung, weil sie miteinander verbunden sind.

Wie gehen Sie im Allgemeinen an Wettbewerbe heran?

Nun, ich freue mich darauf, mein siebenmonatiges Training abzuschliessen (lacht). Es ist wichtig, zu trainieren, aber nur bei Wettkämpfen kommen all die verschiedenen Elemente zusammen und man spürt den wahren Geist des Wettkampfes.

Was ist für Sie wichtiger; der Weg oder das Ziel?

Der Weg, den man zurücklegt, führt zum Ziel. Für mich sind das also zwei Dinge, die Hand in Hand gehen. Ausserdem gibt es keinen Weg, wenn man keine Träume hat. Gerade in meinem Sport ist der Weg das Schönste, weil dort alles zusammenkommt. Das Ziel ist die Frucht all der Anstrengungen und erworbenen Fähigkeiten, die, wie wir hoffen, an diesem Tag in Einklang gebracht werden.

Was sind Ihre weiteren sportlichen Ziele?

Ich versuche immer, bei jedem Wettbewerb das Beste aus mir herauszuholen. Ein gutes Ergebnis ist natürlich das Sahnehäubchen auf dem Kuchen. Das ist es, was mich motiviert. Ich bin eine Gewinnerin, und wenn ich alles gewinnen könnte, würde ich alles gewinnen (lacht).

Ein gutes Ergebnis ist natürlich das Sahnehäubchen auf dem Kuchen. Das ist es, was mich motiviert.

Fanny Smith

Und was sind Ihre Ziele in Ihrem Privatleben?

Ich möchte das tun, was ich tun möchte, und ich möchte mir leisten können, es zu tun.

Was erwartet Sie in der neuen Saison?

Es wird erst den Weltcup-Zirkus geben und im Februar dann die Weltmeisterschaften in China.

Wenn Sie in der Welt des Skicross eine Sache ändern könnten, was würden Sie ändern?

Ich würde die Sprünge noch höher setzen (lacht). Im Ernst: Ich würde mehr Mittel in die Stärkung der nächsten Generation investieren, zum Beispiel durch die Sicherung der Plätze auf der Europapokal-Rennstrecke.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Ganz einfach: Gesundheit!

Fanny Smith in Kürze

Ich liebe den Winter, weil … er zauberhaft ist!

Mein idealer Wintertag ist … umgeben von guten Leuten, unter schönen Schneeflocken zu freeriden.

Dieses Jahr möchte ich als Weihnachtsgeschenk … die Weltmeisterschaft gewinnen!

Im Winter möchte ich nur… heisse Schokolade trinken!

Die Person, die ich in der Welt des Skicross am meisten bewundere, ist … Ophelia David!

Ich brauche immer noch … mein Schweizer Armeemesser.

Ich wünsche Ihnen … gute Gesundheit!

Interview Andrea Tarantini
Übersetzung aus dem Französischen Fatima Di Pane

Bild Mirjam Kluka & Maurin Bisig / Red Bull Content Pool

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