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18 August 2019

Die Schutzengel der Meere.

Sie fahren raus, wenn andere reinkommen. Sie retten Leben, wenn sich andere in Sicherheit bringen. Und das Erstaunlichste: Sie machen es zum grössten Teil freiwillig. Immer am letzten Sonntag im Juli organisiert die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) den Tag der Seenotretter. In diesem Jahr ist es der 28. Juli, an dem man ein besonders grosses Dankeschön an all diejenigen richtet, die auf See für andere um Leben und Tod kämpfen.

Michael Müller

Am 28. Juli gibt die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger zum 21. Mal die Gelegenheit, in die Welt des Rettungsdienstes auf hoher See einzutauchen. Am Tag der Seenotretter bringen mehr als 50 Stationen und ihre Besatzungen an der Nord- und Ostsee ihre täglichen Aufgaben den Besucherinnen und Besuchern näher. Dies stösst jedes Jahr auf grosse Begeisterung, denn es ist eine lebensrettende Aufgabe. Die Station Laboe an der Kieler Förde, welche sich nahe an der Grenze Dänemarks befindet, feiert heuer auch ihr 125-jähriges Stationsbestehen. Dies bedeutet dem Vormann der Station, Michael Müller, besonders viel. Seit 21 Jahren hilft der 51-Jährige in Not geratenen Menschen auf hoher See. Seine Verantwortung ist gross: Er leitet die ganze Besatzung, alle Einsätze und den gesamten Stationsbetrieb der Station Laboe.

Wenn eine Leidenschaft zum Beruf wird

Mit 14 Jahren kam Michael Müller erstmals in Kontakt mit den Seenotrettern. Als er und sein Freund auf einem Angelkutter auf See waren und der Kumpel von einem giftigen Fisch gestochen wurde, kam der in Laboe stationierte Seenotrettungskreuzer zu Hilfe. Jahre später fällte er den Entscheid, auch Teil von einem der modernsten Seenotrettungsdienste der Welt zu sein. Bis heute schildert er voller Passion: «Helfen zu können, ist eine tolle Sache. Oft fahren wir gerade dann raus, wenn andere Schiffe schützende Häfen anlaufen.

Dankbarkeit als höchstes Gut

Als Seeleute wissen wir: Trotz bester Seemannschaft kann auf See auch ein kleines Problem schnell zu einer grossen Gefahr werden. Man ist draussen schnell auf sich alleine gestellt. Dann muss es jemanden geben, der rausfährt. Wir fragen niemals danach, warum jemand in Seenot geraten ist. Seit der Gründung der DGzRS 1865 retten wir unabhängig und ohne Ansehen von Person und Ursache. Wir erfahren oft grosse Dankbarkeit der Geretteten – egal ob es um die Existenz eines Fischers geht oder um das nackte Überleben Schiffbrüchiger in der Rettungsinsel nach einem Brand auf ihrem Boot. Ein einfaches Danke ist genug, mehr brauchen wir für unsere Arbeit nicht.»

Auf See gibt es kein Mein oder Dein.

Eine WG auf See

Mehr als 800 Seenotretter der DGzRS sind Freiwillige. Sie werden genauso alarmiert wie freiwillige Feuerwehrleute, besetzen innerhalb weniger Minuten ihr Schiff und fahren hinaus aufs Meer. Michael Müller und seine Besatzung hingegen gehören zu den 180 Festangestellten. Um den Arbeitstag bewältigen zu können, braucht es eine eingeschworene Gemeinschaft. Im Normalfall sind vier Personen an Bord: Zwei Nautiker und zwei Maschinisten. Jedoch muss der Nautiker notfalls auch die Maschinen bedienen können und die Techniker müssen das Schiff auch ohne Hilfe sicher in den Hafen bringen. 14 Tage lebt die Besatzung auf engstem Raum zusammen und hat anschliessend genauso lange frei – dies immer im Wechsel. «Das Team arbeitet auf ungefähr 30 Quadratmetern rund um die Uhr an Bord unseres Seenotrettungskreuzers ‹Berlin›.

Wir haben viel zu tun, um unser Spezialschiff – eine Mischung aus Rettungswagen, Feuerwehrfahrzeug und Abschleppwagen – ständig für jeden erdenklichen Notfall einsatzbereit zu halten. Wir sind eine Art Männer-WG auf See, die auch einen Haushalt zu organisieren hat. Zum Beispiel ist jeden Tag jemand anderes an der Reihe, um für alle zu kochen.» Ein guter Zusammenhalt sei sehr wertvoll, wenn es um die Verarbeitung der Schicksalsschläge anderer gehe: «Wir kennen uns wohl gegenseitig besser als unsere Ehefrauen. Das macht uns auch in schwierigeren Situationen stark. Jeden Einsatz bereiten wir nach, belastende umso intensiver. Unsere Gesellschaft stellt uns in besonders extremen Situationen auch externe Hilfe zur Seite. All das ist viel wert.»

«Man weiss nie, was kommt.»

Auf die Frage nach seiner prägendsten Erfahrung entgegnet Müller: «Das einschneidendste Erlebnis – wir wollen es nicht hoffen – könnte schon der nächste Einsatz sein. Was ich damit sagen will: Man weiss nie, was kommt.» Bei Situationen, wo jede Hilfe zu spät komme, lerne man zu akzeptieren, dass es Tage gebe, an denen man nicht helfen könne. Doch die DGzRS leistet Jahr für Jahr mehr als 2000 erfolgreiche Einsätze auf Nord- und Ostsee. Wenn eine Rettung eines Schiffbrüchigen im Gange ist, sei häufig eine medizinische Versorgung notwendig: «Die Unterkühlung gehört zu den grössten Gefahren für Schiffbrüchige. Unser Seenotrettungskreuzer verfügt über ein Bordhospital. Die Ausstattung ist vergleichbar mit der eines Rettungswagens an Land. Das Leben der Geretteten und ihre Übergabe in die Obhut des Landrettungsdienstes stehen stets an erster Stelle. Ist das gesichert, können wir uns auch um das havarierte Schiff und seine Bergung kümmern.»

Wir fragen niemals danach, warum jemand in Seenot geraten ist.

Das Spezialschiff, der Seenotkreuzer «Berlin», kann sich in Extremsituationen einmal um die eigene Längsachse drehen und sich immer wieder selbst aufrichten. «Dann geht es allerdings nicht mehr darum, andere Menschen zu retten, sondern eine sichere Plattform zu sein für die Seenotretter selbst.» Zur «Berlin» gehört das Tochterboot «Steppke», welches sich für Flachwassergebiete besser eignet. Jährlich ist die «Berlin» bei 130 bis 150 Notfällen im Einsatz. Bei den Involvierten handelt es sich um Fortbewegungsmittel aller Art: Von Frachtschiffen über Kreuzfahrtschiffe bis hin zu Segelbooten oder Surfern. 

«Respekt ist der tägliche Passagier»

Den erfahrenen Seenotretter kann so schnell nichts aus der Ruhe bringen. Dennoch hält sich Müller immer wieder vor Augen: «Jeder Einsatz ist anders. Als Seenotretter muss man immer wachsam sein. Ruhe zu bewahren heisst nicht, in Routine zu verfallen.» Angst wäre zudem ein schlechter Steuermann: «Wir haben jedoch Respekt vor der See. Und der fährt immer mit. Wir haben zwar äusserst seetüchtige Schiffe, und die modernste Technik hilft uns dabei, die zweifellos vorhandenen Risiken unserer Einsätze so gering wie möglich zu halten. Aber wir sind keine unverwundbaren Superhelden. Für ein solches Denken ist bei uns an Bord kein Platz. Wer die Gefahren der See kennt, wird demütig. Erst vor wenigen Wochen sind drei Kollegen unserer französischen Schwestergesellschaft im Einsatz ums Leben gekommen. Solche Unglücke sind auch in modernsten Zeiten niemals vollständig auszuschliessen. Das führt uns einmal mehr schmerzlich vor Augen, dass es keine hundertprozentige Sicherheit gibt. Die See wird immer stärker sein als der Mensch. Aber das macht uns keine Angst.»

Seenotrettung ist international

«Auf See sind die Grenzen fliessend.» Mit den Schwesterorganisationen in Deutschlands Nachbarländern werde Hand in Hand gearbeitet: «Auf See gibt es kein Mein oder Dein – wer am besten und schnellsten helfen kann und das beste Einsatzmittel für den Fall hat, der fährt dort hin, darüber wird nicht diskutiert.» Auch das Binnenland Schweiz kann mit den 50 Hochseeschiffen unter eidgenössischer Flagge stets auf die Hilfe der DGzRS zählen. Michael Müller rät zudem für das «Bööteln» auf den Schweizer Seen: «Ganz grundsätzlich gilt, und das trifft für Binnengewässer genauso zu wie für die See: Zu guter Seemannschaft gehört eine umfassende und umsichtige Vorbereitung für jede geplante Fahrt. Das betrifft die Technik, ebenso wie die Fähigkeiten der Crew. Niemand sollte sich mit einem Fahrzeug hinauswagen, das für das geplante Revier nicht geeignet ist, oder seine Besatzung in Situationen bringen, denen sie nicht gewachsen ist.»

Schweizer Unterstützung

Die DGzRS ist freiwillig, unabhängig und ausschliesslich von Spenden finanziert. Die Seenotretter haben auch aus der Schweiz rund 3000 Spendenmitglieder. Dass Seenotrettungsorganisationen durch Spenden finanziert werden, sei in Europa seit vielen Jahrzehnten kein Einzelfall, jedoch: «Dass die DGzRS die Zuständigkeit für diese hoheitliche Aufgabe vom Staat übertragen bekommen hat, also völlig eigenverantwortlich handelt, gilt weltweit als einmalig.» Einmalig ist auch jeder von Michael Müllers Arbeitstagen, denn man weiss eben nie, was kommt – ausser am 28. Juli. Dann liegt die Aufmerksamkeit für einmal nicht auf Schiffbrüchigen, sondern auf deren Rettern. Michael Müller fügt jedoch an: «Einsatzbereit bleiben wir selbstverständlich auch dann. Wenn ein Notruf reinkommt, sind wir weg.»

Artikel: Tina Spichtig

Bilder: DGzRS – Die Seenotretter

Ein anderes spannendes Porträt gibt es hier zu lesen.

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