Angesichts geopolitischer Spannungen steht die Energieversorgung erneut stark im Fokus der öffentlichen Diskussion. Um die Abhängigkeit vom Ausland zu reduzieren sowie die zunehmende Dekarbonisierung und die damit verbundene Elektrifizierung zu bewältigen, ist der Ausbau erneuerbarer Energien in der Schweiz zentral – doch vielerorts kommt er weiterhin nur schleppend voran. In Uri geht es vorwärts: Der Urner Energiedienstleister energieUri baut derzeit parallel Wasser-, Wind- und alpine Solarkraft aus, ergänzt durch innovative Speicherlösungen sowie Wasserstoff. Werner Jauch, CEO der energieUri-Gruppe, erklärt, warum dies gerade in Uri gelingt, gibt Einblick in die Projekte und spricht über die zentralen Herausforderungen der Energiewende.

Werner Jauch
CEO energieUri-Gruppe
Werner Jauch, energieUri setzt aktuell Ausbauprojekte in der Wasser-, Wind- und alpinen Solarenergie um. Warum setzt energieUri parallel auf drei Technologien?
Entscheidend ist ein optimal abgestimmter Energiemix. Nur so gelingt es, während 8760 Stunden eines Jahres zuverlässig Energie bereitzustellen. Die Laufwasserkraft ist da führend unter allen erneuerbaren Energietechnologien und erreicht mit rund 4000 Volllaststunden sehr hohe Werte. Der Fokus beim weiteren Ausbau muss jedoch insbesondere auf der Winterenergie sowie auf der Flexibilisierung liegen, diese wird insbesondere durch den in der Schweiz vom Volk beschlossenen schrittweisen Ausstieg aus der Kernenergie immer zentraler. Hier leisten auch die Windkraft und die alpine Photovoltaik einen wichtigen Beitrag.
Wo stehen die einzelnen Projekte?
Bei der alpinen Photovoltaikanlage in der Sidenplangg, der ersten und bislang einzigen in der Zentralschweiz, konnten wir Ende 2025, wie vom Solarexpress gefordert, mehr als zehn Prozent der Anlage in Betrieb nehmen. Die ersten Produktionszahlen des 40-Millionen-Projekts stimmen uns sehr positiv. Dank der Lage auf rund 2000 Metern über Meer im Urner Schächental – und damit über der Nebeldecke – sowie den reflektierenden Schneeflächen herrschten im vergangenen Winter optimale Bedingungen. Der grosse Vorteil der Anlage liegt insbesondere im hohen Winterstromanteil von fast 50 Prozent. Zudem liegen die Leistungsspitzen im Winter – genau dann, wenn die Energie benötigt wird. Aktuell laufen die Arbeiten für die zweite Bauetappe.
Auch der Windpark Uri ist bereits in Betrieb.
Genau, seit Ende November 2025 produzieren unsere beiden Windenergieanlagen auf dem Gütsch in der Gemeinde Göschenen Strom. Weniger als sechs Monate nach dem Spatenstich konnten wir bereits die Inbetriebnahme feiern. Etwa 60 Prozent der Jahresproduktion fallen im Winter an. Ein Teil des Stroms wird direkt vor Ort von Andermatt Swiss Alps genutzt.
Im Meiental wird ebenfalls gebaut. Wie ist der aktuelle Stand beim neuen Wasserkraftwerk?
Die Bauarbeiten haben im vergangenen Herbst begonnen und verlaufen bisher planmässig. Die Inbetriebnahme des 40-Millionen-Projekts mit einer Leistung von 34 Gigawattstunden ist – sofern alles nach Plan läuft – für Ende 2028 vorgesehen. Dank begleitender Verkabelungen wird mit dem Projekt auch die Versorgungssicherheit im Meiental weiter gestärkt.
EnergieUri übernimmt bei allen Grossprojekten die Gesamtprojektleitung. Woher stammt dieses Know-how?
Seit 2006 hat energieUri 17 Kraftwerksprojekte erfolgreich realisiert. Dieses breite interne Know-how unserer Fachspezialistinnen und Fachspezialisten fliesst direkt in die aktuellen Vorhaben ein. EnergieUri deckt dabei die gesamte Wertschöpfungskette ab – von Planung und Bau über Betrieb bis zur Bewirtschaftung der Anlagen. Diese Arbeit schafft nicht zuletzt auch hoch qualifizierte Arbeitsplätze im Kanton Uri. Aktuell beschäftigen wir 370 Mitarbeitende, darunter 80 Lernende, und zählen damit zu den grössten Arbeitgebern im Kanton. Unser Fachwissen ist zudem schweizweit gefragt: Heute betreibt und bewirtschaftet energieUri rund um die Uhr an 365 Tagen im Jahr insgesamt 32 Kraftwerke mit 49 Maschinensätzen – eigene Anlagen, Partnerwerke sowie Kraftwerke Dritter, vom Wallis bis nach Basel.
Schweizweit gibt es viele Projektideen für den Ausbau erneuerbarer Energien, doch nur wenige werden umgesetzt. Warum gelingt das ausgerechnet in Uri?
Als regional verankertes Unternehmen in einem Gebirgskanton kennen wir die Anliegen der lokalen Bevölkerung und haben uns zudem mit zahlreichen erfolgreich umgesetzten Projekten über Jahre hinweg Vertrauen erarbeitet. Ebenso wichtig ist die gute Zusammenarbeit mit den Bewilligungsbehörden sowie den Grundeigentümern. Zudem bringen die Projekte einen konkreten Mehrwert für die Region, als Beispiel: Von den rund 240 Millionen Franken, die wir in den letzten zwölf Jahren gemeinsam mit Partnern investiert haben, blieben rund 80 Prozent im Kanton Uri – ein grosser Teil davon in Form von Aufträgen für Urner KMU. Dazu kommen gestiegene wiederkehrende Abgaben für die öffentliche Hand. Gerade in den aktuellen Zeiten ist diese lokale Wertschöpfung sicherlich sehr willkommen.
Reichen die aktuellen Projekte aus, um eine mögliche Winterstromlücke zu schliessen?
Nein. Jede einzelne Anlage leistet zwar einen wichtigen Beitrag, doch für eine sichere Winterversorgung braucht es deutlich mehr: zusätzliche Wasserkraft, Windenergie und auch saisonale Speicher.
Plant energieUri weitere Projekte?
Im Bereich Windenergie prüfen wir zurzeit einen Neubau vom Windpark Riental, angrenzend an den bestehenden Windpark Uri. Bei der Wasserkraft liegt der Fokus derzeit auf dem Kraftwerk Meiental. Zudem sind wir bei den Rekonzessionierungen des Kraftwerks Lucendro und der Reusskaskade involviert. Auch im bestehenden Kraftwerkspark sehen wir noch Potenzial. Dabei spielt die Flexibilisierung der Wasserkraft eine zentrale Rolle. Neue saisonale Speicher wie zusätzliche Stauseen sind in der Schweiz zwar nur sehr schwer realisierbar, bleiben aber aus unserer Sicht zwingend notwendig. Dazu setzen wir das Wasserstoffprojekt in Bürglen um, dies könnte zukünftig auch zur saisonalen Speicherung von Energie genutzt werden, doch die Technologie muss sich noch weiter etablieren.
Die aktuellen sowie kommenden Herausforderungen sind bekannt. Die Lösungen dafür auch. Nun braucht es Durchhaltewillen, teilweise auch eine Portion Mut sowie innovative Lösungen.– Werner Jauch, CEO energieUri-Gruppe
Mit dem Pumpspeicherkraftwerk Isenthal und der Grossbatterie beim Kraftwerk Arniberg verfügt energieUri bald über zwei eigene Speicherlösungen. Wozu dienen diese?
Beide Anlagen dienen der Flexibilisierung der Energieproduktion. Sie helfen, Lastspitzen abzufedern und Systemdienstleistungen für die Netzstabilität zu erbringen – ein zunehmend wichtiger Faktor angesichts der wachsenden Volatilität im Energiesystem. Gleichzeitig können wir damit die Kosten für Ausgleichsenergie senken, wovon letztlich unsere Stromkundinnen und -kunden profitieren. Solche innovativen Projekte sind sicherlich ein Grund, dass wir in Uri aktuell die fünfttiefsten Strompreise in der Schweiz haben. Bei beiden Anlagen handelt es sich aber um Kurzzeitspeicher und nicht, wie zum Beispiel beim Kraftwerk Lucendro mit dem eigenen Stausee, um einen saisonalen Speicher.
Apropos Lucendro: Welche Rolle übernimmt energieUri dort?
Erstmals in der rund 80-jährigen Geschichte des Kraftwerks wird der Urner Wasseranteil direkt in Uri bewirtschaftet. EnergieUri übernimmt diese anspruchsvolle Aufgabe für den Kanton mit der 24-Stunden-Leitstelle in Altdorf. Die Erlöse fliessen in die Kantonskasse. Zudem unterstützen wir den Kanton bei der komplexen interkantonalen Rekonzessionierung.
Ein Treiber der von Ihnen erwähnten Volatilität ist unter anderem der starke Ausbau der Photovoltaik. Wo liegt die Herausforderung?
Vorweg, das ist keine lokale, sondern eine europaweite Herausforderung. Photovoltaik ist und bleibt sinnvoll, muss jedoch auf den Eigenverbrauch abgestimmt sein – idealerweise ergänzt durch einen Batteriespeicher oder künftig durch das Elektroauto sowie ein intelligentes Energiemanagement. Problematisch wird es dann, wenn zu bestimmten Zeiten sehr viel Strom ins Netz eingespeist wird, obwohl er nicht benötigt wird, der dann trotz negativer Marktpreise vergütet werden muss. Dies ist auch eine Diskriminierung gegenüber anderen erneuerbaren Energien wie der Wasserkraft.
Ist das eine neue Entwicklung?
Nein, aber das Ausmass ist neu. Während es früher vielleicht 20 bis 70 Stunden pro Jahr mit negativen Preisen gab, waren es 2025 bereits 303 Stunden. Das wird in Zukunft noch weiter zunehmen. Das belastet die Systemstabilität und führt gleichzeitig dazu, dass die erneuerbaren Energien, insbesondere die Photovoltaik, an wirtschaftlichem Wert verliert.
Was unternimmt energieUri selbst dagegen?
Neben unseren beiden eigenen Speicherprojekten haben wir mit den neuen Strompreisen als einer der ersten Energieversorger in der Schweiz eine energiewirtschaftlich optimierte Preiszeitenabstufung eingeführt. Im Sommerhalbjahr gilt der Sparpreis neu tagsüber statt nachts. Damit schaffen wir gezielte Anreize, Strom dann zu nutzen, wenn sowieso bereits viel Energie verfügbar ist, und entlasten gleichzeitig das Netz.
Welche Rolle spielt hier die eigene Energiewirtschaft?
Wir erstellen an unserem Hauptsitz in Altdorf täglich viertelstundengenaue Prognosen und Fahrpläne. Abweichungen werden über Ausgleichsenergie von Swissgrid verrechnet – deren Kosten schweizweit stark gestiegen sind. Dank präziser Prognosemodelle, der grossen Erfahrung unserer Mitarbeitenden in der Rund-um-die Uhr-Leitstelle und eines flexibilisierten Kraftwerksparks konnten wir diese Kosten bisher gut im Griff behalten. Das zeigt sich auch bei den Strompreisen: Uri verfügt aktuell über die fünftgünstigsten Strompreise der Schweiz. Zudem entwickeln wir gerade eigene KI-Projekte und investieren so weiter in unsere Prognosefähigkeit.
Abschliessend, was braucht es jetzt konkret für eine erfolgreiche Energiewende?
Wir müssen schweizweit endlich konsequent ins Handeln kommen – ganz nach unserem Motto: «Es tun!» Leider wird in der Schweiz noch zu oft diskutiert, analysiert und verzögert, statt konkrete Projekte umzusetzen. Die aktuellen sowie kommenden Herausforderungen sind bekannt. Die Lösungen dafür auch. Nun braucht es Durchhaltewillen, teilweise auch eine Portion Mut sowie innovative Lösungen. Wir bei energieUri gehen diesen Weg seit Jahren und werden dies auch in Zukunft mit viel Energie tun.
Weitere Informationen unter:
energieuri.ch
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