mehr «fahrende» braucht  land
Business Transport & Logistik

Mehr «Fahrende» braucht das Land

10.06.2022
von SMA

Laut dem Schweizerischen Nutzfahrzeugverband Astag hören jährlich rund 5000 Lastwagenchauffeur:innen mit ihrem Job auf, und nur rund 2000 kommen über eine Lehre oder den Quereinstieg hinzu. Was kann man dagegen tun?

Fahrerinnen und Fahrer sind begehrt. Jahr für Jahr sucht PostAuto speziell viele von ihnen – alleine im Tessin 150: «In den nächsten acht Jahren brauchen wir wegen Pensionierungen, der Fluktuation und dem ÖV-Ausbau 800 Fahrerinnen und Fahrer», schreibt etwa der PostAuto-Betriebsleiter Peter Lacher auf der Post-Homepage. Und gemäss der Zeitung Le nouvelliste sind Profi-Fahrer:innen hierzulande eine Mangelware. Ob auf der Schiene oder der Strasse, ja sogar in der Luft fehlen die Menschen, welche die Verantwortung und Kontrolle über eine hochkomplexe Maschine im öffentlichen Raum übernehmen wollen, bestätigt auch der Verband routiers.ch.

Auf dem Arbeitsmarkt haben in diesem Rennen um den Typus Mensch staatsnahe und finanzstarke Betriebe einen grossen Vorteil. Doch auch ein KMU kann dem Arbeitnehmer viel bieten. Wer den Fahrer nicht nur als billiges Werkzeug ansieht, den man dazu zwingen kann, gegen Gesetze zu verstossen, der geht ganz klar mit Vorteilen ins Rennen um die besten Chauffeur:innen. So gesehen spielen gute oder bessere Arbeitsbedingungen eine zentrale Rolle, um die Menschen im Job zu behalten.

UNIA, Syndicom und SEV wollen mitmischen

Alle zehn Jahre dieselbe Geschichte: Die Gewerkschaften Unia, Syndicom und SEV wollen im Strassentransport Fuss fassen, wie der Routiers-Generalsekretär David Piras schreibt.

Die Unia stehe für bessere Löhne und weniger Arbeitszeit, aber lieber nicht in Verbindung mit einem Job auf der Strasse.

Die Unia habe generell Hunger auf alles, der SEV sähe den Transport lieber auf der Schiene und Syndicom versuche, Ordnung in den Posttransport zu bringen: «Die Gewerkschaftsarbeit im Strassentransport ist nicht einfach», so Piras. «Bei verkehrspolitischen Abstimmungen sind die Gewerkschaften generell auf grünem Kurs. Die Verbindungen zur SP führen immer wieder dazu, dass sich die Unia gelegentlich gegen den Strassenverkehr äussern muss oder sich zumindest sehr passiv verhält.»

Die Unia stehe für bessere Löhne und weniger Arbeitszeit, aber lieber nicht in Verbindung mit einem Job auf der Strasse. Der SEV möchte möglichst viel Güterverkehr auf die Schiene verlagern und verstehe den Lastwagentransport schon seit Langem als Urfeind. Syndicom als traditionelle Postgewerkschaft habe endlich im KEP-Transport fussgefasst.

Weniger Schule, mehr Praxis?

«Jeden Abend um vier Uhr am Gubrist eineinhalb Stunden anstehen und wissen, das ist mein Feierabend, der da gerade flöten geht. Ich habe Verständnis, dass die Leute sich anders orientieren.» Dies sagt in einem SRF-Beitrag ein Mann, der selber seit 30 Jahren Lastwagen fährt und heute Chef ist von 1000 Mitarbeitenden und 500 Lkws: Daniel Schöni, Inhaber des gleichlautenden Transportunternehmens aus Rothrist.

Er geht neue Wege, wenn es um die Anstellung von Fahrern und Fahrerinnen geht, macht gute Erfahrungen mit Strassentransport-Praktikern. Die zweijährige Berufslehre gibt es neben der dreijährigen für Strassentransport-Fachleute seit sechs Jahren. «Die Frage stellt sich: Wie komplex muss ein Berufsbild sein, damit man eine Lehre machen kann? Wie viel schulische Intelligenz muss jemand mitbringen», so Schöni gegenüber SRF. «Und vielleicht müssen wir schulisch zurückfahren und praktisch hochfahren: Asylanten, Leute, die vielleicht am Rand sind, zweiter Arbeitsmarkt.»

Faire Löhne gefordert

Der Fahrberuf an sich ist wunderbar: Verantwortung, Selbständigkeit und ein direkter Kontakt mit der Kundschaft zählen zu den Vorteilen. Eine Chauffeuse und ein Chauffeur erledigen ihre Aufgaben in Eigenregie. Auf der anderen Seite bestehen Auflagen von Behörden, Kontrollen, Druck von Kund:innen, vom Chef und auch ein gewisses Risiko, in einen Verkehrsunfall verwickelt zu werden. Der Beruf erfordert eine grosse Vielseitigkeit und hohe Eigenmotivation.

Die Öffentlichkeit stellt die Anforderungen für einen partnerschaftlichen Umgang im Strassenverkehr und auch der Umweltschutz wird immer mehr. Und da die Arbeit hauptsächlich in der Öffentlichkeit stattfindet, wird das Image des Strassentransportes gemäss routiers.ch hauptsächlich von den «Fahrenden» bestimmt. Ein zufriedener Mensch hinterlässt auf der Strasse und bei der Kundschaft ein deutlich besseres Bild. Wenn ausserdem das betriebliche Umfeld stimmt, wirkt sich dies positiv auf die Verkehrssicherheit aus. Aus diesen Gründen ist es absolut notwendig, dass die Arbeitsbedingungen stimmen.

Die Firmen müssen ihre Chauffeur:innen respektieren und für die geleistete Arbeit einen fairen Lohn bezahlen. Oder wie es auf der Routiers-Verbandshomepage steht: «Wir setzen uns dafür ein, dass Berufsfahrende ihre Arbeit unter Einhaltung von gesetzlichen Bestimmungen durchführen können und über lange Jahre Freude an ihrem Beruf haben, denn was nichts kostet, ist nichts wert.»

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